Die verlorenen Säuglinge von Halabja und ihre Schicksale

Giftgas-Angriff auf kurdische Zivilbevölkerung

Autor: Kamil Basergan, Journalist und arbeitet für den WDR. Für den vorliegenden Text stellte ihm der Journalisten Karwan Zirak Nuri sein Interview mit Zmnako zur Verfügung

Das Halabja-Monument erinnert an die Opfer des Giftgas-Angriffs. Zur Gedenkstätte gehört auch ein Museum, in dem sich Besucher über den 16. März 1988 und seine Folgen informieren können.
Foto: © Kamal Sido/GfbV

Kurz vor dem Ende des ersten Golfkrieges zwischen Iran und Irak nimmt der irakische Diktator Saddam Hussein 1988 die eigene Bevölkerung in der kurdisch-irakische Stadt Halabja unter Beschuss – mit Giftgas. Die Stadt versinkt in Nebel und Chaos. Tausende sterben. Eltern verlieren ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. Bis heute gelten Menschen als vermisst. Doch manche Kinder finden nach Jahren ihren Weg nach Hause.

Am 16. März 1988 griffen irakische Kampfflugzeuge die hauptsächlich von Kurden bewohnte Stadt Halabja mit chemischen Waffen an. Die Stadt liegt in der Autonomen Region Kurdistan im Irak nahe der Grenze zum Iran. Mindestens 5.000 Menschen erstickten bei dem Angriff qualvoll. Tausende erlitten dauerhafte Gesundheitsschäden. Viele Menschen erblindeten oder verbrannten sich die Atemwege. Tausende weitere starben nach dem Angriff an dessen Folgen.

In diesem Chaos wurden viele Familien voneinander getrennt: auch Kinder und Säuglinge von ihren Eltern. Viele überlebende Kinder wurden in den benachbarten Iran gebracht. Eines von ihnen war Zmnako, der während der Bombardierung von Halabja drei Monate alt war. Im Iran wurde er von einer Familie adoptiert. Sie nannte ihn „Ali“. Zmnako erzählt in einem Interview mit dem Journalisten Karwan Zirak Nuri vom TV-Sender Kurdsat seine Geschichte. Das Interview stand uns für diesen Artikel zur Verfügung. In dieser Ausgabe erzählen wir Zmnakos Perspektive der Geschichte nach:

„Ich habe gedacht, dass sich Säuglinge niemals aus den Armen ihrer Mütter entfernen würden. Doch als ich sieben Jahre alt war und lesen lernte, fand ich zu Hause einen Brief. Er erzählte die Geschichte meines Lebens – und ein Teil meines Lebens war die Geschichte von Halabja. Ich wusste damals noch nicht, was die Halabja-Katastrophe war und was passiert war. Doch ich verstand, dass ich kein Iraner war. Meine iranische Familie versuchte, mir eine iranische Identität zu verschaffen. Sie wollte diesen Brief auch an die zuständigen iranischen Behörden schicken, um die Probleme meines Lebens zu lösen. Seit diesem Brief war mir klar, dass ich kein Sohn dieses Hauses war.

Auf einem großen Friedhof sind die Opfer des Angriffs bestattet. Auch für Zmnako und andere verschwundene Kinder waren Grabsteine aufgestellt worden. Als Zeichen für sein Überleben und seine Rückkehr steht Zmnakos Namen nun in grüner Farbe auf dem Stein.
Foto: © Kamal Sido/GfbV

Also sagte ich mir: Wenn meine Mutter noch am Leben ist, muss ich in ihre Arme zurückkehren. Ich war verzweifelt und wollte meine Mutter finden, weil ich nicht verstand, warum ich nicht wusste, wer meine Eltern sind, warum? Erst mit 22 Jahren, als ich meine Mutter umarmte, dachte ich, dass ich mein ganzes Leben lang in ihren Armen war.

