Indigene Kandidat*innen bei der US-Wahl 2020

Autorin: Sarah Schmitz, Praktikantin in der digitalen Kommunikation

Bild: Jens-Olaf Walter via flickr (CC BY-NC 2.0)

Denken wir an die anstehenden Wahlen in den USA fallen wohl vor allem die Namen Trump und Biden. Aber nicht nur der Präsident wird gewählt, sondern auch 435 Abgeordnete des Repräsentantenhauses, 35 der 100 Senator*innen, 13 Gouverneur*innen, sowie die Parlamente von 44 der 50 Bundestaaten. Welche Rolle spielen dabei indigene Kandidat*innen?

#allthepeople

Einer von ihnen ist Mark Charles. Er tritt als parteiunabhängiger Kandidat für das Amt des Präsidenten an und gehört zum indigenen Volk der Navajo.

Die Navajo, die sich selbst auch Diné nennen, haben über 300.000 Stammesangehörige in den USA. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in der Navajo-Nation-Reservation, einem Gebiet so groß wie Bayern. Es nimmt Teile der Staaten New Mexico, Utah und Arizona ein.

Als Sohn eines Navajo-Vaters und einer amerikanischen Mutter mit niederländischen Wurzeln, ist er in unterschiedlichen Kulturkreisen großgeworden. Aufgewachsen ist er in Gallup, New Mexico, einer Grenzstadt der Navajo Nation. Allerdings hat er von der 1. bis zur 12. Klasse dort eine christliche Schule besucht und so das traditionelle Navajo-Leben in seiner Kindheit nicht miterlebt.

Sein größtes Anliegen mit Blick auf das Amt des Präsidenten ist, das Zitat aus der Verfassung der USA we the people of the United States so auszulegen, dass es auch wirklich alle Menschen einschließt. Aktuell seien people of color, Indigene, Frauen, Latinos und andere marginalisierte Gruppen ausgeschlossen. Eigentliche müsse es white, land-owning men heißen.

Anfang der 2000er hat Charles sich dazu entschieden mit seiner Familie in der Navajo Nation zu leben. Drei Jahre lang lebten sie auf einer Schaffarm, ohne fließendes Wasser und Elektrizität, in Hütten und der Natur ausgesetzt. Insgesamt lebten sie 11 Jahre dort, heute wohnt er in Washington D.C.

Was ihn in dieser Zeit besonders geprägt und getroffen hat, war die Einsamkeit und die Marginalisierung, die sie dort gespürt haben. Es gebe zwei Gruppen von nicht-indigenen die in das Reservat kommen – die Wohltätigkeitsorganisationen und diejenigen, die von dir ein Foto machen wollen. Es gebe wenig Interesse daran die Indigenen persönlich und als Menschen kennenzulernen. Stattdessen sei man ein Projekt, dass interessant zu untersuchen sei.

White supremacist

Aus seiner Sicht ist die Gesellschaft und die Politik in den USA zutiefst white supremacist (Menschen, die an die Überlegenheit der Weißen glauben), rassistisch sowie sexistisch. Er tritt als freier Kandidat an, weil er nicht Teil des zwei-Parteien-Systems sein will.

Hat Charles Chancen auf das Amt des Präsidenten?

Wohl kaum. Gerade die diesjährige 59. Wahl für das Amt des US-Präsidenten steht unter dem Vorzeichen der tiefen Spaltung des Landes. Zweigeteilt, zwischen Donald Trump und Joe Biden. Weitere Kandidat*innen sind weitestgehend unbekannt, auch weil ihnen nicht die (finanziellen) Mittel der beiden großen Parteien zur Verfügung stehen. Trotzdem ist die Kandidatur von Mark Charles ein wichtiges Zeichen und zeugt von symbolischem Charakter. Es zeigt, dass die Indigenen der USA eine Stimme haben, die endlich gehört und beachtet werden sollte!

