80. Jahrestag der Deportation der Tschetschen*innen

Vor 80 Jahren, am 23. Februar 1944 wurde das Volk der Tschetschen*innen und Ingusch*innen kollektiv von der Roten Armee nach Zentralasien, besonders ins heutige Kasachstan deportiert. Mehr als die Hälfte der Deportierten kam während oder in den ersten Jahren nach der Deportation ums Leben. Eine tschetschenische Freundin der GfbV-Referentin Sarah Reinke, die als Migrantin im europäischen Ausland leben muss, hat diesen Text zum Jahrestag der Deportation verfasst.

Autor*in: Anonym
Foto: tjabeljan via Flickr (CC BY 2.0).

Was bedeutet der 23. Februar für mich?

Achtzig Jahre sind seit dem 23. Februar 1944 vergangen – einem tragischen Datum für alle
Tschetschen*innen. Mehr als die Hälfte meines Volkes ist damals umgekommen. Die genaue Zahl nenne ich nicht, weil sie selbst in offiziellen Quellen unterschiedlich ist, und das ist verständlich, denn niemand hat diejenigen gezählt, die auf dem Weg in die kasachische Steppe in Viehwaggons starben. Die lange Bahnstrecke – die Züge waren 18 Tage unterwegs – war gesäumt von Leichen der Deportierten. Auch während der Verbannung in Kasachstan starben viele. Manche wurden umgebracht, nur weil sie versuchten, Kartoffeln auf den leer geernteten Feldern der Kolchosen aufzusammeln. So groß war ihr Hunger.

Wie erinnern sich die Tschetschen*innen heute an den 23. Februar?

Ich erinnere mich, dass meine Mutter zu Sowjetzeiten Halva vorbereitete oder Bonbons kaufte und sie an die Nachbar*innen verteilte, so wie es auch andere Tschetschen*innen taten, um der Opfer der Vertreibung in die kasachischen Steppen zu gedenken. Niemand sagte, dass dies zum Gedenken an die in Kasachstan Verstorbenen geschah, denn das war damals verboten, trotz Chruschtschows Rehabilitierung der von Stalin vertriebenen Völker. (In seiner „Geheimrede“ zum 20. Parteitag der KPdSU rehabilitierte Nikita Chruschtschow die meisten der deportierten Völker An.d.Red.)

Und die Tatsache, dass Kadyrov (der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrov An.d.Red.) jedes Jahr die Vertreibung der Tschetschen*innen verurteilt und sagt, dass es sich um ein „Verbrechen“ handelt, zeigt wohl, dass selbst Kadyrov versteht, dass diese Tragödie für die Tschetschen*innen unvergessen bleibt, egal wie sehr die Machthaber versuchen, sie vergessen zu machen. Es gibt keine Macht, der es gelänge, dieses Ereignis aus dem Gedächtnis des Volkes zu tilgen. Das zwingt Kadyrov dazu, das widerspenstige Gedächtnis des Volkes irgendwie zu für sich und seine Politik, für sein Image zu nutzen. Im September 2023 unterstützte Kadyrov das russische Bildungsministerium, welches gerade ein Geschichtsbuch für den Unterricht in der elften Klasse herausgegeben hatte. In diesem Geschichtsbuch wird als Grund für die Deportation der vertriebenen Völker 1943-44, darunter auch des tschetschenischen Volkes, die Kollaboration mit Nazi-Deutschland angegeben. Gleichzeitig äußerte er im staatstreuen Fernsehen wiederholt, dass die Tschetschen*innen selbst schuld an der Deportation gewesen seien. Jede öffentliche Veranstaltung zum Gedenken an die Deportation des tschetschenischen Volkes wird in der Republik Tschetschenien verboten, die Veranstalter verfolgt. Kadyrov ist es gelungen, die Erinnerung an die Tragödie des tschetschenischen Volkes am 23. Februar 1944 zu monopolisieren. Nur er, nur seine Behörden dürfen entsprechende Veranstaltungen organisieren und daran teilnehmen. Gleichzeitig steht auf dem Schreibtisch des tschetschenischen Innenministers Ruslan Alchanow eine Stalinbüste. Also jenes Mannes, der die Deportation befohlen hatte.

Die letzte Person, die es wagte, eine unabhängige, öffentliche Veranstaltung zur Erinnerung an die Deportation zu organisieren, war Ruslan Kutajew, der Präsident der Versammlung der Völker des Kaukasus. Am 18. Februar 2014 hielt er in der Nationalbibliothek in Grosny eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Deportation des tschetschenischen Volkes“ ab. Diese Veranstaltung verärgerte das Oberhaupt der Tschetschenischen Republik Ramsan Kadyrov, der den Termin für die Deportation des tschetschenischen Volkes vom 23. Februar auf den 10. Mai verlegt hatte. Der 10. Mai ist der Tag nach dem Todestag seines Vaters Achmat Kadyrow. Denn der 9. Mai ist der gesamtrussischen Gedenktag an den Sieg über Hitlerdeutschland. Also musste Kadyrov auf den 10. Mai gehen und hat so das Datum der Deportation und den Todestag seines Vaters gleichzeitig
verschoben und kombiniert.

