Die lange Suche von Kindern und ihren Müttern

Chiles Diktatur wirkt nach: Tausende heute erwachsene Adoptivkinder suchen ihre Wurzeln im chilenischen Süden. Denn in den 1970er und 1980er Jahren wurden sie gestohlen, als Kleinkinder, oft im Säuglingsalter, gegen den Willen ihrer Mütter zur Adoption freigegeben. Über Adoptionsagenturen wurden sie an Familien in Europa verkauft. Heute fordern Betroffene Aufklärung und juristische Aufarbeitung. Von Regina Sonk in Gesprächen mit Alina Rodenkirchen und María Diemar; Foto: © Hijos y Madres del Silencio

Chile: Illegale Adoptionen von indigenen Kindern

Während der chilenischen Militärdiktatur (1973 bis 1990) wurden zwischen 8.000 und 20.000 chilenische Säuglinge und Kleinkinder von Familien in Europa und Nordamerika adoptiert – oft gegen den Willen ihrer Mütter. Diese waren in der Regel sehr jung, sehr arm und viele von ihnen waren Mapuche. Alina Rodenkirchen ist selbst Mapuche und Aktivistin für die Rechte der heute erwachsenen Adoptivkinder, die teilweise Jahrzehnte brauchen, bis sie ihre Herkunft komplett zurückverfolgen können. Ich spreche mit ihr über die illegalen Praktiken, mit denen Kinder ins Ausland geschafft wurden.

„Eine der am stärksten [von Zwangsadoptionen] betroffenen Zonen ist der Süden gewesen, also dort, wo das Mapucheland ist“, erzählt sie. Der Staat habe versucht, die Armut auszumerzen und bekämpfte die Mapuche, von denen viele auf dem Land wohnten. „Dann ging es besonders um Frauen, das heißt, dass bei diesen jungen Mapuche-Frauen die Vulnerabilität (Verletzbarkeit; Anm. d. Red.) am höchsten war.“

1973 kam der General Augusto Pinochet durch einen Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende an die Macht. Seine Politik verfolgte das Ziel, Armut zu kriminalisieren. Denn die prekäre Existenz benachteiligter Familien sah der Diktator als ein Hindernis für den Fortschritt Chiles an. Adoptionen waren Teil seiner nationalen Strategie zur Beseitigung der Kinderarmut: benachteiligte Kinder sollten aus dem Land geschafft werden. Die Staatsgewalt richtete sich gegen arme Bevölkerungsgruppen und hinderte sie, ihre eigenen Kinder aufzuziehen. Alina bringt den Begriff „Ethnozid“ ins Spiel, also eine gezielte Politik zur Zerstörung einer ethnischen Gruppe, ohne jedoch ihre Angehörigen zu töten.

„Es gab unterschiedliche Wege, die Adoption durchzuführen oder Kinder zu stehlen. Einerseits im Krankenhaus: Direkt nach der Geburt wurde den Frauen gesagt, dass ihre Kinder gestorben seien. Ein anderer Weg war, dass Mütter arbeiten und ihre Kinder in die Obhut von einem Kinderheim oder einer Kindertagesstätte von Nonnen geben mussten. Nach einiger Zeit wurde ihnen dann der Zugang zu ihren Kindern verweigert, die dann ins Ausland verschleppt wurden“, beschreibt Alina.

Ein Klima der Gewalt hinderte die meisten Mütter daran, sich zu wehren. Die Frauen erhielten nie eine Sterbeurkunde, durften ihre Neugeborenen nicht sehen. Diejenigen, die versuchten, die Polizei einzuschalten oder sich an die Medien zu wenden, wurden eingeschüchtert und als psychisch labil bezeichnet. „Hinzu kam, dass viele kein Spanisch sprachen, sondern Mapuzungun (Sprache der Mapuche; Anm. d. Red.), sich dementsprechend nicht im Krankenhaus verteidigen konnten oder verstanden, was passiert war“, erklärt Alina weiter.

Internationale Adoptionen gab es schon Jahrzehnte vor der Machtübernahme durch Pinochet. Aber 1978 wurde die Förderung der Adoption zur offiziellen Politik der Regierung. Der Druck auf Mütter, ihre Kinder abzugeben, nahm zu. Die internationalen Adoptionen stiegen sprunghaft an. Während es in Chile nur wenige Familien gab, die indigene Kinder adoptieren wollten, gab es im Ausland mehr Interesse. Das Geschäft war lukrativ: Laut Karen Alfaro, Historikerin an der Universität Austral in Chile, sollen Adoptionseltern zwischen 6.500 und 150.000 US-Dollar für ein Kind bezahlt haben.

