Stolen Sisters des Highway of Tears

In Kanada verschwinden seit vielen Jahren immer wieder indigene Frauen spurlos, werden entführt oder sexuell missbraucht. Die kanadische Polizei ist bei der Aufklärung der Fälle keine große Hilfe – ganz im Gegenteil. Teilweise werden Tatsachen vertuscht oder verschwiegen und Angehörige der Opfer nicht richtig informiert.

Von Finja Onnen; Foto: REDress Project (Wikimedia/ Edna Winti CC-BY-SA)

Abbildung 1: Highway of Tears Corridor (Wikimedia/OpenStreetMap CC-BY-SA)

Jung, weiblich, indigen

Die vermissten Frauen und Mädchen werden in den Medien oft als Stolen Sisters, also auf Deutsch als „gestohlene Schwestern“ bezeichnet. In British Columbia, Kanada ist mittlerweile ein Teil des Highway 16 zu einer Gedenkstätte, dem Highway of Tears, der Straße der Tränen geworden. Die Strecke verbindet über 700 km die Städte Prince Rupert und Prince George miteinander. Auf dem Highway of Tears verschwinden regelmäßig junge Frauen, die meisten davon sind Indigen. Schon 2014 berichteten wir über die Stolen Sisters, der ganze Blog-Eintrag kann hier nachgelesen werden.

Der Highway bleibt allerdings nicht der einzige Ort der Verbrechen, denn auch in vielen Städten sind Vermisstenanzeigen und der Fund der Leichen junger Frauen in Gräben oder Gebüschen keine Ausnahme. Laut der kanadischen Nichtregierungsorganisation YWCA Metro Vancouver ist die Wahrscheinlichkeit als indigene Frau in Kanada zu verschwinden oder entführt zu werden zwölfmal höher, als die einer Nicht-Indigenen.[i] 2002 wurde Robert Pickton, ein Schweinezüchter verhaftet, da er 22 junge Frauen sexuell missbraucht und ermordet hatte. Vermutungen zufolge waren es sogar über 50. Es dauerte fünf Jahre bis Pickton vor Gericht schuldig gesprochen wurde, allerdings nur für den Totschlag an sechs Frauen. Die Polizei begann lange Zeit nicht mit den Ermittlungen, was mit der indigenen Abstammung vieler Opfer zusammenhängen könnte.

Die Dunkelziffer indigener Opfer ist wahrscheinlich viel höher, da viele Fälle von den Behörden nicht aufgenommen oder vertuscht werden. Ermittlungen werden nur unzureichend geführt, Angehörige der Opfer werden oft nicht angehört. Institutioneller Rassismus bei indigenen Opfern führt zu Straflosigkeit, denn Täter*innen müssen meist keine großen gerichtlichen Konsequenzen fürchten.[i] Auch das kolonialherrschaftlich geprägte Bild der indigenen willigen Frau ermutigt die Täter*innen.[ii] Die folgenden zwei Zitate zeigen die Perspektive eines Angehörigen und der Polizei. Der Vater einer vermissten jungen Frau erzählt:

“After a while they just become another person that they don’t want to deal with anymore. And that’s pretty much what it is, that’s dealing with the police.” Tony Martin

In einem Anmesty-Bericht aus dem Jahr 2004 wird ein kanadischer Polizeibeamter folgendermaßen zitiert:

“She’s just a hooker on the street.“ Kanadischer Polizeibeamter[i]

Ununterbrochener Teufelskreis

Das Trauma der kanadischen Residential Schools, die sich der kulturellen Assimilierung indigener Kinder durch strenge Umerziehung widmeten, hinterließ seine Spuren. Heute haben viele indigene Familien immer noch mit den Folgen zu kämpfen. Der damals betriebene Identitätsraub brachte beim Zurückkehren der Kinder zu ihren Eltern ein Ungleichgewicht in die Familien. Viele hatten die Sprache verlernt oder waren Opfer von Missbrauch geworden. Auch wenn sich viele gegen das Ablegen ihrer Kultur wehrten, so hatten die Schulen dennoch ihre Auswirkungen. Gewalt und Drogenkonsum waren häufig die Folge. Da das Trauma durch die Generationen weitergegeben wurde, leben viele Indigene in Kanada heute immer noch in schlechten Verhältnissen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, weshalb viele Frauen versuchen sich durch Prostitution über Wasser zu halten. Auf dem Straßenstrich ist die Wahrscheinlichkeit für sexuelle Gewalt und Entführungen noch höher. Es ergibt sich ein Teufelskreis, vor allem für indigene Frauen, aus dem sie nur schwer entfliehen können, da die Täter*innen wie bereits erwähnt nur selten für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.

