Im Sudan findet gerade die größte Vertreibungskrise der Welt statt. Schon vor dem aktuellen Konflikt lebten viele Menschen als Binnenvertriebene oder Geflüchtete. 28 Prozent der Menschen, die vor April 2023 bereits vertrieben waren, mussten erneut fliehen [1]. Sie kommen in Unterkünften innerhalb und außerhalb des Sudans unter. Über die Erlebnisse von Geflüchteten, vor allem Frauen und Mädchen, haben wir mit einer der Gründerinnen der Bana Group, einer sudanesischen Hilfsorganisation gesprochen.
Text: Paula Fischer, Praktikantin im Menschenrechtsreferat
Symbolfoto: Darfur 2015, Hamid Abdulsalam/Unamid
Das Leiden im Krieg
Seit April 2023 herrscht im Sudan ein verheerender Krieg. Nach dem Zusammenbruch der zivilen Regierung übernahm die sudanesische Armee die Kontrolle, doch der Versuch, die Rapid Support Forces (RSF) zu integrieren, führte zu gewaltsamen Konflikten. Beide Seiten nutzen die Zivilbevölkerung für Propaganda und Mobilisierung.
Der Sudan ist seit Langem von Konflikten wie dem Krieg in Darfur und der Abspaltung des Südsudan geprägt. Der anhaltende Konflikt hat die Infrastruktur zerstört und die Grundversorgung kollabieren lassen. Terrorisierung, Plünderungen und Gewalt zwingen viele Menschen zur Flucht.
Frauen und Kinder sind besonders von den Auswirkungen des Kriegs betroffen. Laut dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen ist dies die weltweit größte Kinder-Vertreibungskrise, da mehr als die Hälfte der Binnenvertriebenen keine 18 Jahre [2] alt sei. Fast vier Millionen Kinder leiden an Unterernährung [3], was die humanitäre Lage verschärft. Trotz des anhaltenden Krieges, der zu mehr als elf Millionen Geflüchteten [4] geführt hat, bleibt die Krise weitgehend unbeachtet in den deutschen Medien wie der deutschen Öffentlichkeit.
Einige wenige Hilfsorganisationen sind noch aktiv im Sudan und versuchen Aufmerksamkeit auf die Situation zu lenken. Zu ihnen gehört die sudanesische Hilfsorganisation Bana Group for Peace and Development, die Workshops für Frauen* anbietet, in die Unterkünfte von Geflüchteten geht, um ihnen vor Ort zu helfen, und internationales tätig ist, um politisch Verantwortliche zu informieren und ins Handeln zu bringen. Unser Team hatte die Möglichkeit mit Saida Mohamed Hussein Ibrahim, eine der Gründer*innen dieser Organisation, zu sprechen und sie zu der aktuellen Situation im Sudan zu befragen.
Keine sichere Zuflucht
Ein Großteil der Menschen, der aus dem Sudan flieht, bleibt innerhalb der Landesgrenzen. Mehr als drei Millionen Menschen haben das Land verlassen und wurden beispielsweise vom Tschad oder Ägypten als Geflüchtete aufgenommen. Doch viele könnten es sich finanziell nicht leisten außer Landes zu fliehen, erklärt uns Saida im Interview [5]. Stattdessen zögen sie von Stadt zu Stadt oder von Dorf zu Dorf. Besonders schwierig sei die Situation in den Regionen Darfur, Blauer Nil und Süd-Kordofan, die die meisten Binnenvertriebenen aufgenommen hätten. In Nord-Darfur befinden sich mehr als eineinhalb Millionen und im Süden nochmal mehr geflüchtete Menschen [6]. Besonders die Menschen im Staat Khartum eingeschlossen der sudanesischen Hauptstadt, seien von dem Konflikt betroffen. Jeder Dritte, derdie vor dem Krieg dort gewohnt hat, ist geflohen [7].
