Klima des Zweifels

Autor: Hanno Schedler, Referent für Genozidprävention und Schutzverantwortung

Unternehmen wie ExxonMobil gaben Millionen dafür aus, die Erkenntnisse der Wissenschaft über den Zusammenhang zwischen dem Verbrauch fossiler Energien und dem Anstieg des CO2-Pegels öffentlich anzuzweifeln. Dabei wiesen bereits vor vier Jahrzehnten Exxons eigene Wissenschaftler auf diesen Zusammenhang hin. Das Unternehmen, das zu den zehn größten Konzernen weltweit gehört, ignorierte in seiner Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit den Ruf der Wissenschaft. 

Lee Raymond war kein Klimawissenschaftler, gab sich aber dennoch als Experte aus: „Die Erde ist heute kälter als vor 20 Jahren. (…) Nur vier Prozent des in die Atmosphäre gelangenden Kohlendioxids ist das Ergebnis menschlichen Handelns. (…) Die drängendsten Umweltprobleme von Entwicklungsländern stehen im Zusammenhang mit Armut, und nicht mit dem globalen Klimawandel. Diese Probleme anzugehen, erfordert Wirtschaftswachstum, und das einen höheren Einsatz, keine Beschränkung, fossiler Brennstoffe. (…) Lassen Sie uns darüber einstimmen, dass wir wirklich nicht wissen, wie sich das Klima im 21. Jahrhundert und darüber hinaus entwickeln wird.“ – Der Exxon-Chef und Klimawandel-Leugner nutzte seine Rede beim 5. Welt-Öl-Kongress [Fifteenth World Petroleum Congress] im Oktober 1997 in Peking, um seine Klimawandel-Philosophie in die Welt zu pusten und Werbung für die Öl-Industrie zu machen. In Wahrheit war das Jahr 1997 das wärmste bis dahin gemessene Jahr. 

Lee Raymond führte das Unternehmen, das seit dem Zusammengehen mit dem Konzern Mobil im Jahr 1999 ExxonMobil heißt, von 1993 bis 2005. Gleichzeitig war er über die Zeit seiner Regentschaft hinaus einer der einflussreichsten Klimawandel-Leugner. In seinem Buch „Private Empire – ExxonMobil and American Power“ analysiert der Journalist Steve Coll das Vorgehen von Exxon in der Klimadebatte. Ein weiterer, Teil der öffentlichen Kommunikation von Exxon lief über die Interessenvertretung der Öl-Industrie namens „American Petroleum Institute“. Dieser Plattform gehören auch andere Öl-Giganten wie Shell, BP oder Chevron an. 

Betonung der Unsicherheit als Ziel

Die Nichtregierungsorganisation „National Environmental Trust“ gelangte im Jahr 1998 an ein „Aktionsplan“ betiteltes Dokument, in dem das „American Petroleum Institute“ seine Strategie festlegt. Ziel des Aktionsplans sei es, dass „durchschnittliche Bürger die Unsicherheiten der Klimawissenschaft ‚erkennen‘.“ Es müsse erreicht werden, dass das Wissen um die Unsicherheiten Teil der herkömmlichen Meinung werde und die Berichterstattung der Medien von einer Balance zwischen der Mehrheitsmeinung von Klimawissenschaftler*innen und dem Zweifel an ihr geprägt sei. Die Kampagne des „American Petroleum Institute“ lehnte sich dabei an das erfolgreiche Vorgehen der Tabak-Industrie an, der es zwischen den 1960er und 1980er Jahren  gelungen war, den wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Lungenkrankheiten in der öffentlichen Debatte zu vernebeln. In der Politik fand Exxon Alliierte: James Inhofe, Senator aus Oklahoma, eifriger Klimawandel-Leugner und erbitterter Gegner von Gesetzen, die den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid begrenzen sollten, wurde im Jahr 2004 von dem als Non-Profit-Organisation deklarierten „Annapolis Center for Science-Based Public Policy“ für seinen Einsatz für angeblich „wissenschaftsbasierte Politik“ [science-based public policy] mit einem Preis ausgezeichnet. Einer der Unterstützer der Organisation: Exxon. 

Kampf gegen NGOs

Gegenspieler wie Greenpeace versuchten Exxon ebenfalls direkt zu bekämpfen, beschreibt Coll in seinem 2012 erschienen Buch. Eine Organisation namens „Public Interest Watch“ informierte die Steuerbehörden darüber, dass Greenpeace möglicherweise Steuergesetze verletze. Nachdem es die Vorwürfe entkräften konnte, ging Greenpeace in die Offensive und widmete sich der Finanzierung von „Public Interest Watch“. Heraus kam, dass von 124.000 US-Dollar Jahresbudget 120.000 von Exxon kamen.     

Während also ExxonMobil öffentlich gegen eine strengere Klima-Gesetzgebung mobilmachte, wusste das Unternehmen genau über den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Klimawandel Bescheid. 2015 berichteten Journalist*innen der Nachrichtenorganisation „Inside Climate News“ in einer neunteiligen Serie über Wissenschaftler wie James F. Black, die für Exxon gearbeitet hatten. 

Warnungen in den 1970ern Jahren

Im Juli 1977 informierte Black sein Unternehmen darüber, dass es „einen allgemeinen wissenschaftlichen Konsens [gibt], dass die Emission von Kohlenstoffdioxid durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen die wahrscheinlichste Einflussnahme auf das Weltklima darstellt.“ In einem 1982 unter Exxon-Mitarbeiter*innen zirkulierten Dokument heißt es, dass die Verhinderung von globaler Erwärmung „eine hohe Verringerung des Verbrennens von fossilen Brennstoffen erfordern würde.“ Dennoch entschied sich Exxon, wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel jahrzehntelang in Zweifel zu ziehen. Die britische „Royal Society“ eine angesehene Wissenschaftsorganisation, kam im Jahr 2006 zu dem Schluss, dass ExxonMobil mindestens 39 Organisationen unterstütze, die eine Verbindung zwischen Treibhausgasen und Klimawandel verneinten oder den Grad an Unsicherheit in der Klimaforschung überbetonten.

Exxon sät, Trump erntet

Die Tochter von James F. Black, Claudia Black-Kalinsky zog 2016 in einem Artikel im Guardian verbittert Bilanz. Seitdem ihr Vater Exxon über seine Erkenntnisse informiert habe, sei der Gehalt an Kohlenstoffdioxid in der Luft um 20 Prozent gestiegen. „Was wäre gewesen, wenn die Exxon-Chefs meinem Vater zugehört hätten? Wenn Exxon die [Öl-]Industrie im Kampf gegen den Klimawandel angeführt hätte, statt Kampagnen zu finanzieren, die ihn in Zweifel ziehen?“ Blacks Enkelin Anna Kalinsky forderte den damaligen ExxonMobil-Chef und späteren US-amerikanischen Außenminister Rex Tillerson während der Exxon-Hauptversammlung 2016 auf, ExxonMobils Unterstützung für Klimawandelleugner wie die Organisation „American Legislative Exchange Council“ einzustellen. Tillerson wies die Forderung zurück. 

Mit Donald Trump steht seit Januar 2017 der wohl bekannteste Klimawandel-Leugner des Planeten an der Spitze der US-amerikanischen Regierung. Mindestens ein Teil seiner Wählerschaft war für seine wissenschaftsferne Einstellung höchst empfänglich und hat zum Beispiel den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen begrüßt. Die Saat für dieses enthusiastische Nichtwissen legten Unternehmen wie Exxonmobil bereits Jahrzehnte zuvor.

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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