Premier Trudeau: „Sorry“ ist nicht genug!

Kanada muss Empfehlungen der Wahrheitskommission zu den Folgen der Internatsschulen für die First Nations endlich umsetzen

Autorin: Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker

Die täglich neuen Meldungen über Kindergräber, die auf dem Gelände von immer mehr Internatsschulen für indigene Kinder in Kanada entdeckt werden, wecken Abscheu und Entsetzen. Mit Recht. Die Überlebenden dieser Schulen sind ihr Leben lang traumatisiert und geben ihre Traumata an die nächsten Generationen weiter (das sog. transgenerationale Trauma). Die Gräuel in diesen Schulen waren jedoch schon lange bekannt. Bereits 2015 gab eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung nach sechsjähriger Arbeit einen Bericht mit 94 Empfehlungen bekannt, die noch immer nicht umgesetzt sind. Zu ihnen gehört der lückenlose Nachweis sämtlicher Friedhöfe indigener Kinder bei den früheren Internatsschulen. Dafür kämpfen die First Nations. Menschenrechts-NGOs wie Cultural Survival, deren Informationen diesem Blog zugrunde liegen, und die GfbV unterstützen diese Forderung. Die medienwirksame Entschuldigung von Premier Justin Trudeau muss zynisch wirken, solange hier nicht endlich fundierte Maßnahmen folgen.

Untersuchungen unter Leitung der Tk’emlúps te Secwépemc First Nation und der Cowessess First Nation wiesen laut Cultural Survival bislang 215 geborgene Kinderleichname für das Gelände der Kamloops Residential School in Britsh Columbia nach und 751 für die Marieval Indian Residential School in Saskatchewan. Hunderte weitere Gräber auf oder nahe bei dem Gelände anderer ehemaliger Schulen, die noch nicht untersucht wurden, kommen hinzu.

In Kanada existierten diese Internatsschulen von 1870 bis 1996. Geschätzt 150.000 indigene Kinder wurden in diesen mehr als 120 Jahren häufig gegen den Willen ihrer Eltern in diese Internate geschickt. Der Kommission zufolge wurden sie von der Regierung finanziert und von der (meist römisch-katholischen) Kirche betrieben. Sie sollten jeden Einfluss der Eltern auf die Bildung und Erziehung der Kinder, auf ihre religiöse und spirituelle Entwicklung unterbinden. Die eigene Kultur zu leben und die eigene Sprache zu sprechen war meist verboten. Die First Nations, so die Kommission, sollten als eigenständige Nationen verschwinden und im kanadischen Mainstream aufgehen, damit die Regierung sich ihrer finanziellen und rechtlichen Verpflichtungen entledigen und sich zugleich die Kontrolle über das indigene Land und die Rohstoffe aneignen konnte.

Mehr als 6.700 ehemalige Schüler*innen wurden von der Kommission angehört, die anschließend 4.100 Todesfälle infolge von Misshandlung, Vernachlässigung, unterlassener medizinischer Versorgung und Suizid bestätigte, tatsächlich aber von mindestens 6.000 Kindern ausgeht, die diese Schulen nicht überlebt haben. Chief Wilton Littlechild (Cree), eines der drei Kommissionsmitglieder und selbst Überlebender dieses Schulsystems, betont, dass für eine echte Versöhnung auch eine wirtschaftliche Entwicklung und Unterstützung durch die Privatindustrie gehöre. Eine Schlüsselfunktion komme der Bildung zu:

„In ganz Kanada haben die Schüler gelernt, dass wir minderwertig sind und schlecht. In den Schulklassen könnte also viel zur Versöhnung beigetragen werden.“

Chief Wilton Littlechild (Cree)



Die 94 Empfehlungen der Kommission von 2015 fordern alle Ebenen, den Bund, die Provinzen, Territorien und First Nations, dazu auf, gemeinsam Programme und Verfahrensweisen zu entwickeln, um das Leid der Internatsschulen zu heilen und die Versöhnung voranzutreiben. Unter anderem solle die Bundesregierung ein Programm entwickeln für die Identifikation und Pflege der zu den Internatsschulen gehörenden Friedhöfe. 2017 kritisierte das UN Committee for the Elimination of Racial Discrimination (CERD) Kanada, weil es noch immer keinen konkreten Maßnahmenkatalog vorgelegt hatte für die Umsetzung der 94 Empfehlungen. Diese Maßnahmen müssten gemeinsam mit den Indigenen erarbeitet und von einem Überwachungs- und Evaluierungsprozess begleitet werden. Das war vor vier Jahren. Warum ist seither so wenig geschehen?

Internatsschulen für indigene Kinder gab es auch in den USA


Als Maßnahme der Zwangsassimilation betrieben die jeweiligen US-Regierungen zwischen 1877 und 1978 bis zu 100 Internatsschulen, die zum Teil auf Reservatsland lagen, zum Teil weit davon entfernt. Überliefert ist als ihr Ziel, den Indianer zu töten und dadurch den Menschen zu retten (engl.: kill the indian and save the man). Man holte auch hier die Kinder aus ihren Familien, schnitt ihnen die Haare ab, zwang sie, englisch zu sprechen. Wenn sie insgeheim doch ihre eigenen Sprachen benutzten, wurden sie hart bestraf, psychisch und auch sexuell missbraucht. In vielen Familien wird das Trauma der Eltern und Großeltern über die Generationen bis heute weitergegeben. Der Bundesstaat Maine arbeitete die Zustände der dort befindlichen Internatsschulen mit einer Kommission für Wahrheit und Versöhnung auf, deren Arbeit in dem Film Dawnland dokumentiert wurde. Jetzt soll eine umfassende Initiative auf Bundesebene das Erbe des Internatsschulsystems für indigene Kinder in den USA aufarbeiten. Dies gab Innenministerin Deb Haaland am 22. Juni 2021 bekannt.



Mehr Informationen und weiterführende Links sind zu finden bei:
https://www.culturalsurvival.org/news/new-revelations-child-graves-residential-schools-lays-bare-history-genocide

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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