Feind in Russland, Flüchtling in Norwegen. Geschichte eines Samen.

Dies ist die Schilderung von Andrej Danilov, eines politischen und indigenen Flüchtlings aus Russland. Sie steht beispielhaft für Situation von Flüchtlingen in verschiedenen Ländern.

Text: Andrej Danilov, russischer Staatsbürger samischer Abstammung und Nora Erdmann, Referentin für indigene Völker

Foto: privat

Flucht aus Russland

Am 2. März 2022 beantragte ich politisches Asyl in Norwegen. Das war für mich eine sehr schwierige Entscheidung, aber mir blieb keine andere Wahl, denn in Russland wurde ich von den Behörden, dem Inlandsgeheimdienst und sogar Industrieunternehmen verfolgt. Auch der Druck auf meine Familie wurde immer größer, über sie kann ich aus Sicherheitsgründen nicht sprechen. Ich war gezwungen, Russland zu verlassen.

Das lange Warten

Seit 24 Monaten warte ich nun auf eine Entscheidung der norwegischen Behörden. Zuerst hatte ich den Dublin Flüchtlings-Status, und es drohte eine Abschiebung in die Schweiz. Ich aber bin Same und will mit meinem Volk in Sápmi leben. Dank meines Anwalts und mit Hilfe samischer Organisationen gelang es mir, meinen Status zu verteidigen und in Sápmi, meinem historischen Heimatland der Samen, zu bleiben. Dies gelingt äußerst selten, in 99% der Fälle bleibt es beim Dublin-Status und die Geflüchteten werden für die Asylverfahren gemäß Dublin Verfahren abgeschoben. Der Prozess dauerte 11 Monate, und erst weitere zweieinhalb Monate später, am 17. April 2023, wurde mein Status geändert und mein Fall von der norwegischen Migrationsbehörde UDI angenommen. Nun also läuft mein Antrag auf politisches Asyl.

In der Schwebe

Jeden Morgen gehe ich zum schwarzen Brett in der Geflüchteten-Unterkunft und suche nach meinem Nachnamen. Wenn er dort steht, bedeutet das, dass es Post oder eine Nachricht für mich gibt. Im Büro erhalte ich dann einen Umschlag, in dem sich entweder eine Arztrechnung oder andere für mich unwesentliche Informationen befinden. Das Wichtigste fehlt – die Mitteilung, dass mein Fall überprüft wird. Aber nichts kommt und ich bin zum sinnlosen Warten verdammt. Und so warte ich seit 24 Monaten jeden Tag, einsam und mit wenig Hoffnung. Vor ca. 4 Monaten bekam ich endlich ein kleines, separates Zimmer für mich. Nun kann ich zumindest mit meinen Angehörigen in Ruhe und Privatsphäre kommunizieren. Das ist in meiner jetzigen, von großen Einschränkungen geprägten Situation ein großes Glück!

Das samische Parlament und der samische Rat haben sich in meinem Fall an verschiedene norwegische Behörden und die Regierung gewandt, in norwegischen Medien sind Artikel erschienen. Aber das Ergebnis war gleich null! Bis heute hat mich die UDI nicht einmal zu meinem Antrag befragt. Es gibt keine Informationen über einen Zwischenstand oder Fortgang. Es ist so, als gäbe es mich gar nicht.

Was kann ich tun?

Seit 24 Monaten wird mir eine Fortsetzung meines Lebens vorenthalten, ich bin auf Stand by. Ich bin der Möglichkeit beraubt, zu arbeiten. Mir fehlen oft die Mittel und die Freizügigkeit, mich in vollem Umfang an traditionellen Aktivitäten zu beteiligen. Mein Status erlaubt mir das Reisen nur innerhalb Norwegens, und das mit einem sehr begrenzten Budget. Ja, ich verteidige die Rechte meines samischen Volkes und anderer indigener Völker nach besten Kräften. Aber, und das frage ich mich oft, wie kann ich unter diesen Einschränkungen wirksam etwas tun? Ich konnte nicht zu meinen Brüdern und Schwestern nach Oslo reisen, wo sie die Rechte des samischen Volkes im Fall Fosen Wind verteidigten. Ich kann nicht auf internationalen Plattformen wie dem EMRIP bei den UN in Genf auftreten und offen die Wahrheit sagen, um der Stimme der indigenen Völker Gehör zu verschaffen. Ich kann mein samisches Volk nicht so verteidigen und für seine Rechte eintreten. Der Grund dafür ist einfach: Ich selbst bin in meiner historischen Heimat Sápmi vieler Rechte beraubt!

