Samische Rentierhirt*innen zahlen für unsere grüne Wende

Autorin: Julia Gouffin, Praktikantin

Bild: Helene Lind Jensen/Flickr CC BY-ND 2.0 „Rein ved Repparfjorden“

Im äußersten Norden Norwegens in der Region Finnmark plant das norwegische Bergbauunternehmen Nussir ASA Kupfer abzubauen. Auf einem wichtigen Weidegebiet der samischen Rentierhirt*innen soll die Mine angesiedelt werden. Der Abfall – bis zu zwei Millionen Tonnen pro Jahr – soll in einem Lachsfjord entsorgt werden. Trotz Einwänden von Umweltorganisationen, Umweltämtern und dem Samiparlament hat die norwegische Regierung das scharf kritisierte Projekt genehmigt. Im August 2020 schloss der deutsche Konzern Aurubis AG ein Abkommen mit Nussir ab, das ihm zum einzigen Abnehmer des Kupfers macht. Mit einem Vertragsumfang von rund 927 Millionen Euro ist es der größte Kupfervertrag in der Geschichte Norwegens.

Die Sami sind das einzige anerkannte indigene Volk Europas und betreiben seit Generationen Rentierwirtschaft, Jagd und Fischerei im Norden Skandinaviens und Russlands. Einerseits ist die Lage der Indigenen in Norwegen besser als in vielen anderen Ländern. So war Norwegen das erste Land der Welt, das die ILO Konvention 169 zu indigenen Rechten ratifizierte. Laut dieser sollen Besitzrechte respektiert und Indigene zu Projekten auf ihrem Land konsultiert werden. Dennoch hat die norwegische Regierung Rohstoffabbau auf samischen Gebieten gegen ihren Willen genehmigt – oft im Namen der sogenannten „grünen Wende“. Denn für die Umstellung auf erneuerbare Energien seien Land und Rohstoffe erforderlich. Was dabei verschwiegen wird: Oft werden diese aus Samischen Territorien genommen. Daher nennen es einige kritische Stimmen der Sami auch „die grüne Kolonisierung“.

Dies ist auch der Fall am Repparfjord in Finnmark, wo Nussir ASA Kupfer abbauen will, das unter anderem für Elektrobatterien in E-Fahrzeugen benutzt werden soll. Im Februar 2019 hat der Konzern die Genehmigung für den Abbau trotz des Abratens von Expert*innen erhalten. Die Konzession hat massive Einwände hervorgebracht, denn die Mine soll an einem wichtigen Kalbungs- und Weidegebiet der samischen Rentierhirt*innen angesiedelt werden. Zudem sollen jährlich zwei Millionen Tonnen Abraum in einem nationalen Lachsfjord entsorgt werden. Das entspricht siebzehn Lastkraftwagen pro Stunde, rund um die Uhr.[1] Das norwegische Samiparlament hat zusammen mit Umweltorganisationen gegen die Entscheidung geklagt, aber die Entscheidung der Regierung steht fest: Der Abbau darf stattfinden.

Die Folgen werden verheerend sein. All das Leben auf dem Meeresgrund in der Deponie wird sterben. Schwermetalle werden sich durch die starken Strömungen im Fjord weit verbreiten und das Laichen und Wachstum von Kabeljau und atlantischem Lachs verhindern[2]. Nussir behauptet selbst, die Natur schützen zu wollen und nennen sich sogar „Vorreiter“ für Klimaschutz. Zum Beispiel soll die Mine am Repparfjord die erste völlig elektrisch angetriebene Mine der Welt werden. Sie beteuern auch, dass die Meerdeponie keine bedeutenden Auswirkungen auf dem Fischbestand im Fjord haben wird und die lokale Fischerei wie gewohnt funktionieren wird.[3] Eine unabhängige Forschung des Meeresforschungsinstitut (Havforskningsinstiuttet) belegt allerdings das Gegenteil. Sie zeigt, dass der Meeresgrund sich nach dem Abbau in den 1970er Jahren immer noch nicht ganz erholt hat – und dieses Mal wird der Abfall zehnmal so groß sein.[4]

