Bericht aus Brasilien: Indigene schützen sich vor Corona

Autorin: Regina Sonk, Referentin für Indigene Völker

Indigene trifft die Corona-Krise besonders hart: Die Gefahr der Ansteckung birgt sehr viel mehr Risiken in Ländern, deren Regierungen ohnehin wenig für Indigene tun. Wenn Krankenhäuser weit entfernt sind und keine wirtschaftlichen „Rettungsschirme“ aufgespannt werden, entscheiden sich indigene Gemeinschaften für eigene Hilfsmaßnahmen. Tourist*innen, aber auch anderweitige Besuche von außen, lassen sie nicht mehr zu. Internationale Reisen z.B. zu den Vereinten Nationen sagen sie ab. Francisco Piyãko von den Asháninka berichtet uns über die Situation Indigener im Bundesstaat Acre in Brasiliens Amazonas-Region. Wir wollen Euch hier nur exemplarisch eines von vielen Fallbeispielen vorstellen. Auch weit über Brasilien hinaus erheben Indigene in Zeiten von Corona ihre Stimmen. 

Brasilien ist mit 4.661 infizierten Menschen und 165 Todesfällen (Stand 31.03.2020) derzeit der am meisten von Corona betroffene Staat in Lateinamerika. Dennoch sieht der Präsident des Landes, Jair Messias Bolsonaro keinen Grund zur Sorge. Als „Gripezinha“ (Grippchen) bezeichnete er den Virus während seiner Fernsehansprache an die Nation und schüttelte demonstrativ Menschen die Hand. Gouverneure im ganzen Land wenden sich gegen ihn und erlassen eigene Verordnungen.  Auch die indigenen Völker Brasiliens beobachten die Situation mit Sorge: Sie leiten nun selbst präventive Maßnahmen ein und warten nicht, bis staatliche Institutionen handeln.

Die Ashaninka leben am Fluss Amônea, entlang der Grenze zwischen Brasilien und Peru.

Die Empfehlung der Indigenenschutzbehörde FUNAI, Besuche in indigene Gebiete zu erlauben, solange kein Coronaverdacht vorliege, ist für die Asháninka eine schlechte Idee. Sie entschieden, wie auch viele andere indigene Völker, den Zutritt zu ihren Dörfern und Reservaten zu verbieten, bis die Bedrohung durch den Coronavirus vorüber ist. Sie selber werden bis auf weiteres nicht ihr Land in Richtung der beiden umliegenden Städten Marechal Thaumaturgo oder Cruzeiro do Sul verlassen. Derzeit sind 17 Coronafälle im Bundesstaat Acre nachgewiesen. Die Dunkelziffer liegt vermutlich wie so häufig höher. 

 Wir haben mit Francisco Piyãko gesprochen, einem ihrer Anführer. Er ist Koordinator der Organisation der indigenen Völker des Flusses Juruá (OPIRIJ) und spricht über die aktuelle Situation und den Umgang seiner Gemeinschaft mit dem Corona-Virus. Eigentlich hatte er für diesen April eine Reise nach Europa geplant. Es standen mehrere Termine in Portugal und Deutschland an, darunter ein großer Nachhaltigkeitskongress. 

Francisco, wie Du selbst sagst, befinden wir uns in einer kritischen Situation. Wie lässt sich die Corona-Krise aus indigener Sicht erklären?

Wir verstehen die corona-Krise als Reaktion der Natur. Es ist ein Zeichen, dass der Planet krank ist und wir diesen Planet falsch behandeln. Wir sollten aus dieser Pandemie lernen und sie nicht getrennt von unserem Handeln verstehen. 

Ihr habt Euch entschieden, bis auf weiteres keine Besuche von außen ins Dorf zu lassen. Warum?

Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns zu diesem Schritt entscheiden. Es gab in unserer Geschichte schon einige Situationen, die das erforderten. Wir werden uns für eine Weile zurückziehen und keinen Zutritt von außen zulassen. Ich weiß, dass es nicht einfach zu kontrollieren sein wird, aber diese Maßnahme soll unsere Gemeinschaft schützen. Wir werden unser Volk also keinem Risiko aussetzen, sondern wollen uns frei und autark von unseren Wäldern ernähren. Wir sind uns sehr bewusst über das Risiko und müssen besonders verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Denn in einem Moment wie diesem, wo ein neuartiger Virus eine immense Herausforderung für Wissenschaftler*innen weltweit darstellt, da haben auch wir keine Heilung.

