Überfüllt und verschmutzt – Realität Indigener am Baikalsee

Autorin: Sarah Brandmeier, Praktikantin im Indigenen Referat

Bild von Eugene Kaspersky auf Flickr, 2019.

Ein Ausflug an die Perle Russlands wird immer populärer. Doch weder Anwohner*innen noch Infrastruktur sind auf die Menschenmassen vorbereitet. Der See verschmutzt und indigene Ewenken und Burjaten kämpfen um ihre Identität.

Der Baikalsee in Südostsibirien gilt mit 25 bis 30 Millionen Jahren als ältester und mit 1642 Metern auch tiefste Süßwassersee der Welt.. Er fasst ein Volumen, das 480-mal dem des Bodensee entspricht und enthält damit ein Fünftel des weltweit an der Erdoberfläche flüssig vorhandenen Süßwassers. Rund um den See gibt es tausende endemische, d.h. nur hier existierende Tier- und Pflanzenarten. Seit 1996 gilt er daher mit der umliegenden Regionen Irkutsk und Burjatien als Unesco-Weltnaturerbe.

Der Baikal wird auch wirtschaftlich genutzt. In den vergangenen Jahren haben Wasserspiegel und damit einhergehend auch die Wasserqualität stetig abgenommen. Der See dient als Wasserquelle für Privathaushalte, Landwirtschaft und Industrie. Staudämme und Wasserkraftwerke an verschieden Zuflüssen dienen der Stromerzeugung und versorgen so unter anderem die sibirische Großstadt Irkutsk mit Elektrizität. Nicht nur die vielen Staudämme bringen das Naturgleichgewicht ins Wanken, sondern auch die unkontrollierte Fischerei und steigende Touristenzahlen.

Mitten im See liegt die heilige Insel von Burjaten und Ewenken namens Olchon. Sie gilt als das Herz Sibiriens und wichtiges Zentrum des indigenen Schamanismus. 13 Gottheiten sollen hier ihren Sitz haben.

Der Baikalsee liegt in Sibirien nahe der Grenze zur Mongolei und verfügt trotz wachsender Attraktivität für den Tourismus bisher über eine relativ schlechte Infrastruktur. Der enorm große See und die Siedlungen an seinen Ufern sind noch nicht lange an das Stromnetz angeschlossen. Das klingt im ersten Moment doch nach idyllischer Ruhe für die Anwohner*innen, richtig? Der Schein trügt. In den letzten Jahren wurde der Baikalsee immer beliebter sowohl bei russischen als auch internationalen Tourist*innen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Transsibirische Eisenbahn am Baikalsee entlangfährt. Sie hält hier im 2.000 Seelen Ort Listwjanka, der nun zwar vom zunehmenden Tourismus profitiert, mit mehr als 1,6 Millionen Tourist*innen im Jahr 2018 jedoch maßlos überfordert war. Zwar wird in der Region die Infrastruktur für Tourist*innen weiter ausgebaut, doch dieser Prozess hinkt den steigenden Zahlen deutlich hinterher.

Der Tourismus bringt viele Probleme in diese bisher eher abgeschiedene Region.  Nicht nur werden für den Ausbau der Infrastruktur Wälder gerodet. Da rund um den See die Anzahl der Betten begrenzt ist, entschließen sich viele Menschen auch ohne Genehmigung zu zelten. Viele von ihnen nehmen ihren damit anfallenden Müll nicht wieder mit oder verursachen durch das Grillen ohne Feuerstelle sogar regelmäßig Waldbrände. Besonders deutlich wird das Müllproblem in der Teilrepublik Burjatien. Der Müll wird hier einfach in der Erde vergraben. Es existieren zwar Strafen für Menschen, wenn sie nicht angemessen recyceln, doch diese sind viel zu gering und gerade für Hotels ist es immer noch rentabler, den Müll zu vergraben und eine Strafe zu zahlen. Die Menschen in der Region hoffen auf eine Müllreform aus Moskau, die alle zum Recycling zwingt.

