Politisch? Fußball doch nicht! | Zum Verhältnis von Politik und Fußball, Teil II

Fußball kann politisch missbraucht werden und weltweit gewissermaßen als Antibiotikum dienen, das bei bestimmten Symptomen zur Linderung oder Heilung von sozialen Problemen beiträgt. Der Möglichkeit des Marketings bedienen sich dabei nicht nur undemokratische Länder. Da Fußball auf dem ganzen Globus gespielt und geliebt wird, erweist er sich als eine durchaus lukrative und öffentlichkeitswirksame Möglichkeit der Projektion für politische Akteure. Die wiederholten Kabinenbesuche der Altbundeskanzlerin Angela Merkel bei der Nationalmannschaft mit PR-wirksamen Fotos sind hierfür ein Beispiel. Der entscheidende Unterschied zu autokratisch und diktatorisch regierten Ländern ist, dass dort diese Form der Propaganda nicht kritisch publik gemacht werden darf.

Von Hubeyb Yöntem; Foto: Wladimir Putin gibt im Luzhniki-Stadion den Startschuss für die FIFA World Cup Trophy Tour im September 2017. via Wikimedia

Marketing und Reputationspflege

Dem besten Marketing der Welt und der Reputationspflege gleicht der Fußball deshalb, weil ihn autoritäre Machthaber gezielt zu nutzen wissen: Assad spielt Normalität durch Fußball inmitten eines währenden Bürgerkriegs seit 2011 vor, um von fatalen Missständen im eigenen Land[1] abzulenken. Trotz Terror, Folter und Mord hielt er den Fußball-Ligabetrieb aufrecht und lässt sich als eigentlich an Fußball Uninteressierter mit der Nationalmannschaft filmen nach ihrem Sieg der Westasien-Meisterschaft 2012. Hintergrund sei die Bestrebung Assads, das Land wieder aufzubauen und durch das beliebteste Medium „Fußball“ Investoren zu suchen.[2]

Die WM 2018 in Russland veranschaulicht ebenso, wie solche Events sportpolitisch wirken und wie sie von Machthabern genutzt werden. Die Fußball-Weltmeisterschaft wurde zu einem medialen Erfolg für Russlands Präsident Putin. Trotz der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 und der damit einhergehenden internationalen Kritik wurde Putin in der Berichterstattung als einziger Nicht-Sportler als einer der sportlichen Gewinner der WM tituliert. Er blieb infolge der WM von negativer und kritischer Berichterstattung weitestgehend verschont und wurde sogar am häufigsten zitiert. Die erfolgreiche WM wurde direkt ihm zugeschrieben, sodass Putin sich seines Prestige-Projektes erfreuen durfte.[3]

Wladimir Putin eröffnet die Fußball-WM 2018 mit Willkommensgruß an Fans. Foto: via Wikimedia

Dass die WM 2022 in Katar stattfindet, ist ebenso mit vielen Herausforderungen und Problemen verbunden. Menschenrechtsorganisationen berichten von zahlreichen Missständen, die kurz vor Beginn der WM weiterhin bestehen.[4] Amnesty International berichtet, das Kafala-System sei keineswegs Geschichte und menschenunwürdige Arbeitsumstände für Billiglohnmigranten bestünden weiterhin[5], was  die WM-Organisatoren heute zugeben.[6] Mehr als 6.500 Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka seien in Katar während der Arbeit gestorben, seit das Emirat vor 10 Jahren den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft erhalten hat. Die meisten von ihnen sollen nicht auf den Stadionbaustellen gestorben sein, sondern bei den Infrastrukturarbeiten, die im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft in Katar stattfinden. Die brütende Hitze und fehlende Sicherheitsmaßnahmen sollen Hauptursachen für diese Tragödie gewesen sein. Das Emirat ist in der Inszenierung bemüht, nach Außen ein ganz anderes Image zu verkaufen trotz Pressezensur und der Diskrimierung von Menschen. Dieses Phänomen ist auch bekannt unter dem Begriff „Sportswashing“.

