„Die Menschen haben gelernt, ihre Stimmen nicht mehr allzu laut zu erheben“

Von links: Tienchi Martin-Liao, Maira Haroon, Antonia März, Pan Yongzhong . Foto: Hanno Schedler / GfbV 2019

Ein Interview mit der Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen P.E.N. Zentrums Tienchi Martin-Liao, geführt von Antonia März und Maira Haroon

Als Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen P.E.N. Zentrums setzt Tienchi Martin-Liao sich für Meinungs- und Pressefreiheit in China ein und unterstützt verfolgte Autorinnen und Autoren. Herr Pan Yongzhong ist ebenfalls langjähriges Mitglied des P.E.N. Zentrums, hat sich in einem seiner Bücher intensiv mit dem chinesischen Zensursystem beschäftigt und engagiert sich in der chinesischen Demokratiebewegung. Wir haben mit den beiden über das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens (Tiananmen) vom 4. Juni 1989 und dessen Auswirkungen auf die Menschenrechtslage im heutigen China gesprochen.

Herr Pan, Sie engagieren sich seit langen Jahren in der chinesischen Demokratiebewegung und haben sich intensiv mit der Menschenrechtslage in China auseinandergesetzt. Wie haben sie die Proteste im Jahr 1989 und das Massaker des 4. Juni auf dem Tiananmen Platz erlebt?

Pan Yongzhong: Mein Vater war Polizeichef eines Bezirkes in Shanghai. 1989 arbeitete ich in einer Fabrik, wir hatten ungefähr 1000 Angestellte.  Während der Proteste 1989 legten einige von ihnen die Arbeit nieder, um an den Kundgebungen der Demokratiebewegung teilzunehmen. Die Arbeiter sind damals ja auch auf die Straße gegangen, es war keine reine Studentenbewegung. Die Fabrikleitung hätte das an die oberen Instanzen melden müssen, weil mit dem Streik ja auch Verluste in der Produktion einher gingen. Die Leitung traute sich das jedoch nicht. Der Streik wurde also nicht den Behörden gemeldet. Die Firma hatte in der Zeit jedoch weniger erwirtschaftet. Um dieses Minus zu verheimlichen, beschloss die Leitung, die Differenz aus einem Sozialfonds zu nehmen. Diese Wohlfahrtsfonds waren eigentlich für die Arbeitenden bestimmt. Dagegen habe ich mich gewehrt. Ich habe gesagt: ‚Das dürft ihr nicht! Das Geld gehört uns, es ist für Feiertage und Neujahr bestimmt!‘

Daraufhin wurde ich eingeschüchtert und bedroht. Wäre ich nicht geflohen, wäre ich ins Gefängnis gekommen. Ich habe also gar nicht direkt an den Protesten teilgenommen und war auch kein Studentenführer, sondern einfach ein Angestellter.

Wohin sind sie geflohen?

Pan Yongzhong: Zunächst nach Hongkong. Dann war ich auf den Philippinen, in Thailand und kam von dort aus nach Ostdeutschland. Erst habe ich hier in einem Restaurant gearbeitet, später eröffnete ich mein eigenes Restaurant. Nach einigen Jahren gründete ich mit meiner Frau eine kleine Firma für Pharmazeutische Produkte. Und ich bin seit vielen Jahren in der Demokratiebewegung tätig, organisiere Veranstaltungen und bin auf vielen Konferenzen.

Viele deuten den 4. Juni 1989 als einen Wendepunkt in der chinesischen Geschichte. Sie sagen, er sei einer der Gründe für die prekäre Menschenrechtslage heute und die stark eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit in China. Teilen sie diese Einschätzung?

Pan Yongzhong: In den 80er Jahren hatte sich die ganze Atmosphäre in der Gesellschaft eigentlich etwas aufgelockert. Ich würde sogar sagen, die Kontrolle durch die Regierung hatte in diesen Jahren etwas nachgelassen. Natürlich gab es damals keine komplett freie Meinungsäußerung. Aber die Menschen hatten doch begonnen, sich mehr auszutauschen. Öffentlicher und kritischer als zuvor. Auch auf der Ebene der Regierung gab es einige, die offen für politische Reformen waren.

