Der „Grüne Kolonialismus auf der COP 26“ – Es gibt keine Klimagerechtigkeit ohne Gerechtigkeit für Indigene

Glasgow 2021. Vom 31. Oktober bis zum 12. November gaben sich internationale UN-Klimaschützer*innen, Repräsentant*innen von NGOs, Staaten und indigenen Organisationen bei der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) – Conference of Parties (COP 26) ein Stelldichein.

Übersetzt und zusammengefasst: Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker; Bild: Eliane Fernandes

Viele Indigene hatten es gar nicht erst bis nach Schottland geschafft. Die Hürden der Corona-Regeln waren hoch, manchmal unüberwindbar. Viele konnten außerdem die Kosten für die Reise nach Europa nicht aufbringen und nahmen, wenn überhaupt an Zoom-Veranstaltungen teil. An Lobbygesprächen oder Vernetzungstreffen, die eine physische Präsenz erfordern, konnten sie sich nicht beteiligen, sodass der Klimagipfel für sie weitgehend wirkungslos blieb. Vom Scheitern der Vertragsstaaten, den Klimawandel, Strategien zu seiner Eindämmung und auch die Rolle der Indigenen dabei angemessen zu behandeln, ist daher vielfach die Rede. 

Die US-amerikanische NGO Cultural Survival (CS) bilanziert Stimmen ihrer indigenen Delegation zur COP 26, die wir in eigener Übersetzung in Auszügen wiedergeben. CS weist darauf hin, dass die Gruppe der Indigenen trotz aller Hindernisse direkt nach den ca. 500 Lobbyisten der Gas- und Ölwirtschaft die zweitgrößte Gruppe in Glasgow gestellt habe. Die CS-Delegation wurde geleitet von Edson Krenak (Krenak) aus Brasilien. Sein Fazit: „Wie stets hatten die Indigenen, die Hüter des Landes, auch jetzt keinen Platz am Verhandlungstisch, wo die Entscheidungen getroffen werden. Die Staaten versuchen zusammen mit den Unternehmen die Wirtschaft, das Kapital, die Geldmaschine von Kapitalismus bzw. Kolonialismus zu retten. … Sie arbeiten nicht für die Rettung des Planeten.“

Daisee Francour (Oneida), Direktorin für Strategische Partnerschaft und Kommunikation bei CS, sieht aber auch Erfolge. Vor allem hebt sie den Glasgower Klimapakt hervor, weil er als erstes Klimadokument die mehr als 40 Unterzeichnerstaaten auf den Ausstieg aus der Kohle festlegt. Allerdings sind einige der Staaten, die besonders von der Kohle abhängig sind – die USA, Australien, Indien und China – nicht dabei.

Besonders intensiv wurde bei der COP 26 über den Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens diskutiert, der 2015 in Paris nicht abschließend behandelt werden konnte und das Regelwerk für den CO2-Ausstoß, die Reduzierung der Emissionen und den Aktionsplan Klima (Climate Action Plan) festlegen soll. „Cultural Survival glaubt nicht an den Emissionshandel als Lösung für die Klimakrise“, sagt Galina Angarova (Burjatin), Geschätsführerin von CS. „Im Rahmen der COP26-Verhandlungen wurden diese Marktmechanismen als naturgegebene Lösungen getarnt. Dennoch beschloss das International Indigenous Peoples Forum on Climate Change IIPFCC, auf die Aufnahme von Verweisen auf die Menschenrechte und die Rechte indigener Völker in den gesamten Text von Artikel 6 zu bestehen. Der endgültige Text benennt die Notwendigkeit, allgemein die Rechte indigener Völker zu achten, erwähnt jedoch nicht, dass unser Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung FPIC gewahrt sein muss“.

„Jeder weiß, dass der CO2-Fußabdruck indigener Völker ebenso wie derjenige kleiner Länder im Globalen Süden im Vergleich zu demjenigen der großen Industrienationen verschwindend klein ist. Die Industrienationen sind die schlimmsten Verschmutzer von Mutter Natur, aber sie schaffen es, sich ihrer Verantwortung zu entziehen, während die Indigenen die Last ihrer schlechten Entscheidungen tragen müssen. Das ist gelinde gesagt unfair“

sagt Monica Magnusson (Q’eqchi Maya), Direktorin für Interessenvertretung und Politik bei CS.