Sicherheitspolitik

Die Erfahrungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts lehrten Kleinstaaten wie Katar, dass sie ihren Nachbarstaaten flächenmäßig, sicherheitspolitisch und militärisch um Weiten unterlegen sind, weshalb sie begonnen haben, Soft-Power-Strategien zu verfolgen, indem sie um der politischen Absicherung und internationalen Fußfassung willen Investitionen in Milliardenhöhe in nationale und internationale Kultur, Wissenschaft und Sport tätigten.[7]

Dass der Fußball nicht nur ein beliebter Ballsport, sondern eine gewaltige Wirtschaftsmacht ist, die einer entsprechenden Sicherheitspolitik bedarf, zeigt das Beispiel Katars sehr anschaulich. Katar hatte im Jahr seiner Unabhängigkeit 1971 rund 100.000 Einwohner und lehnte wie Bahrain einen Beitritt zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ab. Ab den 1970er Jahren leitete Katar eine Modernisierung ein unter dem militärischen Schutz Saudi-Arabiens. Der Einmarsch Iraks 1990 ins kleine Kuwait war schließlich der Grund, dass sich in den kleineren Staaten der Region ein Bewusstsein durchsetzte, dass sie bei einem ähnlichen Angriff klar unterlegen wären. Die Katarer würden deshalb Sportveranstaltungen als Lebensversicherung betrachten, denn ohne die Netzwerke mit internationalen Fußballklubs, Museen oder Universitäten wäre Katar, etwa halb so groß wie Hessen, wohl schon von den Saudis angegriffen worden. Die Fläche Saudi-Arabiens ist 200-mal so groß wie die von Katar und zählt rund 150.000 Soldaten neben den 700.000 Soldaten Irans und 12.000 Soldaten Katars. Diese militärische und sicherheitspolitische Unterlegenheit bedinge eine der aufwendigsten Soft-Power-Strategien weltweit mit milliardenschweren Investitionen. Die schnelle Verwurzelung Katars in der Weltpolitik und das Sichtbarwerden auf der Weltkarte sei neben der Investition in Wirtschaft, Infrastruktur und Kultur primär dem Sport und Fußball geschuldet.[8]

Wirtschaftliche Dimensionen

Zahlreiche Beispiele und Vorfälle lassen unschwer erkennen, dass es beim Fußball längst nicht mehr nur um den geliebten Ballsport selbst geht. Die Verflechtung des Fußballs mit Wirtschaft und Kommerz und die Dimension seiner zunehmenden Verwirtschaftlichung ist äußerst beachtlich und zugleich bedenklich. Der Fußball offenbart sich auch in Form des „Nationbranding“, wie es z.B. die Reformen des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und die Interessensverschiebungen der Golfstaaten in Richtung neuer Wirtschaftszweige, finanzieller und politischer Absicherungen u.a. durch den Fußball und Fernsehmärkte wie „beIN Sports“ zeigen.[9]

Fußball ist weltweit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Diese wirtschaftliche Dimension ist so groß, dass das Wegfallen dieser Sportart erhebliche Folgen für die Volkswirtschaft eines Landes hätte. Das ist dem Grund geschuldet, dass viele Faktoren in diese Abhängigkeit einspielen wie Sponsoring, staatliche Einnahmen, die der Fußball in Form von Umsatz- und Mehrwertsteuer generiert, TV-Sender, Medienrechte, die Logistikbranche und die Werbeindustrie. Ebenso ist der Profisport für seine Transfersummen und Spielergehälter in schwindelerregenden Höhen bekannt.

