In Sprechblasen von Kenia nach Rojava: Comictipps für Weihnachten

Was könnte farbiger unter dem Weihnachtsbaum hervorleuchten als ein Stapel auserlesener Comics? Diese drei Empfehlungen mit Minderheiten- und Menschenrechtsbezug leiten Sie bei der Geschenkauswahl: geeignet für alle Comic-Begeisterte, vom neugierigen Enkelkind bis zum weltoffenen Großonkel.

Von Salome Müller, mit Fotos von Magdalena Otterstedt

KENIA/SOMALIA

Für Kinder und Jugendliche oder für jede Person, die wissen möchte, wie es ist, in einem Geflüchtetenlager aufzuwachsen:

«Wenn Sterne verstreut sind» von Victoria Jamieson und Omar Mohamed
(2022; Adrian & Wimmelbuchverlag)

«Die Chance, je hier herauszukommen, ist etwa so hoch, wie ein verloren gegangenes Sandkorn im Camp wiederzufinden», wird Omar gesagt, der in einem Geflüchtetenlager in Kenia aufwächst. Seine ungewisse Zukunft beschäftigt den zehnjährigen Comicprotagonisten fortan. Er fragt sich, wie sein Morgen aussehen wird, geschweige denn das Leben als Geflüchteter, wenn er erst einmal groß ist.

Der initiale Konflikt stellt sich dem Jungen mit der Möglichkeit zum Schulbesuch, die er jedoch vorerst nicht wahrnimmt. Eigentlich würde Omar gerne zur Schule gehen, doch er fühlt sich verpflichtet, tagsüber bei seinem kleinen Bruder Hassan zu bleiben, um sich um ihn zu kümmern. Hassan kann aufgrund einer Behinderung nicht sprechen, Omar ist seine erste Bezugsperson. Die Brüder sind vor dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen, wo ihr Vater getötet wurde. Von der Mutter wurden sie während der Kämpfe getrennt. Auf sich allein gestellt meistern die beiden Jungen nun den Alltag. Durch ihre Kinderaugen erfahren die Lesenden, wie es ist, in einem Geflüchtetencamp zu leben. Man lernt die Spiele, Freunde und Arbeiten der Brüder kennen, fühlt mit, wenn sie hungrig oder traurig sind. Man spürt das Hin- und her von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, die Sehnsucht nach Geborgenheit und das Heimweh nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt.

Zusammen mit der Illustratorin und Co-Autorin Victoria Jamieson erzählt Omar Mohamed im Graphic Novel seine eigene Lebensgeschichte. Ihr Strich ist klar und simpel, der Detailreichtum der Bilder nicht überzeichnet. Mit der stimmungsvollen Farbgebung aufgefüllt, wird so eine eingängige Wirkung erzeugt. Allgemein führt die Farbwahl und das harmonische Zusammenspiel von sanft leuchtenden Flächen und dezenten Mustern zu einem ruhigen Bildeindruck, der auch der Erzählerstimme genügend Raum lässt. Es ist die Perspektive eines Kindes, das sein Leben für Gleichaltrige angemessen erzählt und die Handlung trägt. Omars autobiografische Geschichte liest sich deshalb leicht, obschon darin viele schwere Themen angesprochen werden. Die Lektüre von „Wenn Sterne verstreut sind“ berührt bestimmt nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern geht auch Erwachsenen nahe, im Herzen und in Gedanken.

IRAN

Für junge (und alte) Erwachsene oder für jede Person, die erfahren möchte, was die kommende Generation im Iran aktuell auf die Straßen treibt:

«Liebe auf Iranisch» von Jane Deuxard und Deloupy
(2017; Splitter Verlag)

Mit der Intention, junge Menschen zum Thema Beziehung und Sexualität zu befragen, ist ein Journalistenduo 2015 undercover in den Iran gereist. Es porträtiert Paare, Frauen und Männer und spricht mit ihnen über ihr Liebesleben. Wobei eine Kombination von ‚Liebe‘ und ‚Leben‘ unter dem repressiven Regime gewagt klingt, denn in der islamischen Republik wird jede voreheliche Anwandlung einer romanischen Annäherung gleich im Keim erstickt, das unbeschwerte Ausleben von Sexualität erscheint etwa so realistisch wie Atmen mit zugedrückten Nasenlöchern. Diese Oppression vermittelt „Liebe auf Iranisch“ in Comicform.