Obwohl Nussir behauptet, ihre soziale Verantwortung ernst zu nehmen, werden die negativen Auswirkungen auf die samische Rentierwirtschaft in Kauf genommen. Die Mine liegt auf einem wichtigen Weidegebiet und zudem durchqueren etwa 8000 Rentiere das Gebiet in ihren saisonalen Wanderungen. Hier werden im Frühling Kälber geboren und aufgezogen.[5] Rentiere sind scheu und der Lärm, Staub und Infrastruktur der Mine kann die Tiere stören und zu Fehlgeburten führen.[6] Seit hunderten von Jahren haben die Sami Rentierwirtschaft hier betrieben. Sie ist zentraler Teil samischer Kultur und Identität. Nun haben traditionelle Rentierzüchter*innen Angst, ihren Lebensunterhalt durch den Abbau zu verlieren. Das norwegische Samiparlament, die rechtliche Vertretung der Sami, kritisiert die Regierung dafür, kurzfristige ökonomische Vorteile zu priorisieren. Eine in ihrem Auftrag angefertigten Studie zeigt, dass der Abbau die Wanderungswege verhindern und den Rentierbestand halbieren würde. Im schlimmsten Fall müssten die Hälfte aller Rentierhirt*innen ihren Betrieb aufgeben.[7] Das Samiparlament hat dem Kupferabbau nie zugestimmt und viele betrachten es als einen Angriff auf die samische Kultur und Wirtschaft.[8]

Es geht noch weiter: Das Kupfer soll nicht in Norwegen bleiben – es soll nach Deutschland. Letztes Jahr hat das deutsche Unternehmen Aurubis AG, mit Hauptsitz in Hamburg, eine Absichtserklärung mit Nussir abgeschlossen. Somit hat es sich die gesamte Kupferausbeute der Mine für die kommenden zehn Jahren gesichert. Aurubis achtet nach eigenen Aussagen den Umweltschutz und die Rechte indigener Völker.[9] Da das Projekt genehmigt wurde, sehen sie aber kein Problem mit dem geplanten Abbau. Die Gesetzmäßigkeit der Genehmigung ist jedoch fraglich. Durch das Finnmarkgesetz aus dem Jahr 2005 wurden die Land- und Wasserrechte der Sami durch langwierige traditionelle Nutzung anerkannt. Demzufolge müssen die natürlichen Ressourcen nachhaltig und zum Nutzen der Einwohner*innen und der samischen Kultur und Rentierhaltung verwaltet werden. Das ist in diesem Fall nicht passiert.[10]

Für die Sami ist die Rentierzucht mehr als nur eine Arbeit. Sie verkörpert auch ihre Kultur und Identität. Soll ihre Kultur und Lebensunterlage weiterleben, müssen Aurubis und Nussir die Verantwortung für Menschenrechte und Umwelt übernehmen. Es ist wahr, dass die grüne Wende ohne Kupfergewinnung nicht erreicht werden kann. Aber eine nachhaltige und gerechte Förderung ist möglich. Wir fordern Nussir und Aurubis auf, ihre eigenen sozialen und umweltlichen Maßstäben zu erfüllen und sich an geltendes Völkerrecht zu halten.


[1] https://naturvernforbundet.no/repparfjord/fakta-om-nussirs-kobbergruve-ved-repparfjorden-article38876-3800.html

[2] Ibid.

[3] http://www.nussir.no/index.php

[4] https://www.hi.no/hi/nyheter/2019/april/innlegg-konsekvenser-av-gruvedeponi

[5] https://www.mining-technology.com/features/inside-norways-new-arctic-mine/

[6] Naturvernforbundet: Fact Sheet, Schützt Nussir vor Nussir

[7] https://www.nrk.no/tromsogfinnmark/ny-rapport_-nussir-gruva-vil-halvere-reindrifta-i-omradet-1.15157757

[8] https://www.nrk.no/sapmi/nussir-med-driftskonsesjon-_-na-kan-de-starte-opp-driften-1.14801021

[9] https://www.aurubis.com/de/verantwortung/mensch/menschenrechte–arbeitsstandards

[10] https://naturvernforbundet.no/finnmark/gruvedrift/vil-fefo-bryte-finnmarksloven-article37273-2023.html

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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