In Russland hatte ich einen Job, eine Wohnung und genug Geld für ein anständiges Leben. Derzeit erhalte ich vom norwegischen Staat 4.000 norwegische Kronen im Monat, was sehr wenig für Norwegen ist. Das meiste gebe ich für Lebensmittel aus. Es gibt keine Zuschüsse für Telefon oder Kleidung. Ich bin ausgebildeter Elektroingenieur und habe als Klempner, als Elektriker bei der Eisenbahn und als Dreher in der Metallverarbeitung gearbeitet. Meine Fachgebiete sind in Norwegen sehr gefragt, aber hier muss ich noch einmal studieren, um meine Qualifikation zu bestätigen. Mein ganzes Leben beginnt also von vorne. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und bin für jeden Job bereit. Seit dem 14. Februar lerne ich endlich norwegisch, der Kurs dauert 3 Monate, es gibt lange Wartelisten.

Lebensbedingungen in der Geflüchtetenunterkunft

Angefangen mit den Zimmern, in denen ich gewohnt habe. Üblicherweise sind es Zimmer für zwei oder drei Personen, die 10-12 Quadratmeter groß sind. Inzwischen habe ich ein Einzelzimmer, das ca. 7 Quadratmeter groß ist. Die Betten sind je nach Anzahl der Bewohner (manchmal Etagenbetten), es gibt einen Kleiderschrank, einen Tisch, zwei oder nur einen Stuhl. In seltenen Fällen gibt es einen Kühlschrank im Zimmer. Man kann sich das Zimmer nicht aussuchen, ebenso wenig wie die Geflüchtetenunterkunft. Das alles wird von der UDI bestimmt, man hat darauf keinen Einfluss. Morgens können sie an die Tür klopfen und sagen: Wir ziehen heute um.

Die Gemeinschaftstoiletten und -duschen auf dem Flur sind ein schwieriges Thema, denn es gibt keine Reinigung im eigentlichen Sinne. Die Flüchtlinge sollen selbst putzen, aber nicht alle tun das. Das kann auch mit Traumata zusammenhängen. Die Küche wird ebenfalls gemeinsam genutzt, auch dort gibt es häufig Schmutz. Bevor ich die Küche oder Sanitärbereiche nutze, mache ich meist erst einmal Ordnung und reinige. Alle Bitten an die Verwaltung der Unterkunft enden gleich – sie hören zu, lächeln, loben dich. Dann hängen sie ein paar Zettel mit der Bitte um Sauberkeit auf und das war’s. Sie haben einfach keine grundlegenden Maßnahmen, um auf die Bewohner der Geflüchtetenunterkünfte einzuwirken. Also muss man es selbst in die Hand nehmen und mit den Mitbewohnern reden, was aber nicht ohne Konflikte abläuft.

Einmal wurde ich von einem anderen Flüchtling angegriffen und erstattete Anzeige bei der Polizei. Die Polizei spielte die Sache herunter und sagte, es handele sich um einen kleinen Konflikt. Das war’s! Es ist oft nur eine Frage der Zeit, bis die Lage in der Unterkunft eskaliert, es gibt auch Schlägereien in Gemeinschaftsunterkünften, und manchmal endet es mit Stichwunden. Das ist die Realität, in der ich nun mit anderen Flüchtlingen lebe und ausharre. Wir versuchen, uns zu arrangieren.