Nach der Katastrophe in Halabja brachten mich Pasdaran (Angehörige der Iranischen Revolutionsgarde, bilden zusammen mit der regulären Armee die Streitkräfte des Iran; Anm. d. Red.) von der iranischen Armee, die nach Kurdistan einmarschiert waren, von Halabja in den Iran und in eine betreute Kindergruppe. Dort arbeitete eine Frau aus der südiranischen Stadt Abadan als Freiwillige. Sie hatte ihren Mann im Iran-Irak-Krieg verloren und war mit ihren zwei Kindern in die Stadt Maschhad verlegt worden. Diese großzügige Frau nahm mich für ein paar Tage zu sich nach Hause. Dann wurde ich ein Mitglied dieser iranischen Familie. Sie nannten mich „Ali“.

Aufwachsen im Iran

Ich wuchs in dieser Familie auf, lernte nur die persische Sprache. Aber ich hatte das Gefühl in meinem Herzen, dass ich nicht Teil der Kinder war, mit denen ich auf der Straße spielte. Ich hatte keine iranische Identität. Ich habe versucht, mein Anderssein zu verstecken. Aber am Ende wurde es immer offenbart. Ich war zum Beispiel ein guter Fußballtorhüter. Mein Sportverein wollte mich für die oberste Liga auswählen. Das ging aber nicht, weil ich kein Iraner war. Ein anderes Mal sollten wir in der Schule geimpft werden. Ich wurde aus der Reihe genommen und von den anderen getrennt. Dann wussten alle, dass ich kein Iraner war und dass ich anders war als sie. Dieser Moment fühlte sich sehr schlecht für mich an und ich habe ihn nie vergessen.

Ein anderes Mal war ich im Krankenhaus mit meiner iranischen Mutter, nachdem sie einen Verkehrsunfall hatte und es ihr sehr schlecht ging. Es musste die Genehmigung eingeholt werden, um ihre Beine zu amputieren. Ich hatte nicht das Recht mitzuentscheiden, nur meine beiden iranischen Brüder wurden gefragt – dabei war ich es, der sie die ganze Zeit im Krankenhaus pflegte.

Im Alter von 17 Jahren verstärkte sich mein Unglück durch den Tod meiner iranischen Mutter. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich fünf Jahre lang ein sehr hartes Leben. Trotz unserer gemeinsamen Vergangenheit verlor ich meine iranische Familie. Meine iranischen Brüder schlossen mich von der Erbschaft unserer Mutter aus. Ich musste ohne Identität weiterkommen. Ich durfte nicht arbeiten, keinen Führerschein machen und nicht an der Universität anfangen, obwohl ich einen Studienplatz bekommen hatte.

Nach diesen Erfahrungen suchte ich alle zuständigen Stellen auf, um die iranische Identität zu bekommen. So wollte ich meine aktuellen Probleme lösen. Ich reichte beim iranischen Außenministerium einen Asylantrag ein – dabei hatte ich mein Leben lang bisher nur im Iran gelebt. Nach zwei Jahren wurde ich ins Ministerium gebeten und man antwortete mir, dass Iran mich nicht als Flüchtling aufnehmen könne. Mit diesem Bescheid verlor ich all‘ meine Hoffnung und dachte, dass mir jetzt alle Türen verschlossen seien.

Als ich aus dem iranischen Außenministerium heraustrat, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich schaute auf die Wände des Ministeriums. Dort standen etwa 15 Verse. Einer von ihnen war: „Wer von Gott abhängig ist, wird niemanden brauchen“. Durch diesen Vers regte sich etwas in mir, ich gewann neue Hoffnung und war mir plötzlich sicher, dass etwas passieren würde. Das war im Jahr 2009, ich war 21 Jahre alt

Zmnako (rechts) und der Journalist Karwan Zirak Nuri treffen sich für ein Interview.
Foto: © Karwan Zirak Nuri

Die Suche beginnt

Im Internet hatte ich einige Jahre zuvor eine Website für „Opfer chemischer Waffen“ gefunden. Nun schrieb ich den Verantwortlichen dieser Website eine E-Mail, in der ich von meiner Situation erzählte. Durch die E-Mail lernte ich Dr. Shahriar Khateri kennen. Er arbeitet im Friedensmuseum in der iranischen Hauptstadt Teheran. Auch einige Mitarbeiter dieses Museums waren Überlebende des Chemieangriffs auf Halabja. Sie hatten Kontakt in die Stadt.

