Paraguay: Aktuelle Dürre verschärft Landraub und Wassermangel bei Indigenen

Autorin: Maren Thiel, Praktikantin Referat für Indigene Völker

Foto: Dürre im Chaco 2009, aufgenommen von der „EU Civil Protection and Humanitarian Aid“
Lizens Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)

Offiziell stehen die indigenen Territorien im Norden Paraguays unter
Schutz, inoffiziell aber werden sie immer wieder Ziel von illegalen
Abholzungen und Landraub durch Großgrundbesitzer*innen. Die
momentane extreme Dürre in der Region und die sich immer weiter
ausbreitenden Waldbrände verstärken das Problem zusätzlich. Besonders der Wassermangel bedroht Kleinbäuer*innen und Indigene der Region
existenziell. Ein aktueller Bericht der UN spricht von einer „dreifachen
humanitären Krise“ in den nördlichen Provinzen Paraguays ausgelöst
durch die verheerende Wirkung von Trockenheit, Bränden und der Covid19-
Pandemie.

Jahrhundert-Dürre und Waldbrände in Paraguay

Bild: Karte des Río de la Plata-Beckens in Südamerika, Quelle: Wikimedia Commons, User Kmusser, Copyright: CC BY-SA 3.0 Lizenz, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0

Die gesamte Region im sogenannten La Plata Becken – das neben Paraguay auch Teile Argentiniens, Brasiliens und Uruguays umfasst, hat letzten Sommer (ca. November 2020 bis Januar 2021) die stärkste Dürre seit 50 Jahren erlebt. Forscher*innen warnen schon länger davor, dass dieses von großen Flüssen durchzogene und landwirtschaftlich intensiv genutzte Gebiet Südamerikas zunehmend von Trockenheit betroffen sein wird. Jahrzehntelang wurde Wald für Soja- und Rindfleischproduktion abgeholzt und einige der größten Wasserkraftwerke Südamerikas entstanden hier. Dies führt zu immer längeren Dürreperioden, die wiederum Waldbrände begünstigen und stark fallende Wasserpegel der Flüsse zur Folge haben [1]

Drastische ökonomische und soziale Folgen

Paraguay ist jedoch wirtschaftlich stark abhängig von seiner exportorientierten Landwirtschaft und den Flüssen als Transportadern zu den großen Seehäfen der Nachbarländer. Der Export von Soja, Rindfleisch sowie Strom aus Wasserkraftwerken gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen des Landes[2]. Im letzten Sommer fiel so wenig Regen im Einzugsgebiet der Flüsse Paraguay und Paraná, wie noch nie. Die Pegel der beiden Flüsse fielen zwischenzeitlich so stark ab, dass sie für Schiffe nicht mehr befahrbar waren. Die Dürre hat außerdem so verheerende Brände verursacht, dass das Paraguayische Parlament den nationalen Notstand verhängt hat. Abgelegene Ortschaften waren teils von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Auch Lebensmittel, die vorher über die Flüsse transportiert wurden, waren auf einmal knapp [3].

Paraguay durchlebt aufgrund der Dürre die schwerwiegendste ökonomische und soziale Krise seit Jahren. Arbeitslosigkeit, Armut und Unterernährung sind laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) nach jahrelangen Abwärtstrends das erste Mal wieder gestiegen[4]. Darüber hinaus hat Paraguay die zweitgrößte ländliche Bevölkerung Südamerikas[5].  Viele sind entweder als Arbeiter*innen auf großen Farmen angestellt oder arbeiten auf kleinen familiären Betrieben, die von Erntejahr zu Erntejahr wirtschaften. Durch die Dürre haben jedoch viele Landwirt*innen den Großteil ihrer Ernte verloren. Nicht wenige mussten ihr Land verkaufen. Daher gingen im Oktober und November 2020 Kleinbäuer*innen, Indigene und Landlose in der Hauptstadt Asunción auf die Straße, um von der Regierung die Rückgabe ihres Grundbesitzes und den Erlass ihrer Schulden für dieses Erntejahr zu fordern[6].