Mit den Gewinnen wurde das Geschäftsmodell zunehmend professionalisiert. Netzwerke aus Sozialarbeiter*innen, Nonnen und Krankenhauspersonal entstanden, die extra dafür bezahlt wurden, geeignete Kinder zu finden. Sie begleiteten Frauen bei ihren Entbindungen in dem Wissen, sie später über das Schicksal ihrer Neugeborenen zu belügen und gefälschte Urkunden zu erstellen, die es später unmöglich machen sollten, eine Spur zur leiblichen Mutter zu finden. „Da waren Richterinnen involviert, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Ärzte, Polizei. Alle waren darin verwickelt. Es gab ein Kinderhandel-Netz hier in Chile“, sagt Alina. In Europa dachten Adoptiveltern, sie würden einem armen, mittellosen Kind ein neues Zuhause schenken.

„Ich kam nach Schweden als ich zehn Wochen alt war“,

erzählt María Diemar mir. María und Alina sind befreundet. Alina ist ihre Mapuzungun-Lehrerin. María ist 1975 im Süden Chiles geboren. Seit 25 Jahren sucht sie nach ihren Wurzeln. Die indigene Sprache ist dabei ein Puzzlestück von vielen bei der mühsamen Rückeroberung der eigenen Identität.

María mit einigen Monaten. Es ist eines der ersten Bilder nach ihrer Ankunft in Schweden.
Foto: © María Diemar

Ihre Adoptiveltern sind immer offen gewesen und haben alle Fragen Marías beantwortet. Mit ungefähr 11 Jahren, erinnert sie sich, zeigen ihre Eltern ihr das erste Mal ihre Adoptionspapiere. Darin liest sie von der Existenz eines Bruders. Er soll laut den Papieren in Chile bei den Großeltern leben. „Das war sehr lebensverändernd für mich (…) Ich war sehr glücklich zu erfahren, dass ich einen Bruder habe, aber auch traurig. Warum bin ich in Schweden und warum ist er in Chile? Hat sich unsere Mutter dafür entschieden, ihn bei sich zu haben und mich zu verlassen? Da waren ganz viele Gefühle und Verwirrung (…) Und dann hatte ich die ganz kindliche Vorstellung, dass mein Bruder mich eines Tages finden würde. Von diesem Tag an wollte ich alles über Chile lernen. Denn sollte er mich finden, musste ich wissen, woher ich komme.“

María sammelt alles, was mit Chile zu tun hat, lernt Spanisch und engagiert sich auch innerhalb der Adoptionsagentur. So bleibt sie mit anderen Adoptierten in Kontakt. 1998, mit Anfang 20, ist sie bereit, nach Chile zu reisen. Ihr wird klar: „Wenn mein Bruder mich nicht findet, muss ich ihn finden.“ Sie will die Orte sehen, an denen sie als Baby war, das Kinderheim sehen, in dem sie einige Wochen verbrachte, auch das Krankenhaus sehen, in dem sie geboren wurde. Doch weder an diesen Orten noch bei dem Familiengericht, das ihre Adoption erlaubte, findet sie irgendwelche Daten über sich. Am Ende ihres Aufenthalts in Chile erfährt sie von einer Beamtin im Einwohnermeldeamt in Chiles Hauptstadt Santiago immerhin, dass ihre Mutter existiere und noch am Leben sei.

Einige Jahre später, 2003, bekommt sie den Kontakt einer chilenischen Redakteurin, die einer schwedischen TV-Show hilft, vermisste Familien zusammenzubringen. Sie hilft María und findet innerhalb einer Woche die Anschrift ihrer Mutter im Süden Chiles. Der Onkel dieser Redakteurin wohnt nur eine Stunde entfernt. María willigt ein, dass er ihre Mutter aufsucht. Nach seinem Besuch erhält sie eine lange E-Mail von ihm: „Jetzt muss ich dir genau sagen, was passiert ist, aber du musst selbst entscheiden, was du davon hältst. Deine Mutter hat dich nicht zur Adoption freigegeben, sondern ihr Arbeitgeber. Sie war ein Dienstmädchen und der Arbeitgeber hat deine Mutter gezwungen, dich wegzugeben. Sie wollte das nicht“, zitiert María die Nachricht.