Als die Proteste begannen, ist das Bewusstsein für die eigenen Menschenrechte, für persönliche Freiheiten in der chinesischen Gesellschaft sehr gewachsen, würde ich sagen. Das Bewusstsein für mögliche Gefahren, die in einer Diktatur aus öffentlicher Meinungsäußerung und Kritik resultieren können, jedoch auch. Durch das Massaker des 4. Juni sind die Menschen stark eingeschüchtert worden. Öffentliche, freie Meinungsäußerung war danach stärker als je zuvor mit großer Angst verbunden.

Tienchi Martin-Liao: Das trifft auch auf viele Intellektuelle zu. Viele von ihnen flohen ins Ausland. Das hatte natürlich eine sehr negative Wirkung auf die gesamte Gesellschaft und den öffentlichen Diskurs. Durch den 4. Juni haben die Menschen gelernt, ihre Stimmen nicht mehr allzu laut zu erheben. Sie haben gelernt, sich klein zu machen. Aber die Regierungsseite hat natürlich auch sehr viel gelernt. Sie versuchen nun, soziale Bewegungen von vorneherein zu blockieren, damit es gar nicht erst zu brutalen Zusammenstößen kommt, für die das Ausland sie verurteilt.

Foto: Hanno Schedler/ GfbV 2019

Wie genau geht die Regierung gegen soziale Bewegungen und Kritik an der politischen Führung vor?

Tienchi Martin-Liao: Die Kommunistische Partei setzt stark auf Einschüchterung. Auch bei friedlichen Demonstrationen nutzt das Militär Gummigeschosse und Tränengas, um die Menschen davon abzuhalten, sich öffentlich zusammenzuschließen und Forderungen zu formulieren.

Außerdem hat die Kommunistische Partei gelernt, dass sie aus dem Westen mit Gegenwind zu rechnen hat, wenn sie Kritikern allzu brutal begegnet, wie es auf dem Tiananmen Platz geschehen ist. Also werden solche Leute nun als Terroristen deklariert. Mit diesem Vorwurf delegitimiert das Regime jeglichen Einwand an der Regierung und jegliche Kritik an der Politik Chinas.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Pan Yongzhong: Menschen in Taiwan und Hongkong, die gegen die autoritäre Herrschaft Chinas protestieren und sich für demokratische Reformen einsetzen, werden als Separatisten, Unruhestifter und Chaoten bezeichnet. Minderheiten wie die Uiguren, Kasachen und Kirgisen werden als Terroristen verunglimpft. Der Demokratiebewegung wird in den chinesischen Staatsmedien vorgeworfen, von ‚ausländischen Mächten‘ gesteuert zu sein und den gesamten Staatsapparat untergraben zu wollen.

Anlässlich des 30. Jahrestages des Massakers auf dem Tiananmen Platz in Peking am 4. Juni 1989 veranstaltete die Gesellschaft für bedrohte Völker gemeinsam mit dem Unabhängigen Chinesischen P.E.N. Zentrum und der Föderation für ein demokratisches China eine Mahnwache vor der Chinesischen Botschaft in Berlin. Foto: Hanno Schedler / GfbV 2019

Frau Martin-Liao, als Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen P.E.N. Zentrums setzen Sie sich für Autorinnen und Autoren in China ein. Häufig stehen sie unter Hausarrest, werden eingeschüchtert, bedroht oder inhaftiert. Natürlich handelt es sich um eine vielschichtige und komplexe Thematik. Aber etwas plump gefragt: Wovor hat das Regime so große Angst? Warum gelten Schreibende der Kommunistischen Partei als eine so große Gefahr?

