Das Gedenken der Herero in Namibia im Lichte internationaler Verhandlungen

Bild: Victor Paereli via Flickr.

Autorin: Antonia März

Tausende Menschen werden sich zum jährlichen Herero Day in Namibia versammeln, der am 25. August beginnt. In Okahandja, wo sich die Gräber der Hereroanführer befinden, gedenken sie ihrer Ahnen und erhalten die Erinnerung an die Kriegsjahre aufrecht.

Der wohl bekannteste, der hier begraben liegt, ist Samuel Maherero. Im Jahr 1904 führte er die Aufstände gegen die deutsche Kolonialmacht an, bevor es zu der brutalen Schlacht am Waterberg kam, die als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts in die Geschichte einging.

Die kulturelle und politische Aufarbeitung der Ereignisse währt bis heute. Seit 2015 befinden sich Deutschland und Namibia in einem Verhandlungsprozess, an dessen Ende eine offizielle Entschuldigung und eine Einigung über Kompensationsleistungen stehen soll. Die laufenden Rückgaben von Gebeinen und Gegenständen, die in der Kolonialzeit in deutsche Krankenhäuser, Universitäten, Museen und Privathaushalte gelangten, bezeugen, dass es sich um ein unabgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte handelt.

Als Kaiser Wilhelm der Erste 1884 beschloss, sich in den Kreis der europäischen Kolonialmächte einzureihen, wurde die Region des heutigen Namibia zur Kolonie ‚Deutsch Südwest‘. Mit Hilfe sogenannter ‚Schutzverträge‘ nahm die Kolonialverwaltung das neue Land in Besitz. Bald kam es jedoch zu Spannungen mit der indigenen Bevölkerung, die sich im Januar 1904 im Aufstand der Herero und neun Monate später im Aufstand der Nama entluden.

Die militärische Lage spitzte sich in der Folgezeit immer weiter zu. Schließlich ereignete sich am Waterberg, einem Gebirgsplateau im nördlichen Teil des Landes, ein Massaker. Historikern zufolge verloren rund achtzig Prozent der Herero während der Schlacht vom 11. August 1904 durch deutsche Truppen ihr Leben. Lothar von Trotha, der Befehlshaber, bewirkte mit seinem ‚Vernichtungsbefehl‘ die Verfolgung der Herero durch die Omaheke Wüste. Die Kolonialsoldaten verhinderten, dass sie die Wasserstellen nutzen konnten. So verdursteten weitere Tausende Herero. In den darauffolgenden Jahren des Kolonialkrieges, der bis 1908 andauerte, wurden große Teile der überlebenden Herero und Nama in Arbeitslagern interniert. Mangelernährung, harte Zwangsarbeit und sich rasch ausbreitende Krankheiten ließen die Todesrate rasant ansteigen. Historiker wie Joachim Zeller und Jürgen Zimmerer deuten die Arbeitslager als eine Fortführung der Vernichtungspolitik.

Samuel Maherero gelang es, vom Waterberg nach Britisch-Betschuanaland, ins heutige Botswana zu fliehen. Im dortigen Exil lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1923. Das feierliche Begräbnis seines nach Okahandja überführten Leichnams war der Anlass der ersten großen Zusammenkunft der Hererogesellschaft nach dem Krieg. Die jährlichen Besuche seiner Angehörigen am Grab bilden den Ausgangspunkt des Herero Day, der auch in diesem Jahr gefeiert wird. Mit den eindrucksvollen Paraden und Uniformen, die an die einstige deutsche ‚Schutztruppe‘ erinnern, ist er heute bei Touristen eine beliebte Veranstaltung.

Ein anderer Gedenktag der Herero ist der Ohamakari Day, der seit den 60er Jahren stattfindet. In der Nähe des Waterbergs wird dort alljährlich des 11. August 1904 gedacht. Erinnerungsfeiern wie der Herero Day und der Ohamakari Day vereinen spirituelle und politische Aspekte. Sie dienen nicht nur der Erinnerung an die Kriegsjahre, sie halten auch die heutigen politischen Forderungen wach.

Am hundertsten Jahrestag der Schlacht vom Waterberg, 2004, war Heidemarie Wieczorek-Zeul, die damalige Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, beim Ohamakari Day anwesend. In ihrer Rede verurteilte sie die Verbrechen der Kolonialzeit. Die Gräueltaten der ‚Schutztruppe‘ sagte sie, würden heute als Völkermord bezeichnet.

Allerdings sind die Verhandlungen, die 2015 begannen bis heute ohne offizielles Ergebnis und geraten immer wieder ins Stocken. Einige Vertreter und Vertreterinnen der Herero und Nama reichten beispielsweise 2017 vor einem New Yorker Bundesgericht eine Sammelklage gegen die Bundesregierung ein, die jedoch im vergangenen März aufgrund der Staatsimmunität abgelehnt wurde.

Die Komplikation der Verhandlungen wird noch dadurch erhöht, dass die Herero und Nama, die an den Verhandlungen teilnehmen, heterogene Gesellschaften mit unterschiedlichen Interessen vertreten. Zudem wird die Verhandlungsdelegation, die von der namibischen Regierung ausgewählt wurde, nicht von allen Herero beziehungsweise Nama akzeptiert.

So gilt beispielsweise der oberste Vertreter der Herero Vekuii Rukoro einerseits als Kritiker des Verhandlungsverlaufs mit der deutschen Regierung. Andererseits wird er selbst keineswegs von allen Herero anerkannt. So ist es zwangsläufig, dass bei vielen Nachfahren der Opfer nun Frustration und Enttäuschung anwachsen. Sie fordern direkte Entschädigungszahlungen, was von den deutschen Verhandlungspartnern und von Teilen der namibischen Verhandlungsvertreter jedoch abgelehnt wird.

Das Auswärtige Amt rät zu Investitionen in die Infrastruktur, Energie, Wasserversorgung und die berufliche Bildung. Auch der Präsident Namibias, Hage Geinbob ließ im vergangenen April verlauten, die Nachfahren würden nicht persönlich, sondern im Rahmen von Entwicklungsprogrammen entschädigt. Für die Menschen, die auch in diesem Jahr wieder den Ohamakari Day und Herero Day feiern, ist dies jedoch ein wichtiger symbolischer Unterschied. Während projektgebundene Zahlungen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit den Blick in die Zukunft richten, lenken ihn Reparationen in die Vergangenheit.

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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