Bei der Übersetzung indigener Sprachen gehen mehr als nur Worte verloren

Sprachen in den Philippinen

Autorin: Lena Muhs, Friedensfachkraft beim forumZFD

Die Gemeindehalle, die direkt am Flussufer gebaut wurde.
Foto: © forumZFD

Gerade in indigenen Sprachen tragen einzelne Wörter häufig mehr als nur eine Bedeutung: sie sind Ausdruck von Kultur und indigenen Wissenssystemen. Sie zu übersetzen funktioniert daher oft nicht. Die deutsche Friedensorganisation forumZFD unterstützt im Süden der Philippinen indigene Gemeinschaften bei der Bearbeitung von Konflikten. Im Austausch mit ihrer indigenen Partnerorganisation haben sie sich mit der Schwierigkeit von Übersetzungen auseinandergesetzt.

Es ist August 2021. Ein Team der internationalen Friedensorganisation forumZFD durchquert auf seinem Weg zu einer indigenen Manobo Gemeinde die grünen Reisfelder in den Bergen von Agusan del Sur im Süden der Philippinen. Gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation Panaghiusa Alang sa Kaugalingnan ug Kalingkawasan, Inc. (PASAKK, dt.: „Einheit für Selbstbestimmung und Befreiung“) und der Manobo Gemeinde arbeitet das forumZFD an der Stärkung indigener Methoden zur Konfliktbearbeitung. Heute ist das Team eingeladen, eine weitere dieser Methoden kennenzulernen: tu’dà. 

Als sich das forumZFD-Team am Treffpunkt einfindet, dem Seniorenversammlungssaal der Gemeinde – ein Gebäude, das wegen der häufigen Überschwemmungen durch den nahegelegenen Fluss auf Stelzen steht –, versuchen die Mitarbeiter*innen von PASAKK und die Gemeindemitglieder dem Team zu erklären, was tu’dà ist. Obwohl sie es gewohnt sind, mit nicht-indigenen Personen zu arbeiten, haben unsere Partner*innen Mühe, die richtigen Worte zu finden.

Wörtlich übersetzt bezeichnet tu’dà das Prüfen des Garheitsgrads von Essen: wie zum Beispiel von Süßkartoffeln durch das Durchstechen mit einem Spieß, in der Regel einem gereinigten und gespitzten Bambusstab. Im Konfliktlösungssystem der Manobo bedeutet tu’dà mehr. Es ist ein fester Bestandteil der indigenen Streitschlichtung, bei der die Anführer*innen jeder Gemeinschaft die Konfliktparteien nacheinander oder getrennt aufsuchen, um Informationen über den Fall zu sammeln und sich die Erzählungen und Sichtweisen der Parteien anzuhören. Vor allem wollen sie prüfen, ob die Parteien für den husoy bereit sind. Husoy bezeichnet den Teil des Rechtssystems, bei dem der eigentliche Streit beigelegt wird. In der Regel wird tu’dà von vertrauenswürdigen und neutralen Anführer*innen durchgeführt und erleichtert einen reibungslosen Ablauf der Streitschlichtung.

Foto: Wikipedia; gemeinfrei
Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Die richtige Übersetzung für das Wort tu’dà in andere philippinische Sprachen oder ins Englische zu finden, ist schwierig. Kein anderes Wort erfasst, was tu’dà in sich vereint. tu’dà ist mehr als das Konzept der Verhandlung und mehr als sogenannte „Pendeldiplomatie“. Wir erkannten, dass wir eine adäquate Übersetzung nicht finden würden und bei dem Versuch unseren Beziehungen mit den Manobo schaden könnten. Denn das Konzept zu übersetzen bedeutet, dass ein Aspekt seiner Bedeutung verloren ginge und wir es in die vorgefertigten Kategorien der westlich dominanten Sprache der Friedensförderung hineinzwängen würden. Dies entspricht nicht unserem konflikt- und kultursensiblen Anspruch, indigene Methoden zur Konfliktbearbeitung nicht zu ersetzen, sondern zu ergänzen. Wir wollen keinesfalls indigenen Völker auf den Philippinen schaden oder zu bereits erfahrener Marginalisierung beitragen.

Marginalisierte Diversität

In den Philippinen sind etwa 110 indigene Völker beheimatet – jedes mit seiner eigenen Kultur, Verwaltungsstruktur und Sprache. Tatsächlich werden auf dem Archipel mehr als 100 verschiedene Sprachen aktiv gesprochen. Die philippinischen Sprachen sind zwar der Beweis für eine große kulturelle Vielfalt, jedoch ebenso Abbild von Kolonialisierung. Die Regierung erkennt zwei Sprachen als nationale Amtssprachen an: Englisch und Filipino (eine standardisierte Form von Tagalog). In diesen Sprachen werden Gesetze verfasst, Gerichtsprozesse abgehalten und wird in den wichtigsten Medien kommuniziert.