Neue Hoffnung durch Trudeau?

Mit dem Amtsantritt Justin Trudeaus als neuer Präsident von Kanada 2015 waren viele Hoffnungen verknüpft. Auch, weil sich Trudeau für die Aufarbeitung der indigenen Vergangenheit einsetzen wollte. 2016 blickten auch wir dem Politikwechsel noch hoffnungsvoll entgegen. Ein Untersuchungsausschuss durch die Royal Canadian Mounted Police (RCMP) wurde eingeleitet, welcher sich den vielen Fällen verschwundener Frauen widmete. Aber seitdem sind sechs Jahre vergangen und Trudeaus Versprechungen, sich mehr für die indigene Bevölkerung einzusetzen, wurden kaum umgesetzt. Online gibt die RCMP in ihrem strategischen Plan Vision150 an, die Fehler der Vergangenheit wiedergutmachen zu wollen und Veränderungen herbeizuführen. Zwei der fünf großen Ziele dabei sind, sich dem strukturellen Rassismus zu widmen und die Versöhnung mit den Indigenen in Kanada zu fördern. Das offizielle Erkennen der beiden Probleme ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, allerdings bleibt das Ergebnis in der Realität noch abzuwarten. Auf der Website der RCMP ist auch der Prozess bis zur Erreichung der Ziele dargestellt. Die genannten Ziele haben beide allerdings noch keine abgeschlossenen Initiativen und so bleibt auch die Umsetzung in die Realität noch abzuwarten.

2021 investierte die kanadische Regierung in den Ausbau des Mobilfunknetzes entlang des Highway of Tears, um vor allem indigenen Frauen mehr Sicherheit bieten zu können und die Möglichkeit eines Hilferufes zu gewährleisten. Das Projekt soll Ende dieses Jahres fertiggestellt sein.[i]

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen

Der 5. Mai, der Red Dress Day, ist in den USA und in Kanada ein nationaler Gedenktag für alle vermissten und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen (MMIWG = Missing and Murdered Indigenous Women and Girls). Das Tragen eines roten Kleidungsstückes dient dazu Aufmerksamkeit zu schaffen und soll zur Solidarisierung mit allen verschwundenen und vermissten indigenen Frauen dienen. Rot wurde als Farbe ausgesucht, weil laut dem Glauben vieler Indigener die Farbe Rot auch von den Toten gesehen werden kann.[ii]

Auch in Deutschland ging dieses Jahr wieder ein Teil unserer Regionalgruppe Düsseldorf der GfbV für die MMIWG auf die Straße und hielt eine Mahnwache ab.

Im Mai dieses Jahres reiste Prinz Charles im Zeichen der Aufarbeitung der Residential Schools nach Kanada. Er sprach davon, offen und ehrlich zu reflektieren, was in der Vergangenheit geschehen sei. Dabei ging es bei seinen Besuchen um die Anerkennung von Traumata und die Versöhnung mit den Indigenen. Eine offizielle Entschuldigung von Queen Elizabeth II. für das Leid und die Folgen der englischen Residential Schools hat es bislang allerdings noch nicht gegeben.[i] Die Queen und die Krone insgesamt sind von Bedeutung für diese Problematik, denn Kanada ist noch immer als Teil des Commonwealth Teil des British Empire. Für kanadische Indigene ist daher die Positionierung von Angehörigen des Königshauses zu ihrer Situation und ihren Klagen sehr wichtig. Vor allem wird aber weiterhin das Handeln des kanadischen Staates zu den vielen immer noch unaufgeklärten Morden und Vermisstenanzeigen indigener Frauen von Bedeutung sein.

Quellen

https://ywcavan.org/blog/2019/10/mmiwg-truth-action

Amnesty International (2004): Stolen Sisters: Discrimination and Violence against Indigenous Women in Canada.

https://www.canada.ca/en/innovation-science-economic-development/news/2021/04/complete-cellular-connectivity-coming-to-highway-of-tears.html

https://sites.google.com/fontbonneboston.org/szilva-mmiw/home

Mehr erfahren:

https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/highway-of-tears-dutzende-frauen-verschwinden-im-norden-kanadas-a-837639.html

Arte Dokumentation (2020) – Misshandelt und umerzogen: https://www.youtube.com/watch?v=TgNm0Zrcopc&t=2790s




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