Sein Plot besteht aus zehn Einzelporträts, die schlüssig zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Mit jedem Porträt tragen die Protagonisten weitere Problematiken aus ihrer täglichen Erfahrung bei, die das Journalistenduo „Jane Deuxard“ in ihrem Szenario aufnimmt. Es gibt damit einen narrativen Rahmen vor und verbindet die anonymisierten Erfahrungsberichte geschickt zu einem Abbild der iranischen Gesellschaft. Nachgezeichnet werden die geführten Gespräche vom französischen Illustrator Deloupy. Sein Strich ist ausgearbeitet und die Farbgebung unauffällig, dann und wann kontrastiert sie in einem gekonnten Schattenwurf. Die Szenerie und Bildkomposition wirken dynamisch und sehr durchdacht. Die Bildsprache ist gewitzt und metaphorisch. Bei der Illustration des Gesagten wird neben der wörtlichen Bebilderung der Narration auch mit prägnanten Metaphern gearbeitet. Sie verstärken den Text und stellen die größeren Zusammenhänge dar, die Protagonisten auszudrücken versuchen oder das Gefühl, das sie transportieren möchten. Beispielsweise erzählt ein junger Mann, welche Strafe ein unverheiratetes Paar fürchten muss, wenn es während der gemeinsamen Autofahrt von der Sittenpolizei festgenommen wird. Wird das Paar des Geschlechtsverkehrs angeklagt und weigert sich zu heiraten, droht das Abhacken der Hand. Während der Erzähler dies beschreibt, wird im Bild die metaphorische Drohkulisse aufgefahren: Ein Scherenschnitt-Paar findet sich in der Hand eines herumlurkenden religiösen Führers, der im Begriff ist, dieses mit der Schere anzugehen.

Auf abstrakter Ebene möchte „Liebe auf Iranisch“ die Desillusion der iranischen Jugend ausdrücken und sie in praktischer Form unterhaltend erzählen. Die Geschlechterseparation und die Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesellschaftsstruktur kommen ebenso zur Sprache wie die Gewalttätigkeit und Überwachung durch das Regime. Es werden die Faktoren gezeigt, die der jungen Generation ein selbstbestimmtes Leben und Lieben verunmöglichen, von der wirtschaftlichen Not bis hin zum Druck der Familie, die durch strenge Traditionsvorstellungen und existenzielle Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt sind. Obschon all dies schwer auf den Protagonisten des 2017 erschienen Comics lastet, die Stimmung des Gesellschaftsporträts bis ins Aussichtslose bedrückt, sind es die Dinge, die iranische Jugend auch heute, 2022, bewegen.

KURD*INNEN

Für Leute, die gerne über Grenzen hinausblicken und politisch Interessierte und für jede Person die Rojava kennenlernen möchte:

«Reise nach Rojava» von Janet Biehl
(2022; UNRAST-Verlag)

Wer dem Medium Comic zugetan ist, für den*die wird der Bericht über die Herausbildung des neuen politischen Systems von Rojava funktionieren. Es ist eine umfassende Einführung für alle, die sich für die Region zwischen Syrien, Irak und Türkei, ihre Geschichte und Kultur, interessieren. Ebenso ist der Comic, der die Anfänge einer möglichen Demokratie ab 2012 nachzeichnet, gehaltvoll für Politikinteressierte.

«Reise nach Rojava» ist von der ersten Linie an eine überzeugende und überzeugte Reportage. Wie der Comic nur einen Farbton hat (sandgelb), ist auch die subjektive Perspektive der Autorin und Erzählerin ideologisch eingefärbt, spürt sie doch in Rojava dem Vermächtnis ihres verstorbenen Gefährten Murray Bookchin nach, einem Vordenker des demokratischen Konföderalismus. Der etwas unfertige Strich passt in seiner Skizzenhaftigkeit zur noch jungen Gesellschaft Rojavas. Auch hier ist die Utopie, zu der sich die Region formen möchte, in Konturen sichtbar: Auf Direktdemokratie gründende Selbstverwaltung, solidarische Ökonomie, Pluralismus, Gleichberechtigung einerseits für Frauen und Männer, anderseits für die verschiedenen Volksgruppen, Kollektivismus. All diese Grundpfeiler und Prinzipien werden behandelt, unterfüttert mit theoretischem Hintergrundwissen und illustriert mit Beispielen vor Ort. Gleichzeitig sammelt die Reportage Schmerz und Furcht, die Krieg, bewaffnete Konflikte, Angriffe der Türkei und Gräueltaten des IS hinterlassen haben. Es schafft Öffentlichkeit für das Schicksal der Region und dafür, dass sich die Menschen dort die gleiche Aufmerksamkeit für ihren Freiheitskampf wünschen, wie sie Ländern anderswo zufällt. Die Reportage ist voller Lob für Rojava und bewundert dessen Errungenschaften. Sie ist auf den Spuren einer sich neu bildenden Gesellschaft. Verlieren sich die Spuren oder schafft es die Realität, das sich vorsichtig vorantastende Gebilde eines friedlichen, pluralistischen und demokratischen Rojava einzuholen, bevor es von anderen Ideologien wie der des IS oder der türkischen Regierung gefressen werden kann?


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