Der Glasgow-Pakt bleibt weit hinter den gesteckten Zielen zurück. Dennoch gab es auch Vereinbarungen, so die Just Transition Declaration (in etwa Vereinbarung für einen fairen Übergang), die alle und insbesondere die benachteiligten Gruppen mitnehmen soll auf dem Weg hin zu Null-Emission und einer nachhaltigen Entwicklung. Die Deklaration bekennt sich unter anderem zu Gender-Gerechtigkeit, Gleichberechtigung von Menschen unabhängig der Herkunft und unabhängig ihrer sozialen Gruppen, Schutz der Rechte indigener Völker, Gleichberechtigung unter den Generationen.

Die Erklärung befürwortet Regeln für die Lieferkette und gute Bedingungen für Arbeitskräfte. Sie erkennt die Menschenrechte, die Rechte indigener Völker und die Gundsätze der ILO an. In der Wortwahl bleibt sie jedoch vage und ohne Bezug zu der UN-Erklärung zu den Rechten indigener Völker UNDRIP oder dem Prinzip der Freien Vorherigen Informierten Zustimmung/Free Prior Informed Consent FPIC. Indigene Völker und ihre Unterstützer müssen also wachsam bleiben.

Zu diesem Schluss kam auch die Delegation samischer Politiker*innen, Aktivist*innen und religiöser Führungspersönlichkeiten, über deren Warnung vor einem „Grünen Kolonialismus“ die online – Zeitung the barentsobserver.com berichtet. Mari Valjakka, samische Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands, nahm als Repäsentantin der Skolt Sami und zugeich des Indigenen -Netzwerks im Weltkirchenrat an der COP 26 teil. Mehrfach sprach sie das Problem des Grünen Kolonialismus an, bei dem indigenes Land in unterschiedlicher Weise der Erzeugung vermeintlich nachhaltiger Energie zum Opfer fällt. Beispiele dafür sind Windparks im Gebiet der Sami, die das Weideland der Rentiere und damit die Lebensgrundlage der Sami einschränken, Bergbauprojekte zur Förderung von Rohstoffen, die für den Batteriebau gebraucht werden – Stichwort E-Mobilität, oder auch Wasserkraftprojekte im Amazonas. „Schließlich sind sich die Probleme überall ähnlich, egal ob Indigene der Pazifik- Region, des Amazonas, aus Asien oder der Arktis betroffen sind“, erklärte Valjakka, „die Folgen sieht man überall in der Welt, aber wir werden sehr oft nicht gehört.“ Valjakka ist begeistert von der Solidarität der Indigenen untereinander. Von den Staatenvertretern aus aller Welt erwartet sie aber mehr. Indigene sollten nicht eingeladen werden just for show, sondern „wir müssen einbezogen sein und mit an dem Tisch sitzen, wo die Entscheidungen fallen. Meiner Meinung nach kann es ohne Gerechtigkeit für die Indigenen auch keine Klimagerechtigkeit geben.“

„Der Klimawandel kann ohne die direkte Unterstützung der indigenen Organisationen und Projekte nicht erfolgreich bekämpft werden. Indigene Völker sind weiterhin die wichtigsten Umweltschützer und müssen endlich von allen Regierungen für ihre Rolle anerkannt und respektiert werden“, meint auch Dr. Eliane Fernandes Ferreira, Brasilienkoordinatorin der Gesellschaft für bedrohte Völker und Repräsentantin der NGO in Glasgow.

Die Samische Politikerin Pirita Näkkäläjärvi leitete eine Diskussion im Rahmen des Projektes „Das Recht auf Kälte“ des Goethe Instituts über die Thematik „Indigene Völker und Klimawandel“ sowie „Grüner Kolonialismus“, an der indigene Delegierte aus dem samischen Gebiet, aus Nunavut (Autonomiegebiet der Inuit in Kanada, d. ü), Yakutien und anderen Regionen der Arktis teilnahmen. „Ich habe als Beraterin mit Industrieunternehmen und Energiefirmen gearbeitet und zugleich als Mitglied des samischen Parlamentes in Finnland auf die Stärkung der indigenen Rechte hingearbeitet“, sagt sie. „Sami haben schon viel Land hergegeben für Wasserkraftprojekte und Holzeinschlag. Und außerdem gibt es viele Gemeinden in Finnland, in denen die Windenergie mit offenen Armen begrüßt wird“. Das heißt nicht, betont sie, dass Sami gegen erneuerbare Energie sind. Aber es muss einen Weg geben, der auch die Rechte und die traditionelle Lebensweise der Indigenen respektiert.


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