Marías Mutter ist Mapuche, lebt in sehr einfachen Verhältnissen auf dem Land. Sie ist eher zurückhaltend. Mit ihrem jetzigen Ehemann hat sie noch zwei Kinder bekommen, eine Tochter und einen Sohn. María ist ihr Geheimnis. Sie führt keine leichte Ehe und hat Angst, ihr Ehemann würde sie verstoßen, wenn er von der Existenz Marías erführe. Nur ihre Tochter hat sie eingeweiht. Gabriela heißt sie. María nimmt Kontakt zu Gabriela auf.

Sie sind sich von Anfang an vertraut, reden jede Woche miteinander, schreiben sich Briefe. Über Gabriela lernt María das Leben ihrer Mutter kennen, das kein leichtes war. 2004 reist María ein drittes Mal nach Chile. Sie und Gabriela verbringen eine Woche zusammen. María reist mit ruhigem Gewissen zurück. Sie trifft ihre Mutter zwar nicht persönlich, aber sie hat ihre Wurzeln zurückverfolgen können. Für den Moment ist alles gut.

2007 stirbt ihre Schwester nach kurzer, schwerer Krankheit. María will noch zu ihr, aber es ist zu spät. Sie schließt mit dem Thema vorerst ab, zieht mit ihrem Mann und den mittlerweile drei Söhnen in die USA. Neun Jahre vergehen, bis sie erneut bereit ist, mit Chile Kontakt aufzunehmen. Sie sucht nach Gabrielas jüngerem Bruder in Facebook, einem sozialen Netzwerk im Internet – und findet ihn prompt. Über ihn findet sie auch ihren älteren Bruder, den Bruder, über den María mit elf Jahren in den Adoptionsunterlagen las.

Ein Jahr später sieht sie einen Dokumentarfilm über gestohlene Adoptivkinder Chiles und nimmt Kontakt zu dessen Regisseur Alejandro Vega auf. Er schaut in ihre Adoptionspapiere und bestätigt: „Du musst wissen, dass das, was mit dir passiert ist, nicht legal war. Was deine Mutter sagte, ist wahr.” María braucht eine dritte Person, die ihr das bestätigt. Sie fügt hinzu: „Es hat bis 2017 gedauert, bis ich begriffen habe, dass Kinder aus Chile gestohlen wurden und ich eins von ihnen bin (…) Ich dachte, vielleicht lügt meine Mutter oder nur ich wurde auf diese Weise entführt.“

Die Nachricht schlägt ein und offenbart ihr die Dimension der Ungerechtigkeit ihrer Adoption. „Vorher war es persönlich, aber dann kommt alles zusammen. (…) Es war keine geplante Schwangerschaft, aber doch hatte sie nie vor, mich zur Adoption freizugeben. Sie wollte, dass ich auf dem Land aufwachse. Sie wollte, dass ich mit meinen Geschwistern aufwachse.“

Schweden ist ein Sonderfall, weil hier Adoptionsagenturen tätig waren, die ihre Handlungen dokumentiert haben. Heute ist bekannt, dass es etwa 2.200 Adoptionen aus Chile nach Schweden gab, überwiegend von Mapuche-Kindern. Alina Rodenkirchen wird hier sehr deutlich: „Die meisten sind illegale Adoptionen. Es sind Menschen, die geraubt wurden und die heute so um die 40, 45 Jahre alt sind und eigentlich ihr ganzes Leben mit einer Lüge aufgewachsen sind und gedacht haben, dass sie nicht gewollt wurden, dass sie verlassen wurden von ihren Müttern und ihren Familien. Erst wenn sie ihre Mütter finden, wird ihnen bewusst, dass sie gestohlen und verkauft wurden.“

In anderen Ländern, auch in Deutschland, wurden Adoptionen über einzelne Personen, zum Beispiel Nonnen oder persönliche Kontakte abgewickelt. Wie viele Adoptionen illegal durchgeführt wurden, ist bisher nicht bekannt.

