Kanada zahlt Rekord-Entschädigung für „Kulturellen Genozid“ – Fortwährend werden weitere Gräber mittels Radar-Untersuchungen gefunden

In den letzten Wochen wurden erneut weitere Gräber in Kanada gefunden. Auf dem Gelände einer ehemaligen Internatsschule für indigene Kinder in Lebret, Kanada, kam es zu möglichen Entdeckungen, so gab Star Blanket Cree Nation, eine indigene Gemeinschaft Kanadas, bekannt. Bei Bodenuntersuchungen wurde ein etwa 125 Jahre alter Kieferknochen eines vier- bis sechsjährigen Kindes gefunden.

Von Madlen Körneke, Regina Sonk; Foto: Michael Swan

Unter Einsatz von Boden durchdringendem Radar (GPR) konnten weitere 2.000 Anomalitäten im Erdreich identifiziert werden, die vermuten lassen, dass sich auf dem Schulgelände mehrere versteckte Gräber befinden. Das genaue Ausmaß kann allerdings erst mittels DNA-Tests von Bodenproben aus Miniaturkernbohrungen festgestellt werden, da es sich bei den Anomalitäten auch um Gestein oder Holz handeln könnte.

Die jüngsten Entdeckungen in Lebret sind für viele Mitglieder der First Nations eine schmerzvolle Bestätigung dessen, was sie bereits aus Erzählungen von Überlebenden oder aus Geschichten ihrer Älteren wussten. Dabei ist Lebret kein Einzelfall. In den letzten Jahren wurden hunderte von menschlichen Überresten indigener Kinder von nicht gekennzeichneten Gräbern auf früheren Schulgrundstücken gefunden. Mehr als 150.000 indigene Kinder wurden im 19. und 20. Jahrhundert in staatlich bezahlten und oftmals von der Kirche geführten Internaten untergebracht – viele von ihnen kehrten nie zu ihren Familien zurück. Mit der Fremdunterbringung der Kinder wurde die Absicht verfolgt, die Kultur und Sprachen der indigenen Völker systematisch zu zerstören und damit ihre Existenz auszulöschen. Indigene Vertreter*innen und NGOs, aber auch eine nationale Untersuchungskommission sprechen von „kulturellem Genozid“.

Die Lebret Indian Industrial School zählt zu den am längsten bestehenden Internaten des Landes (1884-1998) und wurde die überwiegende Zeit von der katholischen Kirche geleitet. Berichte der Wahrheits- und Versöhnungskommission verweisen auf häufige Krankheitsausbrüche und eine hohe Sterblichkeitsrate in der Schule. Darüber hinaus soll es vermehrt zu körperlichen Misshandlungen gekommen sein. Viele Mitglieder der Star Blanket Cree Nation sowie anderer First Nations waren gezwungen, das Internat zu besuchen. Bis heute suchen viele von ihnen nach Hinweisen zu ihren vermissten Familienangehörigen.

Michael Starr, der Anführer der Star Blanket Cree Nation, fordert Rechenschaft von der Regierung und der katholischen Kirche. Nun sicherte die kanadische Regierung 325 indigenen Völkern Entschädigungszahlungen zu: 2,8 Milliarden kanadische Dollar (umgerechnet etwa 1,9 Milliarden Euro) wird das Land zahlen.

Kommentar verfassen Antwort abbrechen