Platz des himmlischen Friedens? Oder doch Platz der himmlischen Friedhofsruhe?

1989 ist für viele ein Jahr zum Jubeln gewesen. Unvergessen der Fall der Mauer, das Ende des Kommunismus. Deutschland ist wiedervereinigt, es gibt viele Volksfeste und Feiern. Da dieses Jubliäum auch mit dem sechzigsten Geburtstag des deutschen Grundgesetzes einhergeht, wird halt doppelt gefeiert. Ob man da als Menschenrechtler „unpatriotisch“ ist, wenn man so nebenbei darauf hinweist, dass am 4.Juli der zwanzigste Gedenktag an das Massaker auf dem Platz des „Himmlischen Friedens“ in Peking hinweist?

Ich möcht ja nicht die allgemeine Feierlaune verderben (sie wird ja eh nicht an das deutsche Sommermärchen von 2006 ranreichen). Aber in China wurden mit voller Brutalität viele Menschen niedergeknüppelt und zusammengeschossen – wir Deutschen dürfen angesichts dieses Blutbades dankbar sein, dass Honecker & Co. dann doch nicht ernsthaft daran dachten, das Militär von der Leine zu lassen. Unsere Revolution war friedlich. Ich möcht ehrlich gesagt nicht wissen, WIE knapp wir einer Katastrophe entgingen. SPIEGEL Online überschreibt seine Geschichts-Chronik über die Ereignisse mit dem Titel „Als die Chinesen zu träumen wagten“ – ja, das war ein Traum. Aber einer, der sehr schnell zum Albtraum wurde.

Denn die chinesischen Studenten hatten nicht so viel Glück wie wir Deutschen – damals gab es offiziell war 300 toten Soldaten und Zivilisten, doch die Angaben gehen weit auseinander: Amnesty international schätzte 700 bis 3.000 Tote, das chinesische Rote Kreuz meldete am 4. Juni 1989 gar den Tod von 2.600 Zivilisten.

Die Ereignisse von damals sind literarisch verarbeitet worden – Hong Ying schreibt in seinem Roman „Der chinesische Sommer“ sehr dicht, sehr spannend und autentisch über Peking im Jahre 1989: Im Zentrum seines Romans die junge Schriftstellerin Lin Ying. Diese wird Zeugin des brutalen Vorgehens des chinesischen Militärs bei der Studentendemonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Als sie Zuflucht und Trost bei ihrem Freund sucht, überrascht sie ihn mit einer anderen im Bett. Einen kurzen Sommer lang lebt Lin die Ideale von Freiheit und freier Liebe – bis sie verhaftet wird. Poetisch und genau beschreibt Hong Ying die Wende zum heutigen China, die vom Aufschrei einer ganzen Generation begleitet wurde.

Diese Romanfigur steht stellvertretend für jene bis zu 200 Menschen, die nach Schätzungen chinesischer Organisationen noch wegen ihrer Beteiligung an den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens inhaftiert sind. Anlässlich des 20. Jahrestages des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking haben unsere Kollegen in Göttingen eine Studie erarbeitet, in der sie der chinesischen Regierung vollkommen zu Recht vorwerfen, Überlebende des Blutbades, ihre Angehörigen sowie Kritiker noch immer zu verfolgen. In diesem Bericht kommen unsere Göttiner Kollegen zu dem Schluss, dass Chinas Machthaber den Angehörigen der Opfer systematisch Gerechtigkeit verweigern, schlimmer noch: sie verfolgen und drangsalieren, unterdrücken und zensieren.

Chinas Regierung fordert inzwischen sogar von der Europäischen Union eine Aufhebung des damals verhängten Waffenembargos. Doch gleichzeitig verweigert Peking jede Aufarbeitung der brutalen Niederschlagung der friedlichen Proteste in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989. Kein Wunder, dass das Blutbad in der chinesischen Öffentlichkeit weiter tabuisiert wird und die Verantwortlichen für die Morde nicht bestraft werden.

Der stellvertretende Vorsitzende des „Unabhängigen Chinesischen Schriftstellerverbandes PEN“, Jiang Qisheng, wurde nach unseren Erkenntnissen am 31. März 2009 von Polizisten bedroht und verhört. Der ehemalige Tiananmen-Gefangene war 1999 nochmals zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil er zum öffentlichen Gedenken an die Opfer des Massakers aufgerufen hatte. Bei seinem Verhör Ende März beschlagnahmten Polizisten mehrere Computer, Bücher und Manuskripte.

Anlässlich des Jahrestages der blutigen Unterdrückung der Demokratiebewegung am 4. Juni fordern wir wie auch Amnesty International die chinesischen Behörden dazu auf, die Gefangenen freizulassen und endlich eine offene und unabhängige Untersuchung durchzuführen. Denn bisher hat die Regierung Chinas alle Versuche hintertrieben, Licht in das Dunkel um die Vorgänge rund um den Tiananmen-Platz in Peking zu werfen. „Im Gegenteil, vor dem Gedenktag am 4. Juni haben Übergriffe und Schikanen gegen Menschenrechtsaktivisten und Rechtsanwälte wieder zugenommen“, berichtet Amnesty International. Bisher gibt es allein dieses Jahr rund 100 Fälle dokumentiert, in denen Aktivisten kurzzeitig inhaftiert oder von Staatsvertretern misshandelt wurden, einige davon im Zusammenhang mit dem 20. Jahrestag.

Während wir Deutschen also freudentrunkend unserer Freiheit gedenken, feiern die Chinesen ihr Jubiläum etwas anders – mit Gewalt, Repression, Unterdrückung und Zensur. Hong Yings Roman „Der chinesische Sommer“ ist natürlich auf dem Index, aber auch die Memoiren des 1989 gestürzten Parteichefs Zhao Ziyang werden von Chinas Staatsmedien verschwiegen. Er trat ein für eine friedliche Lösung – und wurde unter Hausarrest gestellt. Ihm verdanken wir viele tiefe Einblicke hinter die Kulissen der chinesischen KP.

Inzwischen mag sich China zwar massiv gewandelt, eine wirtschaftlich starke Mittelschicht ist entstanden, die gut gebildet ist, die ihre Kinder auf die teuersten Universitäten dieser Welt schickt – aber die Menshcnerechte werden trotzdem noch mit Füßen getreten. Ich jedenfalls werde im Rahmen der deutschen Feierlichkeiten kurz gedenken jenen Chinesen, die damals auf die Straße gingen und dafür einen hohen Blutzoll zahlen mussten.

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