„Wir sind nur rund 100 Personen in Kyiv, trotzdem versuchen wir jetzt, einen Verein zu gründen, denn unsere Minderheit ist wirklich so schlimm vom Krieg betroffen,“ berichtet Olga Tsuprykova, Griechin aus der Region Donezk, die als Binnenflüchtling mittlerweile in Kyiv lebt. Die Urum und Rumei sind zwei Minderheiten, die sich selbst als Griech*innen aus der Region Nordazov definieren. Sie sind orthodoxe Christ*innen, obwohl die Urum eine Turksprache sprechen. Beide Sprachen sind laut UNESCO gefährdet.
Text: Sarah Reinke, Teamleitung Menschenrechtsreferate
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Die Nordazovschen Griech*innen kommen ursprünglich von der Krim. Sie lebten vor dem Kriegsbeginn 2014 im Süden des Donezker Gebietes am Nordufer des Azovschen Meeres. Sie gründeten die Stadt Mariupol und einige Dutzend weitere Städte und Dörfer.
Die letzte Volkszählung der Ukraine 2001 gibt an, dass über 90.000 Griech*innen in dem Land leben, 77.000 sind Urum und Rumei im Gebiet Donezk. Sie waren damit die drittgrößte Minderheit in der Region im Osten der Ukraine. Doch die tatsächliche Anzahl der Urum und Rumei ist deutlich größer, erklärt Olga Tsuprykova. Die Föderation der Griech*innen der Ukraine gibt ihre Zahl mit 100-150.000 an.
Mit dem russischen Angriff auf den Donbass 2014 fanden sich die Urum und Rumei im Kriegsgebiet wieder. Heute leben die meisten von ihnen in den von Russland besetzten Gebieten oder direkt an der Front. Ein kurzer Film mit englischen Untertiteln gibt Einblick in ihre Situation seit 2014 und zeigt außerdem, dass die Griech*innen in dieser Region in den 1930er Jahren Opfer der von der stalinistischen Geheimpolizei NKWD durchgeführten Säuberungen wurden. 5.000 von ihnen, besonders die intellektuelle Elite, wurde ermordet.
https://youtu.be/mkpt-bo0QVc?si=7-aK33djssi-GHbl
Die Situation heute, seit dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine 2022 ist für diese Minderheit eine Katastrophe sagt Olga Tsuprykova: „So viele unserer Ortschaften sind jetzt von Russland besetzt. Tatsächlich gibt es im Moment nur noch zwei Dörfer, die von der Ukraine kontrolliert werden und auch um diese machen wir uns Sorgen, weil sie direkt an der Front liegen. Museen, Bibliotheken mit den einzigartigen Artefakten der Urum und der Rumei wurden zerstört genauso wie das Büro der Föderation der Griechen in Mariupol und ihr Kulturzentrum dort. Die Zahl der durch den Krieg umgekommenen Urum und Rumei ist unbekannt. Gerade, weil die Menschen in den von Russland besetzten Gebieten lebten. Russland gibt keine Opferzahlen bekannt, auch die UN oder andere Stellen können darüber keine Auskunft geben.“
Vor Februar 2022 war Mariupol die zehntgrößte Stadt der Ukraine mit einer Bevölkerung von rund einer halben Million. 100.000 der Bürger*innen Mariupols sollen nach Schätzungen des Stadtrates von Mariupol umgekommen sein. Man muss von rund 15.000 getöteten Urum und Rumein allein in Mariupol ausgehen. Im Ort Volnavakha lebten 15.000 Rumei. Der Ort war Ende März 2022 zu 95% zerstört. Folgende weitere griechische Dörfer in der Region sind betroffen:
Hranitne, 3,600 Urum, zu 95% zerstört
Buhas ,1.400 Urum, zu 70% zerstört
Chermalyk,1.900 Urum zu 70%. zerstört
Starohnativka, 2.100 Urum und Rumei zu 60%. zerstört
Staromlynivka, 2,400 Urum zu 90%. zerstört.
Rund 30.000 Griech*innen aus der Ukraine flohen nach Griechenland, Zypern oder in andere Staaten. Weitere 30.000 sind nun Binnenflüchtlinge innerhalb der Ukraine. „Die nordasovischen Griechen als Binnenvertriebene haben ähnliche Probleme wie andere vertriebene Ukrainer. Es geht nicht nur darum, eine Unterkunft oder einen neuen Arbeitsplatz zu finden, sondern immer auch darum, einen neuen Lebenssinn zu finden, da Griechen in der Regel eine sehr starke Bindung an ihre Heimat, ihre Geburtsstadt oder ihr Dorf haben. Letzteres war auch ein Grund für uns, die Organisation ‚Nadazovski.Svoi‘ zu gründen – um den Menschen zu helfen, das verlorene Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft an ihren neuen Wohnorten, die oft so weit von zu Hause entfernt sind, wiederzufinden,“ sagt Olga Tsuprykova Sie beklagt weiter, das große Risiko, dass ihre Generation die letzte sein könnte, die eine schwindende Chance hat, die Muttersprachler*innen von Urum und Rumei zu hören. Die älteren Leute, welche noch Urum und Rumei sprechen, konnten nicht fliehen und müssen versuchen unter russischer Besetzung zu überleben. Die Ukraine hat kein Programm zum Spracherhalt für Urum und Rumei, es gibt weder Schulbücher noch Unterricht. Die jungen Menschen entfernen sich immer stärker von dieser Identität.

Wir freuen uns, dass wir Olga Tsuprykova für eine Veranstaltung im Rahmen des „Café Kyiv“ am 19. Februar 2024 in Berlin einladen konnten! Herzlich sind Sie als Leserinnen und Leser unseres Blogs dazu eingeladen.
Wer mag kann hier Urum und Rumei hören:
Roumean Alphabet: https://www.youtube.com/watch?v=VHr3Cix5cZA
Urum Alphabet: https://www.youtube.com/watch?v=qHdrkdz27og