Nach der Konferenz 2014 musste alle Teilnehmer*innen zu einem „Gespräch“ mit Kadyrov. Zwei der Teilnehmer, ein Historiker und der bekannte tschetschenische Schauspieler Musa Dudajew, wurden trotz ihrer Autorität und ihres Alters geschlagen, woraufhin der Schauspieler Musa Dudajew starb. Diese Demütigung überlebte er nicht. Ruslan Kutajew, der Organisator, der es gewagt hatte, eine Konferenz zum Gedenken an das tragische Datum des 23. Februar zu veranstalten, wurde anschließend entführt, geschlagen und wegen angeblichen illegalen Besitzes von Betäubungsmitteln verurteilt. Die renommierte russische Menschenrechtsorganisation Memorial erkannte Ruslan Kutajew als politischen Gefangenen an. Heute ist Kutajew glücklicherweise wieder auf freiem Fuß und setzt seine Aktivitäten trotz der Folter und der jahrelangen Haft fort.

Tschetschen*innen können nicht über die Kriegsereignisse der 90er Jahre sprechen, über ihre Toten, über das, was die Menschen in dieser Zeit ertragen mussten, deren Zeug*innen heute noch leben, ganz zu schweigen von den Ereignissen des 23. Februar 1944. Nur wenige Zeitzeug*innen der Tragödie von 1944 leben heute noch.

Unter der Sowjetherrschaft wurden diese Ereignisse offiziell nicht erwähnt, nur im
Geschichtsunterricht konnten einige Parteihistoriker*innen sagen, dass die Tschetschen*innen in Zeiten der Not für das Vaterland die Deutschen mit einem weißen Pferd willkommen hießen. Und das alles, obwohl die Deutschen das Gebiet der damaligen Tschetschenisch-Inguschetischen ASSR nicht einmal erreicht hatten.

Ich erinnere mich, dass Präsident Dudajew, als die tschetschenische Republik Inguschetien unabhängig wurde, bei der Einweihung des berühmten Denkmals für die Opfer des 23. Februar 1944 in Grosny sagte, dass das tschetschenische Volk genug von Tragödien habe und dass dieses Datum nicht als tragisch angesehen werden dürfe, die Tschetschen*innen sollten leben und gedeihen. Ich war damit nicht einverstanden, und viele Leute, die ich kannte, waren es auch nicht, aber es gab welche, die sagten, es sei richtig. Es war die Zeit des Zusammenbruchs der UdSSR und des Beginns des Aufbaus eines unabhängigen Staates, die für alle Länder und Republiken der ehemaligen UdSSR eine schwierige wirtschaftliche Phase bedeutete. Die Menschen, die in einem sozialistischen Land aufgewachsen waren, kämpften um ihr Überleben in einem neuen und ihnen fremdem Wirtschaftssystem. Und wenn ein Mensch ums Überleben kämpft, bleibt die geistige Welt auf der Strecke, so dass das tschetschenische Volk wieder einmal keine Gelegenheit hatte, das Andenken an die Opfer der Deportation von 1944 zu ehren.

Der zweite russische Militäreinsatz brachte die Kadyrov-Regierung an die Macht, die offiziell jedes Gedenken an die Tragödie vom 23. Februar verbot.

Wie gedenken die Tschetschen*innen im Ausland des 23. Februar 1944?

Zwischen 2000 und 2008 konnten sich die Tschetschen*innen im Ausland noch sicher fühlen und Demonstrationen und andere Veranstaltungen zum Gedenken an die Tragödie von 1944 abhalten. Doch seit 2010 haben die Stellvertreter Kadyrovs in der europäischen Diaspora begonnen, ihre Positionen im Ausland, insbesondere in den europäischen Ländern, zu festigen. Sie eröffneten ihre Büros, Kultur-, Sportvereine- und organisationen. Tschetschen*innen wurden auch in Europa ermordet und verfolgt. Wenn europäische Tschetschen*innen ihr Heimatland besuchten, wurden sie entführt und werden in einigen Fällen bis heute vermisst. In den letzten Jahren haben die Agenten Kadyrovs unter den ständig in Europa ansässigen Tschetschen*innen zugenommen. Wenn es nicht möglich ist, Tschetschen*innen, die in Opposition zu Kadyrov stehen, im europäischen Exil zu belangen, werden deren Verwandten in Tschetschenien selbst entführt.

Es sollte auch berücksichtigt werden, dass die meisten Tschetschen*innen im Ausland versuchen, ihre Wurzeln zu bewahren und ihre Kinder wieder mit Tschetschen*innen zu verheiraten. Daher versuchen sie, sich nicht zu beteiligen und keine Partei zu ergreifen, um von Zeit zu Zeit nach Tschetschenien zurückkehren zu können.