Wie geht es euch in eurem Dorf? Wie ist die Atmosphäre?

Die Atmosphäre ist ausgeglichen, wir sind nicht erschrocken. Wir als Asháninka beobachten und vergleichen dieses Szenario mit anderen Problemen in der Vergangenheit oder der Zukunft. Für uns ist klar, dass wir auf uns und auf unsere Umwelt stetig aufpassen müssen. Die Gefahr besteht nicht darin, dass die Erde stillsteht oder uns die Energieversorgung ausgeht. Unser Leben ist dann in Gefahr, wenn die Umwelt leidet. Es zeigt uns, jedes Mal wieder, wie wichtig der Schutz der Wälder und Flüsse ist. Gerade deswegen ist der anhaltende Kampf um Landrechte und Umwelt so wichtig, denn durch sie leben wir. Die Natur ist die Garantie für unser Leben.

Wie schützt ihr euch vor Krankheiten wie Corona? 

Immer, wenn eine neue Krankheit kam, haben wir die besonders Verletzlichen, Sensiblen oder die Älteren, auch teilweise die Frauen und Kinder an einen sicheren Aufenthaltsort in unseren Territorien untergebracht, damit sie sich nicht anstecken können. Es gibt also schon eine Strategie. Wir haben unsere Vorsorgemaßnahmen und beobachten aufmerksam die Situation.

Ein Satz zu Bolsonaro: Was denkst Du über seinen Umgang mit der Coronakrise?

Die aktuelle Präsident repräsentiert uns nicht. Er ist eine Schande für uns Brasilianer*innen. Das, was er heute in der Praxis macht, ist genau das, was er auch im Wahlkampf angekündigt hat. Er verfolgt seine eigenen Plan, bestehende Strukturen abzubauen und durch neue zu ersetzen, um einen neuen Staat zu schaffen. Also alle Fortschritte, die über lange Zeit errungen wurden, sind jetzt bedroht, abgeschafft zu werden. Das ist jedoch keine Überraschung. Schon im Wahlkampf bezeichnete er die älteren oder ärmeren in der Gesellschaft als ein Problem des Landes, das man überwinden müsse.  Das ist seine Einstellung gegenüber den sozial Schwächeren. Es ist also eine sehr ernste Situation. Wir haben eine  Regierung, die nicht regiert, die sich nicht bewegt.

Was müsste die Regierung oder z.B. die FUNAI tun? Welche Unterstützung brauchen Indigene jetzt?

Leider kann man die FUNAI nicht als seperates Organ sehen, sondern als Teil der jetzigen Regierung. Bolsonaro hat die Regierung militarisiert und die Funai wurde auf Linie gebracht. Sie haben einen gemeinsamem Diskurs, deren Ziel es ist, dass die indigenen Völker nach ihren Vorstellungen in die brasilianische Gesellschaft integriert werden. Wir Indigenen wissen diesen Diskurs sehr gut zu analysieren. Es existiert ein Unterschied darin, sich als Indigene in eine Gesellschaft zu integrieren ohne dabei die eigene Identität, Rechte und Lebensweisen aufzugeben. Für den Präsidenten jedoch bedeutet Integration die Abschaffung von allem, was indigen ist. Sie wollen unsere Rechte abschaffen, in unsere Territorien eindringen, um Ressourcen wie Gold und Holz auszubeuten. Wir aber  werden unsere Rechte nicht aufgeben.

Über den Interessen dieses Präsidenten steht noch immer eine staatliche Politik, die verpflichtet ist, nach der gesetzgebenen Verfassung zu handeln. Wir führen unseren Dialog auf dieser Basis – und nicht mit Bolsonaro. Wir werden nicht über unsere Rechte verhandeln. Sie stehen nicht zur Diskussion, sie sind gesetzllich garantiert und wir werden daran arbeiten, sie zu erhalten. Bolsonaro wird schon bald nicht mehr Präsident sein und der brasilianische Staat muss seinen Verpflichtungen wieder nachkommen

Vielen  lieben Dank, bis bald und alles Gute für Euch!

[Das Interview führte Regina Sonk per Telefon/Whatsapp]

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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