Finnische Urwälder gerettet

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Sami-Familie festlich gekleidet in Norwegen (mortsun, flickr)
Seit zehn Jahren wehren sich die Sami, die letzten Ureinwohner im Norden Europas, mit Unterstützung von mehreren Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, so zum Beispiel der GfbV und Greenpeace gegen die Zerstörung ihrer Urwälder. Nach wochenlangen Verhandlungen haben sich das staatliche finnische Forstamt, die Holzindustrie sowie Organisationen der Sami und weitere Interessengruppen am 27. Oktober 2009 gemeinsam darauf geeinigt, die letzten acht großen Urwälder Nordfinnlands zum überwiegenden Teil zu schützen. Auf 90.000 Hektar von knapp 100.000 Hektar dürfen keine Wälder mehr abgeholzt werden. Der finnische Papierkonzern Stora Enso kann nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung der Sami Bäume fällen. 9.300 Hektar der Wälder sollen unter Berücksichtigung besonderer Kriterien bewirtschaftet werden. In der Region Inari im hohen Norden Finnlands wird derzeit noch um einen dauerhaften Schutz für einzelne Urwälder gestritten.

Die etwa 70.000 Sami (andere Bezeichnungen oder Schreibweisen sind: Sámen, Sámi, Saamen und Saami. Der veraltete Begriff Lappe oder Lappen (plural) wird von vielen Sami als herabsetzend angesehen) verteilen sich auf die vier Staaten Norwegen (40.000), Schweden (20.000), Finnland (7.000) und Russland, auf der Halbinsel Kola (4.000). Die Sami sind eine Minderheit. Ihr Anteil an der Bevölkerung macht circa vier Prozent aus. Auf der Halbinsel Kola ist der indigene Bevölkerungsanteil noch geringer.

Die Sami lebten ursprünglich als Nomaden vom Jagen und Fischen. Ihre Geschichte in allen vier Staaten ist von erzwungener Anpassung und Diskriminierung gekennzeichnet: Einschränkung der Land- und Wasserrechte per Gesetz in Schweden, Ausbeutung ihrer Territorien durch multinationale Bergbaugesellschaften in Norwegen, Kahlschlag der Wälder in Finnland und der Ausverkauf traditioneller Jagd- und Fischgründe (Lachs) an westliche Investoren in Russland. Auf ihren Gebieten wurden Kraftwerke, Staudämme, Fabriken und Militärbasen errichtet. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 war eine große Umweltbelastung für die Rentierzucht. Allein in Schweden mussten 188.000 radioaktiv verseuchte Rentiere getötet werden. Die von den Regierungen gezahlten Entschädigungen waren äußerst gering.

Nach und nach konnten sich die indigenen Sami in Finnland, Norwegen und Schweden immer mehr Rechte erkämpfen. Ende der 1950er Jahre gründeten Indigene aus Finnland, Norwegen und Schweden als politische Interessenvertretung den „Samischen Rat“. In den 1960er Jahren wurde das Recht der Sami, ihre eigene Kultur aufrechtzuerhalten, von der norwegischen Regierung offiziell anerkannt. Im Jahre 1990 ratifizierte Norwegen – als bisher einziges Land Nordeuropas – die ILO-Konvention Nr. 169 über die verbindlichen Rechte der Urbevölkerungen. Heute sprechen die Sami ihre Sprache in der Schule, in der samischen Hochschule, im Radio und in ihrem eigenen Parlament. Am 6. Februar begehen sie ihren Nationalfeiertag. Sie sind mittlerweile in fast allen Wirtschaftszweigen vertreten. Die meisten leben von Fischerei und Landwirtschaft. Ausschließlich von der Rentierzucht leben nur noch 15 Prozent.

Dass die finnischen Urwälder nun endlich vor der Säge sicher sind, ist ein großer Erfolg und zeigt, dass sich jahrelange hartnäckige Kampagnen auszahlen. Jetzt sind es die Folgen des Klimawandels, die für die Rentierzüchter längst zum Alltag gehören. In den letzten 20 Jahren wurde bereits ein Temperaturanstieg von rund zwei Grad gemessen. Das bedeutet dramatische Veränderungen für die Region und für die traditionelle Rentierhaltung. Da die Perioden mit Tauwetter und anschließendem Frost häufiger werden, kommt es immer öfter vor, dass die unterste Schneeschicht zu festem Eis gefriert und die Tiere nicht an die Nahrung kommen. Bei Nahrungsmangel im Winter müssen die Rentiere deshalb zugefüttert werden, was enorme Kosten verursacht. Weitere Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen, Verbuschung der Wälder und Parasiten erschweren zusätzlich die Rentierzucht.

Die größte Bedrohung für die samische Kultur ist der Verlust von Weideland. Nach Untersuchungen des UNO-Umweltprogramms ist in der Region um die Barentssee nördlich von Norwegen in den letzten 50 Jahren bereits ein Drittel des Weidelands durch den Ausbau von Straßen, Freizeithütten und Kilometer langen Gas-Pipelines verloren gegangen. Neue Forschungen vermuten enorme Vorkommen an Eisenerz auf dem Gebiet der Sami in Finnland. Der Abbau des Rohstoffs hätte weiteren Verlust von Weideland zur Folge.

Wie vielen anderen indigenen Völkern in der Arktis wird auch den Sami das Recht vorenthalten, bei den Verhandlungen um die Ausbeutung der Rohstoffe auf ihrem Territorium mitzureden. Sie fordern zumindest eine Abgabe der Gewinne, die der lokalen Bevölkerung zugute kommen soll. Ob am Vormarsch der multinationalen Unternehmen die Urbevölkerung einen Nutzen hat, wird sich in Zukunft erweisen.

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