Katar und islamistische Gruppen: Von den Muslimbrüdern bis zum IS

Katar ist ein Land, das seit Jahrzehnten hunderte Millionen US-Dollar direkt oder indirekt an islamistische Gruppen verteilt. Die meisten streben einen islamischen Staat an, in dem es keine ethnische und religiöse Pluralität gibt. Katar selbst bestreitet jegliche Unterstützung von terroristischen Gruppen. Wer ist wer – eine Übersicht.

Von Annemie Dörrer; Foto: Baghdadi Portrait | by Thierry Ehrmann | Flickr

Die Muslimbruderschaft wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Ägypten gegründet und hat seither zahlreiche andere islamistische Gruppen inspiriert und hervorgebracht. Sie gilt als die älteste islamistische Organisation. Hintergrund der Gründung war die Ohnmacht gegenüber den europäischen Kolonialmächten und dem gleichzeitigen Wunsch nach Fortschritt. Die Grundideologie ist ein Panislamismus (die länderübergreifende Vereinigung von Muslimen) mit dem Ziel einer auf dem Islam basierenden Staats- und Gesellschaftsordnung – notfalls mit Gewalt gegen die aktuelle Staatsmacht.
Die Muslimbrüder sind weltweit vernetzt. Nach außen treten sie oft mit karitativen Projekten in Erscheinung. Die Mitglieder agieren selbst aber oft im Untergrund. In den 1940ern und 50ern wurde die Muslimbruderschaft in Ägypten nach Anschlägen auf die Regierung verboten. Heute achtet die Muslimbruderschaft darauf, sich, etwa in Deutschland, im Rahmen der Gesetze zu bewegen. Dennoch sind sie grundverfassungsfeindlich, streben sie doch langfristig eine Umformung des demokratischen Rechtsstaates an.

Al-Qaida ist ein islamistisches Terrornetzwerk, das vor allem durch die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA bekannt wurde: Terroristen entführten vier Passagierflugzeuge und flogen je eins in die Zwillingstürme des World Trade Centers und eins ins Pentagon. Das letzte Flugzeug verpasste sein anvisiertes Ziel nach Kämpfen mit den Passagieren und wurde vom Piloten der Entführer zum Absturz gebracht.

Gründer und ideologischer Anführer Al-Qaidas war Osama bin Laden (durch US-Einsatzkräfte im Mai 2011 getötet). Dessen Nachfolger, Aiman az-Zawahiri, wurde am 31. Juli 2022 durch einen gezielten US-Drohnenangriff in Kabul getötet. Zu den Mitgliedern Al-Qaidas gehörten unter anderem ehemalige afghanische Mudschaheddin (Gotteskrieger), zu denen auch bin Laden gehörte. Diese hatten während der sowjetischen Besatzung Afghanistans zusammen mit den USA gegen die Sowjetunion gekämpft.

Zusammen mit saudischen und ägyptischen Anhängern wurden die Kämpfer in Lagern in Pakistan ausgebildet. Daraus bildete sich eine stark anti-amerikanische, islamistische Gruppe, die sich zuerst gegen das saudische und ägyptische Regime richtete und bald Anschläge auf die USA und Europa verübte. Ziele sind unter anderem der Krieg gegen die westliche Welt und die „Ungläubigen“ sowie die Vernichtung des Staates Israels.

Da Ägypten nach der Ausrufung des Staates Israel 1948 den Gazastreifen verwaltete, war der Einfluss entsprechend stark und die Ideologie der ägyptischen Muslimbrüder stieß unter frustrierten Palästinensern auf offene Ohren. Bei dem Aufstand der Palästinenser 1987 (Intifada) tat sich die Hamas (Islamische Widerstandsbewegung) erstmals hervor. In Ihrer Charta erklärt sie einen Jihad gegen den Staat Israel und dass sie nicht zu Verhandlungen bereit sei. Seither kam es zu zahlreichen Angriffen und Eskalationen mit Israel.

Die Taliban formten sich aus Afghanen, die gegen die Sowjets gekämpft hatten. Sie waren nach Pakistan geflohen und wurden dort mit einer extremen Auslegung des Deobandismus konfrontiert (Lehre, die eine stark negative Haltung gegenüber allem Westlichen und Vorislamischen beinhaltet). Darin wurden sie von pakistanischen Parteien unterrichtet und schließlich zu Kämpfern ausgebildet.

Die Taliban fokussieren sich auf Afghanistan und wollen hier das „islamische Emirat Afghanistan“ unter einer konservativen und brutalen Auslegung der Scharia durchsetzen. Dies hatten sie 1996 bereits für fünf Jahre erreicht und Minderheiten wie die schiitischen Hazara hatten darunter zu leiden. Frauen und Mädchen wurden systematisch aus dem öffentlichen Leben, der Schule und der Arbeit verdrängt. Seit 2021 sind die Taliban wieder an der Macht in Afghanistan.