Dr. Khateri lud mich nach Teheran ein und erzählte mir, dass eine Delegation aus der Region Kurdistan gekommen sei. Außerdem wolle die Ministerin für Märtyrer der Region Kurdistan, Frau Chenar Saad, Anfang 2009 Teheran besuchen. Er sagte, dass wir einen Termin mit ihr vereinbaren würden, damit sie mir helfen könne.

Als ich die kurdische Delegation traf, war es das erste Mal, dass ich fühlte, dass jemand hinter mir stand. Sie sprachen untereinander darüber, dass „die Gestalt dieses Jungen wie eines Menschen aus Halabja aussieht.“ Das war der Beginn einer größeren Hoffnung darauf, eine Identität zu bekommen und meine Familie finden zu können. Am liebsten wäre ich direkt mit der Delegation nach Kurdistan aufgebrochen. Doch das ging nicht, weil ich keine Dokumente hatte. Erst mit Hilfe und auf Einladung des Ministeriums für Märtyrer und dank dessen Beziehungen durfte ich schließlich die Grenze zwischen Iran und Irak passieren.

Ein paar Kilometer vor Halabja schaute ich aus dem Autofenster und betrachtete die Ebenen. Ich erinnerte mich, dass ich diese Orte auf einem Bild gesehen hatte. Es fühlte sich seltsam an, dass dies mein Geburtsort war. In Halabja angekommen, standen fünf Familien am Halabja-Monument (Gedenkstätte an die Opfer des Giftgas-Angriffs; Anm. d. Red.), deren Kinder verschwunden waren und die hofften, in mir ihr verlorenes Kind anzutreffen. Als ich aus dem Auto stieg, sah ich die Leute und sie alle sahen mich an. Aber ich versuchte, mich auf niemanden zu fokussieren, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Ich wollte sie nicht untröstlich machen. Sie luden mich ein, aber ich ging nicht zu ihnen.

Dann wurden uns DNA-Proben entnommen und diese nach Jordanien geschickt. In einem Monat sollten wir die Ergebnisse bekommen. Für die Zwischenzeit kehrte ich in den Iran zurück. Aber als ich dann wieder nach Kurdistan einreisen wollte, ließen sie mich die Grenze nicht überqueren. Ich wollte mich über die Grenze schmuggeln und sprach sogar mit einigen Schmugglern darüber. Aber dann half mir Dr. Khateri erneut und schickte mich legal nach Kurdistan.

Die restliche Wartezeit verbrachte ich in der kurdischen Stadt Sulaimaniyya und übernachtete in einem Hotel. Kurz darauf wurde ich informiert, dass die DNA-Ergebnisse vorlägen und ich das Kind einer der fünf Familien sei. An diesem Tag war ich sehr ängstlich und ging bis 3 Uhr morgens auf den Straßen spazieren. Ich konnte nicht schlafen.

Das verlorene Kind kehrt zurück

Am nächsten Tag fuhren wir nach Halabja. In einer großen Zeremonie, die live auf dem TV-Sender Kurdsat übertragen wurde, sollten die Untersuchungsergebnisse bekannt gegeben werden, nachdem auch das Gericht von Halabja seine Zustimmung gegeben hatte. Viele Leute waren bei der Zeremonie anwesend. Ich betrat den Saal und setzte mich hin. Ich hielt Bilder meiner iranischen Mutter, Kubra Hamid Pur, in der Hand. Ich weinte, denn solange sie lebte, sagte sie mir, dass ich, Ali, durch ihre Hände an meine leiblichen Verwandten übergeben werden würde. Daher war mir bis zu diesem Moment niemand außer meiner iranischen Mutter in den Sinn gekommen, der dies hätte tun können. Sie war aber leider nicht mehr am Leben und auch an diesem Tag nicht mit mir.