Sport – und Fußball im übertragenen Sinne – wird auch als eine Strategie genutzt, um die Wirtschaft langfristig zu diversifizieren. Im Falle Katars wird versucht, das Emirat von Öl- und Gasexporten unabhängig zu machen u.a. durch enge Beziehungen zum europäischen Fußball, dem Kauf des Profisports und die Übernahme von Klubs wie die des Qatar Sports Investments (QSI) und Sponsorings von Vereinen wie FC Barcelona.[10] Die Bundesregierung und deutsche Unternehmen kooperieren mit autoritären Regierungen trotz einschneidender Menschenrechtsverletzungen, wie es der Milliarden-Auftrag zwischen Katar und der Deutschen Bahn anlässlich der 2022 in Katar stattfindenden WM[11]  oder die umstrittenen Katar-Sondierungen des Wirtschaftsministers Robert Habeck um Geschäfte mit Flüssiggas verdeutlichen.[12]

Wirtschaftsminister Robert Habeck während seines umstrittenen dreitätigen Sondierungsbesuches in Katar am 20. März 2022. Foto: Martin Schirdewan via Twitter

Das Gutachten „Wirtschaftsfaktor Fußball“ des Gesprächskreises Sportwirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) aus dem Jahr 2015 veranschaulicht die Relevanz des Ballsports beispielhaft für Deutschland. So geben deutsche Haushalte insgesamt pro Jahr rund 11 Mrd. Euro für aktives Fußballspielen und für das Zuschauen aus. Neben insgesamt 5,5 Mrd. Euro, die 2010 fast 20 % der Deutschen als Zuschauer für Fußball ausgegeben haben, erwirtschaftet der Profifußball Geld vor allem durch Sponsoring und Medienrechte. Durch Sponsoring nahm die 1. Bundesliga 2014 rund 640 Mio. ein und mit Medienrechten in den Jahren 2016/2017 knapp 835 Mio. Euro.[13] 2014 verzeichnet der Profifußball einen Umsatz von 7,9 Mrd. Euro, was im Vergleich zu 2008 eine Steigerung von 55 % bedeutet. „Damit ist die Fußball-Branche zehnmal stärker als die deutsche Wirtschaft insgesamt gewachsen.“[14] Wie die aktuellere McKinsey-Studie zur volkswirtschaftlichen Situation im Profifußball aus dem Jahr 2020 berichtet, verzeichnete das Fußballgeschäft in Deutschland erneut ein kontinuierliches Wachstum. „Mit einer Gesamtwertschöpfung von 11,0 Mrd. EUR in der Saison 2018/19 trägt der Profifußball in Deutschland mittlerweile ähnlich viel zur Wertschöpfung bei wie das gesamte produzierende Gewerbe kleinerer Bundesländer […] und entwickelt sich immer weiter von einer Freizeitaktivität mit besonderem öffentlichen Fokus zu einer etablierten deutschen Industrie.“[15] Die Entwicklung der Wertschöpfung bedeute gegenüber der Saison 2013/14 dabei einen nominalen Anstieg von etwa 40%.[16]

„Gemeinnützigkeit“ und Ausblick

Die Fußballwelt verfügt jedoch auch über Schattenseiten, wenn primär Profit und Gewinnmaximierung verfolgt werden. Der DFB erklärt z.B. in der Präambel seiner Satzung, dass er in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung handle.[17] Weiterhin heißt es im Ethik-Kodex des DFB, er habe eine herausragende gesellschaftliche, soziale und sportpolitische Verantwortung, die er durch „Unterstützung gesellschaftlicher Themen und Herausforderungen mit den Möglichkeiten des Fußballsports“ und „Beteiligung an karitativen und humanitären Maßnahmen“ wahrnehmen würde.[18] Der DFB erfreute sich im Rahmen der WM 2006 in Deutschland über einen Überschuss von 135 Mio. Euro und Hauptsponsor Adidas steigerte seinen Gewinn um 26 % auf über 480 Mio. Euro[19], obwohl seit nicht jüngster Zeit Menschenrechtsorganisationen Probleme anprangern. Dem Sportartikelriesen werden massive Verletzungen von Arbeits- und Sozialstandards in den Adidas-Zulieferfirmen und einschneidende Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte bei Zulieferbetrieben vorgeworfen, in denen Arbeitskräfte zu unbezahlter Mehrarbeit gezwungen werden und in menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiten.[20]