Doch nicht nur die Natur leidet unter den Touristenmassen, sondern auch die vielen ethnischen und indigenen Gruppen rund um den See. Ein einprägsames Beispiel sind die Folgen des Tourismus für indigene Kultstätten auf der für Ewenken und Burjaten heiligen Insel Olchon , die ein wichtiges Zentrum für den Schamanismus der Indigenen ist. Ihr größtes Heiligtum und damit Wahrzeichen ist der imposante Schamanenfelsen, am westlichen Ufer. Dort soll die wichtigste Gottheit Trengri leben.

Die Insel Olchon ist das größte und zugleich einzige bewohnte Eiland im Baikalsee. Ihre Fläche ist in etwa so groß wie der Bodensee, jedoch ist sie nur sehr dünn besiedelt. Die ersten Siedler kamen vor rund 60 000 Jahren auf die Insel, auf der heute etwa 2000 Menschen ständig leben. Etwa die Hälfte der heutigen Bevölkerung sind Burjaten die dem Buddhistischen Glauben angehören. Diese konnten jedoch viele ihrer alten Bräuche und Glaubensvorstellungen über die Sowjetzeit hinaus bewahren. Deshalb hat die Insel bis heute ihre besondere Bedeutung für sie ist bewahrt. Schamanismus wird nach wie vor praktiziert wird.

Auf der ganzen Insel findet man viele Holzpfähle und Bäume, die mit Gebetsbändern geschmückt sind und so spirituelle Kraftorte markieren, doch das eigentliche Wahrzeichen und Heiligtum der Insel ist der so genannte Schamanenfelsen. Dieser liegt am westlichen Ufer vor Chuschir dem Hauptort der Insel.

Bild von Simon Matzinger auf Pixabay, 2011

Doch nun droht die „Schamaneninsel“ Olchon dem Kommerz zum Opfer zu fallen. Seit gut zehn Jahren erlebt die Insel einen Touristenboom. Nicht nur internationale Tourist*innen sind an der Insel interessiert, sondern auch mehr und mehr reiche Russ*innen. Dies hat zur Folge, dass sich immer mehr Bewohner*innen als Schaman*innen bezeichnen, um vom Geld der Tourist*innen zu profitieren. Diese selbsternannten Schaman*innen bringen nicht nur die tatsächlich Berufenen in Verruf, da sie spirituelle Heilung gegen Geld versprechen. Sie gefährden auch das Wahrzeichen der Insel, den Schamanenfelsen. Aufgrund der steigenden Zahlen an Reisenden, wird die Infrastruktur auf der Insel enorm ausgebaut. In der nahen Zukunft soll eine asphaltierte Straße zur Nordspitze der Insel gebaut werden und so die Fahrzeit auf zwei Stunden halbieren. Außerdem wäre die Insel dann bequem mit dem eigenen Auto befahrbar. Das würde den Massentourismus auf der Insel ermöglichen. Viele Bewohner*innen der Insel und vor allem Schamanen befürchten, dass ihre Kultur darunter noch mehr leiden wird als unter den “falschen Schamanen“.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass nicht nur die Natur rund um den Baikalsee, sondern auch die Menschen unter dem vermehrten Tourismus leiden. Weder Natur noch Infrastruktur sind auf diese Massen an Tourist*innen vorbereitet. Abgesehen von Verschmutzung durch fehlendes Recycling droht auch der Identitätsverlust. Viele der ethnischen Gruppen in der Region wollen vom Tourismus profitieren, doch es droht der Verkauf der eigenen Kultur an den Massentourismus. Dringend muss hier regulierend eingegriffen werden. Sonst drohen der Jahrhunderte alte Buddhismus und Schamanismus unglaubwürdig zu werden oder ganz verloren zu gehen, wie die Situation der Schamanen auf Olchon eindrücklich zeigt.


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