Der Preis der Neutralität: Wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Olympischen Werte verkauft

Autorin: Dörte Beuermann, Praktikantin im Bereich Genozidprävention & Schutzverantwortung

Bild: https://openclipart.org/detail/216060/ioc-and-human-rights
Lizenz: Creative Commons Zero 1.0 Public Domain Licens

Im Februar 2022 werden die Olympischen Winterspiele in Peking ausgetragen: Die Vorbereitungen laufen bereits jetzt auf Hochtouren. Doch Peking ist weder ein Wintersportgebiet noch ist der Bau der Sportstätten umweltfreundlich – ganz im Gegenteil. Die chinesische Regierung unterdrückt seit Jahrzehnten systematisch Uigur*innen, Kasach*innen, Tibeter*innen, Mongol*innen, Christ*innen im Land; die Liste ließe sich noch lange fortführen. Die Olympische Idee steht für Frieden, Toleranz und Menschenwürde. Warum also, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) ausgerechnet China als Gastgeber gewählt? Ein Blick auf die Geschichte des IOC verrät, dass die Achtung dieser Werte selten an oberster Stelle stand. 

Durch mehrere Korruptionsskandale im Zusammenhang mit der Auswahl ihrer Gastgeber reiht sich das IOC in eine Reihe von unrühmlichen Internationalen Sportorganisationen (siehe z.B. die FIFA). Auch im Puncto Menschenrechte hat das IOC eine mehr als dunkle Vergangenheit. Um die Winterspiele 2010 in Vancouver durchzuführen, wurden indigene Völker von ihrem Land vertrieben. Mit der Wahl Sotschis 2014 hat das IOC ein Land gewählt, das Menschenrechtsverteidiger*innen umbringen lässt, indem die Rechte Indigener mit Füßen getreten werden und in dem die LGBTQ+ Community verfolgt wird. In Rio de Janeiro 2016 machte die brasilianische Regierung vor allem mit Zwangsräumungen und Polizeigewalt auf sich aufmerksam. 

Im Jahr 2008 fanden die Spiele schon einmal in der chinesischen Hauptstadt statt. Damals waren die Spiele mit großen Hoffnungen auf eine mögliche Öffnung und Demokratisierung des Landes verbunden. Zwölf Jahre später bestätigt sich das Gegenteil. Schon kurz vor den Spielen schlug das Regime Aufstände in Tibet brutal nieder und behinderte kritische Journalist*innen bei ihrer Arbeit.

Im Endspurt Richtung Beijing 2022 ist die Lage noch prekärer: Menschenrechte werden auf der Welt wohl nirgendwo so systematisch und großflächig verletzt, wie in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Aus Angst vor Widerspruch und friedlichen Protesten unterdrückt die Kommunistische Partei die Minderheiten im Land mit allen Mitteln.

Besonders in der Provinz Xinjiang ist die Lage dramatisch: Uigur*innen, Kasach*innen und Kirgis*innen leiden unter den Verbrechen des Regimes. Sie leben unter konstanter Überwachung durch die Sicherheitsbehörden. Jeder noch so kleine Funke ihrer Kultur wird im Keim erstickt. Von den Sicherheitsbehörden werden massenhaft Menschen verschleppt und in politischen Umerziehungslagern gefangen gehalten. Dort erleiden sie Folter und müssen Zwangsarbeit verrichten. Erschreckende Berichte zeigen zudem, dass die chinesische Regierung durch Zwangs-sterilisation, -verhütung und -abtreibungen versucht, die Geburtenrate muslimischer Nationalitäten zu verringern. 

Aus diesem Grund kommen die Spiele für China äußerst gelegen. Zum einem ist es die perfekte Gelegenheit für die Regierung, sich international zu profilieren. Zum anderen hofft die Kommunistische Partei, ihre Beliebtheit im eigenen Land zu steigern. Bereits im Jahr 2008 missbrauchte das Regime die Spiele zu diesem Zweck. Damals wie heute bricht China die grundlegenden Werte der Olympischen Bewegung: Frieden, Toleranz und Menschenwürde. 

Laut der Olympischen Charta ist das IOC der oberste Schirmherr der Olympischen Bewegung und Verfechter der Olympischen Werte. Jedoch sieht sich die jetzige Administration unter keinerlei Verantwortung. Angeführt wird sie von Präsident Thomas Bach: Ein Karriere-Funktionär, der in mehreren Aufsichtsräten tätig war, enge Kontakte zu Wladimir Putin pflegt und sich 2013 unterstützt von einem kuwaitischen Scheich zum König der Olympischen Bewegung krönen ließ.

Um sich nicht mit den Verbrechen Chinas auseinander setzen zu müssen, versteckt sich das IOC hinter dem fadenscheinigen Argument der Neutralität. Die Spiele seien kein Ort für Politik heißt es von Thomas Bach, auch wenn sie von der Kommunistischen Partei so ausgeschlachtet werden. Anstatt die Olympischen Ideale zu verteidigen, lobt Thomas Bach lieber die Vorbereitung der Spiele durch das Regime. Währenddessen ist in China keine Rede von Menschenrechten, Arbeitsbedingungen, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit. 

So verkauft das IOC die Olympischen Werte an die Kommunistische Partei.

International werden die kritischen Stimmen lauter und der Druck auf das IOC wächst. Politiker*innen in Australien, dem Vereinigten Königreich und Kanada haben sich bereits für einen Boykott der Spiele ausgesprochen, damit die Athlet*innen nicht benutzt werden, um das gewaltsame Regime in Peking zu stärken. Zudem haben bereits zahlreiche Menschenrechtsorganisationen Beschwerde beim IOC eingelegt, um gegen die Wahl Pekings als Austragungsort zu protestieren. Es wird Zeit, dass sich auch Deutschland klar gegen den Missbrauch der Olympischen Ideale positioniert!

Nicht nur durch die Vergabe der Spiele nach China, sondern auch durch das selbstauferlegte Gebot der Neutralität ermöglichen Thomas Bach und das IOC, dass sich China weiterhin im In- und Ausland profilieren kann. Damit trägt das IOC eine Mitschuld und hilft dabei, dass die Regierung ihren kulturellen Völkermord in Xinjiang/Ostturkestan fortsetzen kann!


Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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