Das Thema Sponsoring von Fußballclubs und Investoren wirft ebenso viele moralische Fragen auf. Die Erfahrung zeigt, dass sobald finanzielle Ressourcen im Spiel sind, ethische Leitsätze oftmals übersehen werden und der Fußball an Sinnhaftigkeit verliert. Das Beispiel des russischen Energiekonzerns Gazprom veranschaulicht, wieviel Geld in Sport und Fußball gespült wird.[21] Trotz der aggressiven Ukraine-Politik Russlands und der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 sah der Fußballclub Schalke 04 keinen Anlass, seinen Sponsor zu hinterfragen. Dies geschah erst mit der Invasion russischer Truppen in die Ukraine, als der Club am 28.02.2022 die Partnerschaft mit Gazprom vorzeitig beendete.[22]

Einerseits beteuern die Machthaber des Fußballs im „Feld“, Völkerverständigung und Werte wie Gemeinschaft, Solidarität und Toleranz mitzugestalten. Andererseits werden diese Werte, die ein großes Potenzial bieten, ökonomischen und politischen Interessen geopfert. Nach all den weiterhin währenden Diskussionen um Menschenrechte, autokratische Regime und Korruptionsfälle täten der DFB und die verantwortlichen staatlichen Stellen an den Austragungsorten gut daran, nicht nur per Lippenbekenntnis formelle Erklärungen abzugeben, sondern der FIFA und UEFA tatsächlich die Stirn zu bieten. Es bleibt zu hoffen, dass die Verlierer der WM 2022 nicht die Grundrechtsträgerinnen und -träger sind.


[1]https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-01/syrien-folter-urteil-koblenz-anwar-r-baschar-al-assad

[2] https://www.deutschlandfunk.de/fussball-in-syrien-spielball-der-diktatur-100.html

[3] Schützeneder, Jonas/Graßl, Michael/Schiavone, Maria Lisa: Heimvorteil Putin? Die mediale Darstellung des russischen Präsidenten während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 – eine Inhaltsanalyse, FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, 2-2019, S. 178-195

[4]https://www.hrw.org/report/2020/08/24/how-can-we-work-without-wages/salary-abuses-facing-migrant-workers-ahead-qatars

[5] https://www.amnesty.org/en/documents/mde22/3548/2016/en/

[6]https://www.zeit.de/news/2022-04/07/wm-organisatoren-geben-ausbeutung-von-arbeitern-in-katar-zu

[7] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1147943.katar-sport-als-weltpolitische-strategie.html

[8] Blaschke, Ronny: Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution, Verlag die Werkstatt GmbH, Bielefeld 2020, S. 178-188

[9]https://www.merkur.de/politik/sportswashing-fussball-wm-2022-katar-doha-saudi-arabien-manchester-city-psg-bayern-muenchen-91276372.html

[10] https://rp-online.de/sport/katar-kauft-sich-den-profisport_aid-18712817

[11]https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/doha-deutsche-bahn-vor-milliarden-auftrag-in-katar/20057142.html

[12]https://www.gfbv.de/de/news/fluessiggas-aus-katar-10724/ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237742331/Robert-Habeck-in-Katar-Nur-schoene-Bilder-Scharfe-Kritik-aus-der-FDP-Spitze.html

[13] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Wirtschaft/wirtschaftsfaktor-fussball.html

[14] https://www.wlw.de/de/inside-business/branchen-insights/industriebedarf/wirtschaftsmacht-fussball

[15] https://media.dfl.de/sites/2/2020/09/2020_Bundesliga_Studie_Deutsch.pdf

[16] Ebd.

[17] https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/251192-02_Satzung.pdf

[18] https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/216693-04_Ethik-Kodex.pdf

[19] https://www.adidas-group.com/media/filer_public/2013/09/26/press_release_q42006_de_new.pdf

[20] https://www.movassat.de/adidas-tritt-menschenrechte-mit-sportschuhfuessen

[21] https://www.spiegel.de/sport/wo-der-energieriese-gazprom-engagiert-ist-sportgrafik-der-woche-a-765ef1ca-a010-40ba-b7f1-844a56e41b0c

[22] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/schalke-gazprom-101.html


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