Immer mehr indigene Frauen bei US-Wahlen

Die Grafik schließt auch die mit ein, die möglicherweise bereits die erste Wahlrunde verloren haben. (Quelle: http://wellbriety.com/your-vote-matters-campaign-communication-4/)

Das sich Indigene immer mehr an der US-amerikanische Politik beteiligen wollen zeigt auch diese Grafik. 18 von ihnen treten für den Kongress an, 15 für das Repräsentantenhaus und drei für den Senat. Demnach sind es 2020 so viele indigene Frauen wie nie zuvor.

Die USA wählen seit 230 Jahren Präsidenten, aber nur der erste – George Washington – wurde als unabhängiger Kandidat gewählt. Neben Trump und Biden treten dieses Jahr insgesamt 1216 Kandidat*innen für das Amt des Präsidenten an (Stand 09.10.20 und laut der britischen Nachrichtenagentur BBC nicht alle ganz ernst gemeint). Was alle parteiunabhängigen Kandidat*innen eint ist, dass sie nicht die Werte einer Partei vertreten müssen um eine Plattform zu bekommen. Sie sind davon frei und beschäftigen sich mit Themen, die sie persönlich für wichtig erachten.

Sally Ann Gonzales

Eine Indigene Frau, die sich in der Politik angagiert ist die Demokratin Sally Ann Gonzales. Sie ist in der Yaqui Gemeinschaft von Guadalupe, Kalifornien aufgewachsen. Bereits von 2011 bis 2019 war sie Mitglied im Repräsentantenhaus von Arizona, für den sie jetzt erneut kandidiert.

Gonzales hat 5 Kinder und 22 Enkelkinder und auch ihr Mann ist im Yaqui Tribal Council politisch aktiv. Sie selbst war dort von 1992 bis 1998. Ausgebildet wurde sie an der Arizona State University sowie der University of Arizona, an der sie einen Master in multicultural education absolviert hat. Dort war sie auch 1995 für ein Jahr Lehrerin und Programmkoordinatorin für das Programm manos a la vida, ein Forschungsprojekt für Frauen mit Brustkrebs aus den hispanischen Gemeinschaften im Süden Arizonas und dem nördlichen Mexiko.

Allgemein setzt sie sich für Bildungsgleichheit, Frauenrechte, Kinderrechte und Arbeitnehmerrechte ein. Im Repräsentantenhaus hat sie sich u.a. für folgende Themen stark gemacht: Fremdsprachenunterricht, Sonnenenergie und saubere Energie, Lehrergehälter, Mutterschaftsgeld, postpartale Betreuung und Bandenprävention.

Sally Ann Gonzales ist eine erfahrene Frau in der Politik, sie kennt die Belange der Indigenen und weiß sich für sie stark zu machen. Sie kann Vorbild für junge Indigene sein, sich einzumischen und für die Rechte von ihren Gemeinschaften einzustehen.

Insgesamt positive Entwicklung

Kandidat*innen wie Mark Charles und Sally Ann Gonzales machen Hoffnung auf mehr Diversität in der US-amerikanischen Politik. Klar ist aber auch, dass es noch viel zu tun gibt, bis diese in den Parlamenten, Kongressen und auf dem Präsidentenstuhl angekommen sind. Denn eine Kandidatur allein reicht eben nicht.


Quellen:

https://www.markcharles2020.com/

https://www.nhonews.com/news/2019/jun/11/mark-charles-who-navajo-enters-2020-presidential-r

https://www.nhonews.com/news/2019/jun/11/mark-charles-who-navajo-enters-2020-presidential-r/

https://www.bbc.com/news/election-us-2020-54334173

https://ballotpedia.org/Sally_Ann_Gonzales

Weiterführende Links:

YouTube Video über Mark Charles: https://www.youtube.com/watch?v=_livxZNCQeU&feature=youtu.be

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

Ein Gedanke zu „Indigene Kandidat*innen bei der US-Wahl 2020“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s