Adoptionen waren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

Jahrzehnte nach der Diktatur, im Jahr 2019, wurde nach den Enthüllungen in der Presse eine parlamentarische Kommission von der chilenischen Abgeordnetenkammer eingesetzt. Die Parlamentarier*innen kamen zu dem Schluss, dass es „mafiöse Netzwerke“, „illegale Vereinigungen von Gesundheitsfachleuten, Adoptionsberatern und sogar Beamten“ gibt, die „im internationalen Handel mit chilenischen Kindern tätig sind, sie ihren Müttern wegnehmen und den betroffenen Familien irreparablen Schaden zufügen“. Passiert ist bis heute nichts. Der Bericht bleibt bislang folgenlos.

María Diemar (links) lebt heute in den USA. Unermüdlich arbeitet sie mit anderen Betroffenen an der juristischen Aufarbeitung und Entschädigung getrennter Familien. Im Bild ist sie im Videogespräch mit unserer Autorin.
Foto: © GfbV

Alina versucht, die Rechte der adoptierten Mapuche innerhalb Chiles zu stärken. Denn gerade Mapuche werden hier nicht berücksichtigt. So vergibt zum Beispiel die Conadi, das nationale Büro für indigene Angelegenheiten, die Calidad indígena, eine offizielle Urkunde für Indigene, nur an Personen, die ihre indigenen Wurzeln bis zu vier Generationen zurückverfolgen können. Bei illegal Adoptierten ist das unmöglich, weil ihre Geburtsurkunden verfälscht sind, ihre biologischen Eltern gestrichen wurden.

Auch in Schweden ist der Weg der Aufarbeitung noch lang. Öffentlich wird alles geleugnet, vor Gericht können Fälle nicht eröffnet werden, denn sie sind verjährt. „Wenn wir es auf die nächste Ebene bringen wollen, brauchen wir Anwälte. Die Anwaltskosten sind zu hoch, weil es zu viele Fälle sind. Vielleicht gelingt der Weg über den Ombudsmann (unparteiische Schiedsperson; Anm. d. Red.),“ überlegt María. „Wenn sie [die Behörden] damit anfangen, müssen sie das gesamte System durcharbeiten, und ich glaube nicht, dass sie dazu bereit sind.“

María Diemar hat ihre Wurzeln wiedergefunden. Ihre biologische Mutter hat sie bisher trotzdem nicht persönlich treffen können. Noch immer hat sie Angst, ihr Ehemann würde ihr Geheimnis nicht akzeptieren. María gibt den Namen ihrer Mutter nicht preis. Ihr ist es wichtig, sie zu schützen. „Ich glaube, es wäre wichtig, diese Treffen, dieses Wiederfinden, nicht so zu verherrlichen. Denn danach kommen oftmals unheimlich viele Probleme auf,“ meint Alina Rodenkirchen. „Nach diesem ersten Moment geht es oft nicht gut weiter. Es treffen im Endeffekt unterschiedliche Welten aufeinander.“

María und ihre Mutter sind auf ihrem eigenen Weg. María berichtet von einem Moment, in dem ihr Bruder sie anrief und meinte, die Mutter liege im Krankenhaus und würde gerne mit ihr sprechen. María rief im Krankenhaus an, wurde zu ihr durchgestellt und dann haben sie einfach so geredet.


Die chilenische Organisation „Hijos y Madres del Silencio“ (deutsch etwa: Kinder und Mütter der Stille) hilft Müttern und Kindern bei der Suche nacheinander. Bereits mehr als 250 Familien konnte sie zusammenbringen. Kontakt: hmdelsilencio@gmail.com

Der Artikel erschien zuerst in unserer Zeitschrift „Für Vielfalt“ Ausgabe 06/21

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[Die Gesprächspartnerinnen]

María Diemar wurde 1975 in Chile geboren, ist in Schweden aufgewachsen undlebt heute in Dallas/Texas gemeinsam mit ihrem Mann und drei Söhnen. Sie kämpft als Mapuche und Betroffene von illegaler Adoption für die Aufklärung und juristische Aufarbeitung.

Alina Rodenkirchen ist Mapuche-Aktivistin und arbeitet als Mapuzungun-Lehrerin in Temuco, Chile. Sie war lange Zeit Mitglied der Kölner Regionalgruppe der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Heute arbeitet sie viel zu den Rechten adoptierter Mapuche und ist Unterstützerin, Übersetzerin, Kollegin und mit der Zeit auch Freundin von María Diemar geworden.

[Die Autorin]
Regina Sonk arbeitet als Referentin für indigene Völker bei der GfbV.

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