Das bedeutet, dass die meisten Filipinos zusätzlich zu ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen sprechen, die sie in der Schule lernen und die die Voraussetzung für eine Teilnahme am öffentlichen Leben bilden. Neben Filipino und Englisch gibt es eine Reihe weiterer dominanter Sprachen, die weit verbreitet und zum Teil auch Unterrichtssprachen in der Schule sind. In Agusan del Sur – wo historisch gesehen Manobo, Ata Manobo, Higaonon und Banwaon gesprochen wurde – führte staatliche Besiedlung im 19. Jahrhundert aus anderen philippinischen Regionen zur Verdrängung indigener Gemeinschaften. Heute ist Bisaya, die Sprache der Siedler*innen, die dominante Sprache. Daher muss die indigene Bevölkerung von Agusan del Sur Bisaya beherrschen, um an allen Aspekten des öffentlichen Lebens teilnehmen zu können. Die indigenen Sprachen werden zunehmend marginalisiert und sind davon bedroht auszusterben.

In den Philippinen ist die wichtigste staatliche Maßnahme zum Schutz der Rechte indigener Völker das Gesetz über die Rechte indigener Völker (Indigenous Peoples Rights Act, IPRA) von 1997. Das Gesetz erkennt die indigene Sprache als ein Kennzeichen der Indigenität wie auch ihr Recht auf vorherige Konsultation (FPIC) in ihren Sprachen an.

Ergänzen statt ersetzen

Für forumZFD ist die Anerkennung der historischen Marginalisierung von Indigenen ein wichtiger Grundstein der Friedensarbeit in den Philippinen. Von der dominanten Kultur verdrängte Methoden der Konfliktbearbeitung wieder sichtbar zu machen und ein Verständnis von geteilter Verantwortung für Projekte zu erreichen, sind wichtige Prinzipien bei der Arbeit mit indigenen Partner*innen. Folglich müssen wir indigene Methoden der Konfliktbearbeitung respektieren – auch, wie sie in der indigenen Sprache ausgedrückt werden.

Wie bei dem Begriff tu’dà durchlief das Team von forumZFD einen längeren Prozess. Seit der Gründung des Projekts zu den Methoden der Konfliktbearbeitung hat sich sein Name mehrmals geändert. Das Projekt begann 2014 unter dem Namen „Community of Practitioners“ („Gemeinschaft der Praktiker*innen“). Es zielte darauf ab, ein Netzwerk aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen aufzubauen, die in Methoden der Konfliktbearbeitung geschult sind. Im Laufe der Zeit verlagerte sich der Fokus des Projekts auf einen immersiven, gemeinschaftsbasierten Ansatz, eine engere Beziehung zur Organisation der indigenen Bevölkerung PASAKK und einen bewussteren Ansatz zur Stärkung dessen, was in der Gemeinschaft bereits vorhanden ist. Mit diesen Veränderungen änderte sich auch der Name des Projekts in Maghuhusay (Bisaya). 2021 wurde nach weiteren Reflexionsprozessen der Projektname erneut geändert in manghuhusoy, dem Originalwort in Manobo.

Wie bei den Wörtern tu’dà und manghuhusoy deutlich wird, sind indigene Wörter Ausdruck des kulturellen Erbes der indigenen Bevölkerung. Die Wörter selbst enthalten indigenes Wissen, das beim Übersetzen in andere Sprachen verloren geht. Minnie Degawan, Aktivistin für indigene Völker und Kankaney-Igorot aus den nordphilippinischen Cordilleras, fasst zusammen: „ Für indigene Völker identifizieren ihre Sprachen nicht nur ihre Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, sondern sie tragen auch die ethischen Werte ihrer Vorfahren in sich – diese indigenen Wissenssysteme, die sie mit dem Land verbinden und die für ihr Überleben und für die Hoffnungen und Ziele der Jugend entscheidend sind.“[1]

Diese Bedeutung indigener Sprachen zu verstehen, bedeutet anzuerkennen, dass die Auferlegung der englischen „Experten“-Sprache und westlicher „Standards“ der Friedensförderung eine Form der fortgeführten Kolonisierung indigener Räume darstellt. Anstatt indigene Methoden in westliche Paradigmen zu zwingen, sollten internationale Friedensorganisationen dazu beitragen, indigene Konzepte der Konfliktbearbeitung zu erhalten. Dies sollte auch bedeuten, dass diese Konzepte in ihrer ursprünglichen Sprache und damit ihrer vollen Bedeutung in der internen und externen Kommunikation dieser Organisationen reflektiert und weitergetragen werden.

[Die Autorin]
Lena Muhs ist Friedensfachkraft beim forumZFD in Mindanao, im Süden der Philippinen.

Aus Ausgabe 1/22 Für Vielfalt zum Thema Sprachen. Jetzt abonnieren!


[1] https://en.unesco.org/courier/2019-1/indigenous-languages-knowledge-and-hope

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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