Wassermangel und Armut betreffen überproportional stark die indigene Bevölkerung

Bereits bestehende soziale Ungleichheiten – zwischen dem Osten und Westen des Landes, zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie zwischen indigener und nicht-indigenener Bevölkerung – wurden durch die Wasserkrise weiter verstärkt.  Die Trockenheit hat vor allem in den drei ärmsten Provinzen im Nordwesten Paraguays (Boquerón, Alto Paraguay und Presidente Hayes) – auch Chaco genannt – die Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und sanitären Anlagen drastisch verschlechtert.  Nur die Hälfte aller Kinder, die in ländlichen Gebieten geboren werden haben, nach Angaben der Vereinten Nationen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen und nur rund 76% haben Zugang zu Leitungswasser[7].

Gleichzeitig ist der Chaco das Gebiet in Paraguay mit dem höchsten Anteil an Indigenen in der Bevölkerung. Rund 50% aller Indigenen Paraguays leben in den drei nördlichen Provinzen und an die 15 verschiedenen indigene Völker haben hier ihre Territorien [8]. Vielerorts im Chaco sind aufgrund der Dürre die Brunnen, Flüsse und Quellen ausgetrocknet, sodass Trinkwasser in Tanklastern von weit her gebracht werden musste. Das ist aber aufgrund des Kraftstoffmangels, der seit der Covid-19 Pandemie besteht extrem teuer.

Abholzung und Landraub führen zu chronischem Wassermangel in der Region

Die Region ist nur dünn besiedelt und verfügt im Vergleich zum Rest des Landes über wenig Infrastruktur. Es gibt weniger befestigte Straßen und Siedlungen als im Rest des Landes. Dies hat es vielen indigenen Völkern erlaubt sich frei in den noch relativ unberührten Wald- und Savannengebiete des Chaco zu bewegen und von den natürlichen Ressourcen in ihrer Umgebung zu leben. Lange galt der Chaco-Trockenwald sogar als einziges Gebiet in Südamerika außerhalb des Amazonas-Regenwalds, in dem noch in freiwilliger Isolation lebende indigene Gemeinschaften sind. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch drastisch geändert. 

Agrarunternehmen und die Holzfirmen dringen immer weiter in den Chaco vor und roden teils illegal große Landstriche, um darauf Soja-Monokulturen oder Rinderweiden anzulegen[9]. Informationen der Vereinten Nationen zufolge wurden allein zwischen 1995 und 2012 ca. 44.000 Qudratkilometer Trockenwald gerodet (das entspricht in etwa der Größe Niedersachsens) mit verheerenden Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen der indigenen Gemeinschaften. Die Agrarindustrie vernichtet nämlich nicht nur das natürliche Ökosystem des Chacos, sondern verdrängt auch traditionelle Formen der Landwirtschaft[10]. Die GfbV hat bereits 2005 über die Folgen der Abholzung für das im Wald lebende Nomadenvolk der Ayoreo-Totobiegosode berichtet und über die de-facto-Enteignung der Maskoy (Link: https://www.gfbv.de/de/news/indianer-und-landrechte-in-paraguay-314/).

Foto: Dokumentation der Folgen einer vorherigen, schwächeren Dürre im Chaco 2009, aufgenommen von der „EU Civil Protection and Humanitarian Aid“
Lizens Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)
Lizens siehe: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
Fotos siehe: https://www.flickr.com/photos/eu_echo/9044719576/in/photostream/

    