Tienchi Martin-Liao: Jede Diktatur hat Angst vor freier Meinungsäußerung. Ich denke, um das China von heute zu verstehen, müssen Sie die Geschichte verstehen, auch die der kommunistischen Partei. Als sie 1921 gegründet wurde, handelte es sich ja nur um ein paar Leute. Sie waren jung und idealistisch, aber sie wussten bereits sehr gut, wie sie die Gesellschaft beeinflussen können. Sie haben ihre Meinung durch propagandistische Methoden in der Öffentlichkeit verbreitet und andere Perspektiven Schritt für Schritt diskreditiert. Bereits damals wusste diese Partei ganz genau: die Sprache ist ihre Waffe. Mao Tsedong hat einmal diesen berühmten Satz gesagt: „Aus dem Stift entsteht die Macht.“

Pan Yongzhong: Als die Kommunistische Partei sich in ihrer Aufbauphase befand, also in den 20er, 30er und 40er Jahren, gab es eine große Vielfalt an Zeitungen und Zeitschriften in China. Die neu gegründeten Kommunisten hatten früh verstanden, wie sie ihre Inhalte verbreiten mussten. Sie wussten die Medien sie für sich zu nutzen und sind vor allem durch den Einfluss der Presse an die Macht gekommen. Ich denke, das ist ein Grund, warum sie freie Meinungsäußerung heute so stark einschränken. Sie fürchten sich vor frei denkenden und frei schreibenden Menschen, die die Macht der Kommunistischen Partei in Frage stellen und einschränken könnten. Heute ist die gesamte Presse, buchstäblich jede einzelne Zeitung unter der Kontrolle der Regierung. Das ist eine erhebliche Einschränkung der Menschenrechte.

Deswegen ist die Arbeit Ihrer Organisation umso bedeutsamer. Wie sieht ihre Arbeit konkret aus? Was tun Sie, um sich für Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen?

Tienchi Martin-Liao: Innerhalb des P.E.N. Zentrums haben wir verschiedene Komitees, wie zum Beispiel das ‚Writers in Prison‘ Komitee, das sich im spezifischen mit inhaftierten Autorinnen und Autoren beschäftigt und sich in der Öffentlichkeit für sie stark machen möchte. Wir versuchen, neben den Autorinnen und Autoren auch deren Familien finanziell zu unterstützen. Die Inhaftierten und ihre Angehörigen leben oft in sehr prekären Verhältnissen. Nach der Freilassung finden die Inhaftierten häufig keine Arbeit. Diejenigen, die finanziell auf der Kippe stehen, wollen wir unterstützen und zu ermutigen. Unsere Organisation ist relativ klein und wir haben keine sehr großen Ressourcen zur Verfügung, aber ich denke seelisch können wir großen Trost spenden.

Außerdem arbeiten wir daran, Verlage für unsere Autorinnen und Autoren zu finden oder wenigstens zu Kontakt zu Verlagen zu vermitteln, die die Werke veröffentlichen. Dass ihre Artikel an die Öffentlichkeit gelangen und ihre Texte ein Publikum finden, ist vielen Schreibenden in China der größte Wunsch. Ihnen bereitet das Hoffnung für die Zukunft.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, Menschenrechte seien ein Westliches Konzept, mit dem das Ausland versuche, die chinesische Regierung zu diskreditieren?

Tienchi Martin-Liao: Es stimmt, dass das Individuum in der chinesischen Gesellschaft in die Familie und in die Community eingebettet ist und dem gesellschaftlichem Kollektiv teilweise stärker untergeordnet ist als in Europa. Aber die Menschenwürde galt uns immer als ein unantastbares Gut. Auch im Konfuzianismus stellen die Menschenwürde und der gegenseitige Respekt einen sehr wichtigen Faktor dar. Ich denke, es handelt sich dabei um universelle Werte. Die Kommunistische Partei jedoch stellt die Menschenrechte als etwas Fremdes dar, das der chinesischen Gesellschaft auferzwungen wird. Das ist absolut lächerlich. Das glauben die Regierungskader ja nicht mal selbst! Ich als Chinesin schäme mich sehr dafür.

Denn Menschen sind Menschen. Und wir lassen uns nicht von der Kommunistischen Partei erklären, was Menschheit oder Humanität ist.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben.

Die Menschenrechtslage in China ist auch heute prekär. Minderheiten wie die Uiguren, Kasachen und Kirgisen werden bedroht, verfolgt und in Umerziehungslagern interniert. Auch darauf machten wir bei unserer Mahnwache vor der Chinesischen Botschaft in Berlin am aufmerksam. Foto: Hanno Schedler / GfbV 2019

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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