Medizinische Versorgung

Ich war zweimal bei Psychologen. Aber es waren keine norwegischen Spezialisten. Diese Psychologen wurden mir von Schutzorganisationen vermittelt. In Norwegen gibt es eine spezielle samische psychologische Klinik namens SANKS. Diese bot mir ihre Hilfe an. Dafür war eine ärztliche Überweisung erforderlich. Der Allgemeinarzt aber verstand mein Problem nicht. Ich versuchte, ihm Aspekte der samischen Psychologie zu erklären – u.a. wie es sich anfühlt, sich auf seinem eigenen Land zu befinden und dennoch darum bitten zu müssen, dort auch tatsächlich leben zu dürfen und auf die Genehmigung zu warten. Ich erhielt von dem Arzt eine Ablehnung und keine Überweisung.

Zwischen Zuflucht und Unsicherheit

Ja, meine sozialen Medien sind voll von schönen Fotos und Reisen. Aber das ist ein seltsames Ventil. Ich muss dort Positivität und Engagement ausstrahlen. Ich habe schon genug Rückschläge jeden Tag. Es ist auch gut, dass es fürsorgliche Menschen gibt, die mich zu sich einladen. Aber wenn man zurück in die Geflüchtetenunterkunft muss, ist es fast wie ein Gefängnis.

Sie sagen, es sei dort sicher, aber das ist es nicht. Zweimal war ich bei der norwegischen Polizei. Einmal wurde ich von einem schwedischen Ex-Russen bedroht, er wolle mich in einem Fjord ertränken. Ein anderes Mal war ich von einem anderen Flüchtling angegriffen worden. Es ändert sich nichts, Drohungen kommen immer wieder. Ich muss mich auch damit auseinandersetzen, dass Falschinformationen über mich verbreitet werden. Das ist sehr entwürdigend und deprimierend.

Foto: privat

Sápmi ist meine Heimat

Ich bin Same und befinde mich in Sápmi, hier gehöre ich hin. Als Same wurde ich in Russland verfolgt. Sápmi aber erstreckt sich über 4 Länder: Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Nach allen internationalen Normen, der norwegischen Verfassung und der Erklärung des samischen Parlaments habe ich das volle Recht, in meiner historischen Heimat zu leben und traditionellen Tätigkeiten nachzugehen!

Meine Gedanken gelten Flüchtlingen weltweit

Meine Gedanken gelten aber nicht nur mir, ich will die Aufmerksamkeit auf die Situation der Flüchtlinge generell lenken. Wir versuchen uns zu integrieren und wollen den Ländern, in die wir kommen, nützlich sein. Wir wollen arbeiten und nicht auf Kosten der Steuerzahler leben, im Gegenteil, wir wollen selbst Steuern zahlen. Wir haben den Wunsch und können unsere Erfahrungen einbringen.

Wir verdienen es, im Einklang mit dem Völkerrecht behandelt zu werden. Behandeln Sie uns nicht als Menschen zweiter Klasse, behandeln Sie uns wie sich selbst. Es spielt keine Rolle, wer wir sind oder woher wir kommen. Wichtig ist, dass wir nicht leichtfertig unsere Heimatländer verlassen haben und hierher gekommen sind. Wir suchen Schutz vor Verfolgung, und wir wollen leben. Wir wollen so leben, wie es einem Menschen gebührt!

Andrej Danilov

Andrej Danilov ist russischer Staatsbürger samischer Abstammung. In Russland lebte er in der Region Murmansk, wo er sich aktiv für die Verteidigung der Rechte indigener Minderheiten einsetzte. Er war Vizepräsident der internationalen Organisation Saami Council 2013-2017. Zum Zeitpunkt seiner forcierten Ausreise aus Russland war er Mitglied des Kulturausschusses des Saami-Rates. Andrej Danilov ist Saami-Politiker, Direktor der Saami Heritage and Development Foundation und Gründungsmitglied des Internationalen Komitees für indigene Völker Russlands (ICIPR).

Foto: privat

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