Wassermangel und Landraub haben System

Der Chaco hat jedoch nicht erst seit der aktuellen Dürre-Krise mit extremen Trinkwassermangel zu kämpfen. Es kam in den vergangenen Jahren immer wieder zu extrem  langen Trockenheitsperioden. Auch wenn die Regierung mehrere Großprojekte initiiert hat, um die Trinkwasserversorgung der Region zu verbessern, hat sie bisher wenig gegen die systematische Umweltzerstörung und damit die Ursachen der Dürre getan. Ein Gesetz, das eine weitere Rodung des Chaco komplett verboten hätte, bekam im Parlament keine Mehrheit. Stattdessen wurde das bereits 2004 verabschiedete  „Ley de Zero Defosteratión“, also das Null-Abholzungs-Abkommen, nur für den atlantischen Regenwald im Osten des Landes verlängert [11]. Die paraguaysche Regierung fördert – eher ganz im Gegenteil – durch ihre besonders investorenfreundliche Politik den Verkauf großer Landflächen. Dementsprechend haben multinationale Agrarindustrie-Unternehmen (z.B. Cargill Inc., Bunge Ltd. und Archer Daniels Midland Co.) große Flächen im Chaco aufgekauft, die dann das dort produzierte Soja meist an ausländische Futtermittelproduzenten verkaufen. Dabei entsteht ein Teufelskreis aus Trockenheit und zunehmender Ressourcenausbeutung: Bodenerosion und Dürreperioden machen die bereits mit Soya bepflanzten Flächen immer weniger ertragreich und geben damit Anlass zu weiteren Rodungen für neue Sojafelder, die wiederum die Dürre und den Klimawandel verschlimmern.

Indigene besonders vulnerabel angesichts des Klimawandels

Die aktuelle Entwicklung in Paraguay zeigt eindrücklich, dass indigene Völker besonders stark unter den Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel leiden. Die Indigenen im Nordwesten Paraguays bekommen aufgrund ihrer naturnahen Lebensweise die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen der aktuellen Dürre direkt zu spüren, haben aber gleichzeitig deutlich weniger Möglichkeiten politischen und wirtschaftlichen Druck auf ihre Regierung auszuüben als die Großgrundbesitzer*innen. Zu diesem Umstand kommt erschwerend hinzu, dass die Regierung und Verwaltung in Teilen korrupt sind und der Staat finanziell davon profitiert, noch ‚ungenutzte‘ Landflächen zu verkaufen und intensiv bewirtschaften zu lassen. Die indigenen Gemeinschaften im Chaco brauchen daher die Unterstützung der lokalen Zivilgesellschaft und der Weltöffentlichkeit, um ihre Territorien vor weiteren Umweltschäden und Landraub zu schützen.


[1] BBC Artikel zu Ursachen und Folgen der Dürre: https://www.bbc.com/mundo/noticias-america-latina-54558777

[2] Bericht des des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs zur Trockenheit in Paraguay

[3] BBC Artikel zu Ursachen und Folgen der Dürre: https://www.bbc.com/mundo/noticias-america-latina-54558777

[4] Statistiken der Food an Agricultural Organization der UN: https://www.fao.org/faostat/en/#country/169

[5] Bericht des des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs zur Trockenheit in Paraguay: https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/20210204%20SEQUIA%20PARAGUAY%20%281%29.pdf

[6] Artikel Protest in Asunción https://monitor.civicus.org/updates/2021/01/25/campesinos-and-indigenous-peoples-mobilise-paraguay/

[7] Bericht des des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs zur Trockenheit in Paraguay

[8] Namentlich: Guaraní Occidental, Guaraní Ñandéva, Toba Maskoy, Enlhet Norte, Enxet Sur, Sanapaná, Angaité, Guaná, Nivaclé, Maká, Manjui, Ayoreo, Ybytoso, Tomárãho, und Qom

[9] Ergebnisse eines Forschungsprojekts der HU Berlin https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/archiv/nr1611/nr_161102_01

[10] Artikel von Brot für die Welt https://www.brot-fuer-die-welt.de/blog/2021-paraguay-der-fall-yeruti-und-das-soja-business/

[11] Landportal zum Protest der Opposition:  https://landportal.org/node/79552 und Bericht des WWF zum Null-Abholzungs-Gestz im Osten Paraguays: https://wwf.panda.org/wwf_news/?210224/Paraguay-extends-Zero-Deforestation-Law-to-2018


Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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