Australien: Überrepräsentation von Indigenen in Haft

Autorin: Vanessa Axt, Praktikantin im Referat Indigene Völker

Foto: „Kinder im Wasser“ by Ed Gold / Wikipedia CC BY-SA 4.0

Mehr als die Hälfte aller Minderjährigen in Australiens Jugendstrafanstalten sind indigen. Ab einem Alter von 10 Jahren werden sie schon für Bagatelldelikte angeklagt, verurteilt und in Gefängnissen eingesperrt. Die Jugendkriminalität steht laut Queenslands Familien- und Kinderkommission in einem direkten Zusammenhang mit sozialer und wirtschaftlicher Benachteiligung. Um den Kindern eine Chance auf eine bessere Zukunft zu geben, müssen diskriminierende Gesetze abgeschafft, das Strafmündigkeitsalters auf 14 Jahre angehoben und gemeindebasierte Programme gefördert werden.

Die Gerechtigkeitslücke im australischen Justizsystem

Während nur jedes fünfzehnte Kind in Australien indigen ist, machen sie mehr als die Hälfte der in den Jugendstrafanstalten befindlichen Heranwachsenden aus. Jede*r Zweite von ihnen befindet sich in Untersuchungshaft und wartet somit noch auf den Gerichtsprozess, in welchem schließlich 40 Prozent freigesprochen oder zu einer Strafe ohne Freiheitsentzug verurteilt werden. Trotzdem sitzen sie alle, schuldig oder nicht, erst einmal vorläufig in Haft – oftmals in den sogenannten Watch Houses, die das überfüllte Jugendgefängnissystem entlasten sollen.

Bei einem Großteil der von den unter 14-Jährigen begangenen Straftaten handelt es sich um einfache Vergehen wie Diebstahl, Ordnungswidrigkeiten, Einbruch und Eigentums-, Drogen- oder Verkehrsdelikte. Laut des Australian Early Development Census treffen Heranwachsende in diesem Alter Entscheidungen häufig aus Impulsen und Emotionen heraus, ohne dabei die Folgen oder Auswirkungen richtig abschätzen zu können. Auch für Druck, der innerhalb von Freundesgruppen entsteht, sind 10- bis 13-Jährige besonders anfällig. Weitere Risikofaktoren sind Armut, Obdachlosigkeit, Missbrauch und Vernachlässigung, intergenerationales Trauma, psychische Erkrankungen, intellektuelle Beeinträchtigungen und vorbestrafte Elternteile.

Anstatt auffällige indigene Kinder zu verwarnen und an Unterstützungsprogramme zu verweisen, tendiert die australische Polizei dazu, sie sofort strafrechtlich zu belangen. Doch ein Gefängnis ist kein Ort für ein Kind. Berichte von Menschenrechtsorganisationen zeigen, dass ein strafrechtlicher Prozess unverhältnismäßig negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern hat und letztendlich ihre Zukunft gefährdet. Strafmaßnahmen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt im Leben erneut in Schwierigkeiten geraten und verfehlen somit ihr eigentliches Präventionsziel.

„Kleine Kinder im Alter von 10 Jahren zum Justizsystem zu verdammen, ist nicht nur eine Verschwendung von Geld und Zeit, sondern auch von kostbaren jungen Leben, die es verdienen, bei ihren Familien zu sein und nicht im Gefängnis.“ – Rodney Dillon, Berater für indigene Rechte bei Amnesty International im Rahmen der Kampagne „Indigenous Justice“.

Foto: „Mann mit Flagge “ by Julian Meehan / Flickr CC BY-SA 2.0

Zudem kommt es immer wieder zu Todesfällen und Menschenrechtsverletzungen an indigenen Verhafteten. Im Northern Territory transportieren Polizist*innen festgenommene Kinder stundenlang ohne Sicherheitsgurte, Beleuchtung oder Klimaanlage in Käfigen auf den Ladeflächen von Polizeipickups. In der überfüllten Jugendstrafanstalt „Don Dale“ in Darwin, Northern Territory sind Kinder gezwungen, bis zu neun Stunden am Tag in ihren Zellen zu bleiben und in Ecken zusammen zu hocken, um dem Regen zu entgehen. Zudem liegen Beweise für institutionelle Gewalt und Misshandlungen in Wachhäusern vor. Diese Beispiele machen deutlich, welchen Gefahren Kinder in Haft ausgesetzt sind und weshalb sich ihre psychische Gesundheit durch einen Aufenthalt im Gefängnis häufig verschlimmert.

Präventions-, Diversions- und Rehabilitationsprogramme

Statt die Ursachen der Überrepräsentation von indigenen Kindern in Gefängnissen zu bekämpfen, vergrößert die australische Regierung weiter Jugendstrafanstalten und implementiert Gesetze und Strategien, die die indigene Bevölkerung im Land weiter diskriminiert und entmachtet. Ein einschlägiges Beispiel ist die paternalistische Stronger Futures Policy (früher: Northern Territory Intervention), welche Kindesmissbrauchsvorwürfe in indigenen Gemeinden zum Anlass nahm, um grundlegende Rechte Indigener unverhältnismäßig stark einzuschränken. Zudem wurde im gleichen Territorium erst im Mai 2021 ein Kautionsgesetz erlassen, welches zu einem erneuten Anstieg an Inhaftierungen von indigenen Kindern führte.

Foto: „Stronger Future” by Amanda / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Es ist an der Zeit, dass die australische Regierung endlich ihren Verpflichtungen zum Schutz der Rechte indigener Kinder nachkommt, indem sie die fehlerhaften Teile ihres Rechts- und Justizsystems überarbeitet und indigene Gemeinden und ihr Selbstbestimmungsrecht anerkennt und stärkt. Die Regierung muss in einen gleichberechtigten Dialog mit den Indigenous Australians treten, um nachhaltige Lösungen für die gefährdeten und inhaftierten Kinder zu finden und ein gerechteres Jugendstrafsystem zu schaffen.

Auf lokaler Ebene gibt es bereits eine Vielzahl an von Indigenen geleiteten Präventions-, Diversions- und Rehabilitationsprogrammen, die eine kulturell angemessene Hilfe für die Kinder darstellen und ihnen die Unterstützung geben, die sie brauchen. Diese Initiativen benötigen angemessene Förderung von der Regierung, um Programme effektiv umsetzen zu können. Kinder müssen in ihren Gemeinden aufwachsen, in denen sie Unterstützung durch ihre Familien- und Gemeindemitglieder erfahren und wo ihnen Dienstleistungen wie therapeutische Unterstützung, Schulbildung und eine Gesundheitsversorgung zur Verfügung stehen. Deshalb fordern wir, dass das Alter der Strafmündigkeit gemäß den internationalen Standards der UN auf 14 Jahre erhöht und Kinder in Untersuchungshaft sofort entlassen werden.


Wenn auch Du etwas tun möchtest, um indigene Kinder in Australien zu schützen, unterschreibe folgende Petitionen von Amnesty Australien:

Fordere die Anhebung des Strafmündigkeitsalters!

Fordere die Freilassung von Kindern, die im Gefängnis auf ihren Prozess warten!

Fordere, den Tod von Indigenous Australians in Haft zu beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen!

Fordere, den Transport von Kindern in Polizeikäfigen zu verbieten!

Quellen

Amnesty International Australien (2020): „Raise the Age: Kids belong in community

Amnesty International Australien Kampagne: „Indigenous Justice

Steering Committee for the Review of Government Service Provision (2014): „Overcoming Indigenous Disadvantage. Key Indicators 2014

Queensland Family & Child Commission (2017): “The age of criminal responsibility in Queensland

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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