Geschichtsklitterung heute

Heute werden sogar in der Nachbarrepublik Tschetscheniens wieder Denkmäler für Stalin errichtet. Stalins Taten werden verherrlicht, dies trotz der Deportation ganzer Völker, nicht nur der Tschetschen*innen, sondern auch der Karatschaier*innen, Kalmück*innen, Ingusch*innen, Deutschen, die in der UdSSR lebten, Ukrainer*innen, Balkar*innen und sogar Russ*innen selbst. Memorial, die einzige Menschenrechtsorganisation, die eine enorme Arbeit geleistet hat, um die Erinnerung an die Opfer der Repression zu bewahren, wurde zerstört.

In der Tschetschenischen Republik wird den Kindern vom Kindergarten an beigebracht, dass die russischen Behörden die Tschetschen*innen vor der Vernichtung bewahrt haben und dass Kadyrov und seine Männer die Helden des tschetschenischen Volkes sind. Zwei Generationen sind so bereits herangewachsen, jene, die Anfang 2000 etwa zehn Jahre alt waren, und jene, die gerade erst geboren wurden. Sie wurden im Geiste Kadyrows erzogen. In dieser Erziehung ist das menschliche Leben wertlos, der Verrat wird geehrt und jegliches Verständnis für das tschetschenische Adat (traditionelles Gewohnheitsrecht der Tschetschen*innen An.d.Red.) ist verloren gegangen. Die heutige Jugend in Tschetschenien spricht nur Russisch und glaubt, dass die tschetschenische Sprache keinen Wert für sie hat. Und das sind wiederum diejenigen, die eine höhere Bildung erhalten haben und heute als die eigentliche Intelligenz des Volkes bezeichnet werden können. Sie wollen nichts von der Tragödie des 23. Februar 1944 wissen oder hören, sie beschuldigen, wie Kadyrow, ihr eigenes Volk und halten tschetschenische Traditionen und Adat für wilde Überbleibsel, da sie keine kulturellen oder historischen Kenntnisse über ihr eigenes Volk haben. Und das ermöglicht ihnen einen raschen beruflichen Aufstieg.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die ältere tschetschenische Generation im Ausland stirbt, altert und aufhört, aktiv zu sein. Die Tschetschen*innen im Ausland sind gespalten. Das betrifft auch die junge Generation. Auch im Ausland wird also nicht mehr an die Deportation erinnert. Heute findet nicht nur ein physischer Völkermord am tschetschenischen Volk statt, sondern auch ein geistiger Völkermord, bei dem alle kulturellen und traditionellen tschetschenischen Werte verachtet werden. Die eigentliche Grundlage, der Kern der Nation, der es ihr ermöglichte, in jeder historischen Phase und in jeder Situation ein geeintes Volk zu bleiben, wird zerstört.

Ja, wir sind heute gezwungen, den Niedergang der tschetschenischen Moral anzuerkennen, und man kann endlos die Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzählen, die unser Volk in einen solchen Niedergang geführt haben. Aber ich glaube an die Kraft der Information. Nicht nur einzelne Blogger*innen sollten sich beteiligen, sondern es sollte eine richtige Bewegung entstehen, vielleicht anfangs nur im Internet. Dafür ist viel Arbeit notwendig von tschetschenischen Historiker*innen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Menschenrechtsaktivist*innen und Kulturschaffenden. Und es ist notwendig, die Hoffnung nicht aufzugeben, es wird ein „Licht am Ende des Tunnels“ kommen.

Was bedeutet der 23. Februar für mich?

Es ist der Schmerz, mit dem ich geboren wurde, mit dem ich mein ganzes Leben gelebt habe, als Pionierin, als Komsomol-Mitglied, als Bürgerin der UdSSR, als Bürgerin der Tschetschenischen Republik Itschkeria, als Bürgerin der Russischen Föderation und als Bürgerin der Tschetschenischen Republik, als Migrantin in einem europäischen Land. Und mit diesem Schmerz werde ich sterben, dieser Schmerz wird in der Erde aufgehen, auf der schöne Wildblumen wachsen werden, in der aber mein Schmerz sitzen wird und der leise Wind wird ihn den Bäumen zuflüstern, unter denen ein Reisender ruhen wird.

Ich bin meinen Freundinnen aus der Tschechischen Republik, Vera Roubalova und Jana Hradilkova, unendlich dankbar, die jedes Jahr in Prag Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer der Deportation des tschetschenischen Volkes organisieren, die ich persönlich kenne, obwohl immer weniger Tschetschen*innen zu diesen Veranstaltungen kommen. Ich bewundere und bin stolz auf meine Schweizer Freund*innen, die die Tragödie des tschetschenischen Volkes verstehen und viel für die Tschetschen*innen getan haben, die auch ein tschetschenisches Archiv über die tragischen Ereignisse und Kriege der 90er Jahre geschaffen haben.

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