Mord an einem Kosovo-Roma

Autorin: Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Genozidprävention & Schutzverantwortung

Foto: Dzafer Buzoli

Sebilje Begani und Gani Rama, ein Roma-Ehepaar aus dem Kosovo, hatten immer große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Sie lebten als Flüchtlinge jahrelang in Göttingen und Tostedt bei Hamburg. Im Jahr 2011 wurden sie abgeschoben, obwohl der Familienvater Gani schwer krank war. Am 20.07.2019 wurde er in Priština auf offener Straße erschossen.

Als mutmaßlicher Täter wurde ein Kosovo-Albaner verhaftet, der angeblich der Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK) angehört hatte. Überwachungskameras hatten die Tat aufgezeichnet und die Polizei konnte den mutmaßlichen Täter identifizieren. In den 90er Jahren gab es im Kosovo einen ausgeprägten Nationalismus, der sich gegen Minderheiten richtete. Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter galten im Kosovo-Konflikt als Kollaborateure der Serben. Nach dem Krieg wurden sie wie Freiwild gejagt und vertrieben.

Abschiebung in die Armut

Es war ein skandalöser Höhepunkt der Unmenschlichkeit, die damals 27-jährige Sebilje Begani, und ihre vier kleinen Kinder aus Tostedt in das Kosovo abzuschieben – ohne Familienvater Gani Rama. Der befand sich zu dieser Zeit in einem Krankenhaus in Süddeutschland, in Behandlung seiner offenen Lungentuberkulose. Ungeachtet seines gesundheitlichen Zustandes, ungeachtet der Perspektivlosigkeit im Kosovo, wo seine Behandlung nicht sichergestellt war, wurde auch er abgeschoben. Die Familie lebte in der Nähe von Priština in großer Armut. Dort bekam das Ehepaar eine weitere Tochter, die noch als Baby eine Hüft- und Herzoperation brauchte. Wegen der medizinischen Kosten war die Familie auf Spenden aus Deutschland angewiesen. Ehefrau und Kinder zogen daraufhin zu den Großeltern nach Deutschland zurück. Nur der Familienvater Gani blieb in Priština. Dort lebte er in Angst, dass ihm jemand etwas antun könnte. Bis zu seiner Ermordung.

Antiziganismus auf dem Westbalken

Menschenrechtsorganisationen auf dem Westbalkan und in Europa sprechen heute vom erstarkten Antiziganismus, der von offiziellen Behörden im Kosovo tatenlos hingenommen wird. Ein Strafverfahren wurde in diesem Fall zwar eingeleitet, es steht jedoch zu befürchten, dass der mutmaßliche Täter auf freien Fuß gesetzt wird. Seit dem Ende des Konflikts im Jahr 1999 wurde keiner einziger Täter für die zahlreichen Verbrechen gegen die Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter verurteilt.

Es ist äußerst wichtig, dass eine Organisation mit internationalem Ansehen und gutem Ruf im Kosovo das laufende Verfahren und den Fortschritt der Ermittlungen im Fall Rama überwacht. Wir haben daher mehrere Organisationen, die Ombudsperson für die Überwachung und den Schutz der Rechte und Freiheiten der Bürger Kosovos sowie die deutsche Botschaft in Priština angesprochen. Wir bitten sie dafür zu sorgen, dass das Verfahren ordnungsgemäß durchgeführt abläuft.

Versagen in Westeuropa

Der Fall der Familie Begani/Rama verdeutlicht einmal mehr die Konsequenzen, wenn schwerkranke Angehörige einer Minderheit in eine intolerante, feindliche Umgebung abgeschoben werden. Hiesige Behörden müssen die Gefahr für Leib und Leben viel ernster nehmen. Der Tod von Gani Rama steht im Kontext einer strukturellen und kumulativen Diskriminierung und Ausgrenzung.  Für Verbrechen gegen Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter herrscht im Kosovo Straflosigkeit. Angehörigen dieser Minderheit wird im Kosovo nach wie vor das Recht auf ein Leben in Würde vorenthalten. Eine effektive Wiedereingliederungspolitik gibt es im Kosovo nicht. Zugleich wird ihnen das Recht verweigert, in Westeuropa zu bleiben. Das setzt einen Teufelskreis permanenter Migration in Gang, dem nur wenige entkommen können. Westeuropäische Regierungen, auch die deutsche Bundesregierung, versprechen seit Jahren, in Westeuropa temporäre und dauerhafte Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter zu schaffen. Sie müssen nun endlich liefern. Insbesondere Deutschland muss sich um viele Kinder kümmern, die jetzt in einem Land leben, in dem sie nie zuvor gelebt haben und dessen Sprache sie nicht sprechen.    

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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