Die Hay´et Tahrir al-Sham (HTS) spaltete sich 2012, damals noch unter dem Namen Al Nusra Front, von Al-Qaida ab und ist als Rebellengruppe in Syrien aktiv. Dort kämpft sie mit anderen islamistischen Gruppen gegen das Assad-Regime. Andersdenkende werden von der HTS festgenommen, Christen werden vertrieben. Willkürlich Verhaftete landen in den mehr als 40 Gefangenenlagern.

Die Ahrar Al-Sham (Die Freien Syriens) wird von manchen Ländern als moderat eingestuft. Sie beschützt zum Teil Zivilisten vor Angriffen des Assad-Regimes. Gleichzeitig geht sie aber unter anderem gewaltsam gegen Schiiten und Alawiten vor. Die Ahrar Al-Sham ist die größte Rebellengruppe in Syrien und befürwortet einen islamischen Staat, distanzieren sich aber von den Methoden der Al-Qaida und dem IS.

Die Ursprünge des sogenannten Islamischen Staats (IS; vorher ISIS = Islamischer Staat im Irak und Syrien; Daesh = arab. Anfangsbuchstaben) sind in dem Al-Qaida-Ableger im Irak zu sehen. Außerdem spielte die US-Besatzung im Irak und das Verbot der bisherigen Baath-Partei bei seiner Entwicklung eine Rolle. Der IS gilt als bisher brutalste jihadistische Organisation. Er verübte unter anderem Massenmorde, Versklavungen, öffentliche Enthauptungen und Selbstmordattentate. Die Verbrechen an der yezidischen Bevölkerung werden als Genozid eingestuft.

Ziel ist ein islamischer Staat. 2014 rief der damalige IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi diesen im Irak sogar aus. Bald ging es auch um eine Ausweitung auf Syrien und den Sturz des Assad-Regimes. Der IS richtet sich rigoros gegen oppositionelle und andere jihadistische Gruppen. Er ist neben dem Nahen Osten mit Gruppierungen auch in Zentral- und Ostafrika sowie in Teilen Ostasiens aktiv.

Nach dem Tod Al-Baghdadis 2019 galt der IS als militärisch größtenteils besiegt. Der IS war sehr bürokratisch: Auch brutalste Anschläge wurden detailliert dokumentiert, es gab eine Buchhaltung und eine professionelle Medienabteilung. Besonders betroffen vom IS waren Minderheiten wie Yeziden, Christen, Kurden, Yaresan, Mandäer, Schiiten und Turkmenen. Daneben zerstörte der IS auch gezielt Kulturgüter und archäologische Monumente.

Bis heute ist die Gefahr durch den IS aber nicht gebannt. Schläferzellen lauern, Kämpfer sind in verschiedenen Ländern aktiv und Anschläge werden begangen. Ein Wiedererstarken des IS muss verhindert werden.

Katar unterstützt diese islamistischen Gruppen durch diplomatische Mediation, finanzielle Mittel und Waffen. Ehemaligen Anführern der Gruppen gewährt das Land Unterschlumpf. Dazu kommen private Zuwendungen wohlhabender Kataris. Allein die Hamas und die Muslimbruderschaft erhielten Dollarbeträge in Millionenhöhe. Die Taliban konnten ihre Gelder in Sicherheit bringen, als Katar nach einer Aufforderung der USA nicht gegen die eigenen Banken aktiv wurde. In der Hauptstadt Doha gibt es seit 2013 ein eigenes Büro der Taliban.

Die Organisation Qatar Charity steht unter dem Verdacht, dass über sie Gelder an islamistische Gruppen weitergeleitet werden. Gelder laufen allgemein über verschiedene Banken, werden ausgezahlt und über Grenzen weitergegeben. Seit dem Arabischen Frühling 2011 veränderte sich auch der Ton des Nachrichtensenders Al Jazeera mit Hauptsitz in Katar zu einer Stimme der Muslimbruderschaft. Der islamistische Prediger und Anhänger der Muslimbruderschaft Yusuf al-Qaradawi lebt in Katar.

Nach außen stellt sich Katar als Wohltäter dar: Bei Verhandlungen mit islamistischen Gruppen ist Katar überraschend oft bereit, Lösegelder an islamistische Gruppen zu zahlen, was mittlerweile ein lukratives Geschäft für diese ist. Katar wurde wegen der Unterstützung extremistischer Gruppen von den Nachbarländern mehrere Jahre boykottiert. Dass Katar trotzdem weiterhin islamistische Gruppen mitfinanziert, ist ein offenes Geheimnis, an dem sich das wohlhabende Land nicht stört – das Image wird regelmäßig aufpoliert.


Dieser Artikel erschien in der Für Vielfalt, Ausgabe „Im Land der Fußball-WM: Rote Karte für Katar“, im August 2022.

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