Der Arzt mit den Ergebnissen der DNA-Analyse trat ans Mikrofon und ergriff das Wort: „Heute werden wir das Ergebnis bekannt geben und wir werden uns über einen älteren Sohn freuen.“ Und er sagte: „Ali, Sohn von Fatima Muhammad Salih.“ In dem Moment schrien viele Anwesende im Saal laut auf und alle fingen vor Freude und auch vor Trauer an zu weinen. Ich ging zuerst zu den vier anderen Familien und tröstete sie. Ich sagte: „Ich bin auch euer Sohn.“ Dann, als ich meine Mutter umarmte, fühlte ich, dass ich mein ganzes Leben lang bei ihr gewesen war. Ich fühlte mich sehr wohl und glücklich, keine Spur von Unbehagen. Das war der Beginn eines anderen Lebens, diesmal mit meiner echten Mutter.

Ich erzählte meiner Mutter von meinem Leben im Iran. Wir hatten eine gute Zeit und es wurden schöne Anlässe und Treffen für uns organisiert. Ich lernte die kurdische und englische Sprache. Später studierte ich mit Hilfe eines Stipendiums der Regionalregierung Kurdistan IT-Ingenieurwesen an der American University of Iraq – Sulaimani in der Stadt Sulaimaniyya. Im Jahr 2015 bestand ich meinen Master-Abschluss mit sehr gut. Jetzt arbeite ich als IT-Ingenieur in einem IT-Unternehmen.

Im Jahr 2011, zwei Jahre nach dem Wiedersehen mit meiner Verwandtschaft, habe ich geheiratet. Mittlerweile haben wir eine Tochter, die „Maya“ heißt. In der alten Religion des Zoroastrismus bedeutet Maya „Großzügigkeit“. Den Namen haben wir gewählt, weil ich meine iranische Mutter nicht vergessen möchte. Sie war in ihrem Leben sehr großzügig. Ich versuche immer, ihre Erinnerung am Leben zu erhalten. Jetzt sagt meine Tochter zu ihrer Mutter das persische Wort „Maman“, so wie ich meine iranische Mutter nannte. Ich möchte, dass dieses Wort für immer in meinem Haus bleibt .“

Zmnako wusste nicht, dass am 16. März 1988 zur gleichen Zeit seines Verschwindens sein Vater, seine vier Brüder und seine Schwester in den Chemieangriffen starben. Wegen der Schreie des älteren Bruders legte seine Mutter Fatima Zmnako auf eine nasse Decke. Sie wollte nach ihrem anderen Sohn schauen und ihm helfen. Das war die letzte Umarmung zwischen Zmnako und seiner Mutter. Kurz darauf ging auch Fatima durch die Auswirkungen der Chemikalien machtlos zu Boden. Sie konnte in dem Moment keinem ihrer Kinder helfen und nicht zu Zmnako zurückkehren. Danach verlor Fatima für einige Monate ihre Sehkraft. Auf diese Weise blieb Zmnako seinem Schicksal überlassen, bis er nach 22 Jahren seine Mutter wiederfand.

Ein Regisseur erzählte die Geschichte von Zmnako in einem Dokumentarfilm und brachte ein weiteres vermisstes Kind unter dem Namen Muhammad Amin mit nach Halabja. Als Zmnako Muhammad Amin kennenlernte, wollte er ihm mit seinen eigenen Erfahrung helfen, auch dessen Familie wiederzufinden – mit Erfolg. Sie war eine der vier Familien, die bei der Zeremonie der Bekanntgabe von Zmnakos Rückkehr vergeblich auf eine Wiedervereinigung mit ihrem verlorenen Kind gehofft hatte.

Zmnako sagt: „Als ich im Iran war, erfand ich Geschichten für mich selbst und sah mir ein Bild von einem Kind in den Armen seiner Mutter an. Ich fühlte mich, als wäre ich in den Armen meiner Mutter. Eines Tages als ich vier Jahre alt war, schlief ich und meine Tante (die Schwester meiner iranischen Mutter) erzählte später, dass ich aufgewacht sei und gesagt habe, dass der Name meiner Mutter Fatima sei.“

Zmnako war glücklich, nach 22 Jahren seine Mutter Fatima kennenzulernen. Aber dies ist nur die Geschichte einer Person. Es leben immer noch viele andere kurdische Familien in Ungewissheit um ihre Angehörigen. Einige überlebten vielleicht an anderen Orten. Die Bemühungen, sie zurückzubringen, laufen sehr langsam.


Der Artikel erschien in unserer Zeitschrift Für Vielfalt Ausgabe 6/21

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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