Hilfsorganisationen haben kaum Zugang zu Hilfsbedürftigen, da die sudanesische Regierung logistische und administrative Hindernisse schafft. Dadurch sind viele Geflüchtete abgeschirmt und können keine Hilfe erhalten. Studien des Norwegian Refugee Councils zeigen, dass 75 Prozent der Binnenvertriebenen in zerstörten Häusern leben und circa ein Drittel mit mehreren Haushalten ein Zimmer teilen [8]. Oft nehmen Verwandte oder Freund*innen Geflüchtete auf, bis sie aufgrund neuer Entwicklungen im Krieg selbst fliehen müssen.
Die meisten Unterkünfte sind jedoch improvisiert: Viele Menschen leben in verlassenen Schulgebäuden oder Studierendenwohnheimen, die nicht für den langfristigen Aufenthalt geeignet sind. Diese Wohnsituationen sind geprägt von Überfüllung, Sicherheitsrisiken und einem Mangel an Privatsphäre. Es fehlt dort an grundlegenden Dingen wie Bettdecken, Moskitonetzen und Solarlichtern. Mit der Wiedereröffnung der Schulen droht eine erneute Vertreibung [9].
Andere Geflüchtete leben in Zelten in der Wüste, oft außerhalb offizieller Zählungen und ohne Zugang zu Hilfsprogrammen. Die Bedingungen sind prekär und die Gefahr von Überfüllung, Krankheiten und Gewalt ist groß. Besonders betroffen von der Flucht sind Frauen und Kinder. „Die Männer werden entweder umgebracht oder bleiben zurück, um das Haus zu beschützen“, erklärt uns Saida. „Die Realität ist, dass von 20 Familien nur zwei mit einem Vater fliehen.“
Gewalterfahrung von Frauen und Mädchen
„Es gibt viele Fälle sexueller Gewalt“, schildert Saida. Vor allem Frauen seien auf der Flucht in Gefahr Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt zu werden. Während der Flucht müssen sie oftmals Regionen durchqueren, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert werden [10]. Angekommen in den Flüchtlingslagern ergeht es ihnen auch nicht besser. „Besonders junge Mädchen erfahren diese Gewalt von den Personen, die die Camps leiten. Denn es gibt einen Mangel an Essen. Einige Frauen und Mädchen sehen sich gezwungen, Sex gegen Nahrung einzutauschen“, erklärt Saida.
Wenig Zahlen, also auch keine Probleme mit Gewalt?
Die Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt seien oft ungenau, da viele Verbrechen nicht gemeldet würden. Denn Vorfälle sind stark mit Scham und sozialem Stigma [11] verknüpft, die Frauen und Mädchen davon abhalten, ihren Familien oder offiziellen Stellen von ihrer Erfahrung zu erzählen. „Die Scham, die auf diese Vorfälle folgt. Sie bevorzugen es, still zu sein und es nicht zu melden. Sie haben Angst vor ihren Angehörigen und vor der Gesellschaft.“ Frauen benötigen dringend essenzielle Hilfsmittel wie Hygienepakete, medizinische Versorgung und psychosoziale Unterstützung. Schätzungen von UN-Women zufolge gab es vor dem Krieg etwa drei Millionen Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt, diese Zahl sei nach Ausbruch des Krieges auf mehr als vier Millionen angestiegen ist [12].
Bei diesen schwierigen Bedingungen setzen Organisationen wie die Bana Group an. Sie bieten Workshops zu den Themen Gesundheit, Empowerment und Bildung an sowie Unterstützung speziell für Frauen, um ihnen zu helfen, mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen und praktische Lösungen zu finden. Wir arbeiten mit Saida und der Bana Group zusammen.
Die Geflüchteten im Sudan brauchen dringend Unterstützung. Es liegt auch an uns, ihre Stimmen zu verstärken und dazu beizutragen, dass diese Krise nicht vergessen wird. Wie kannst Du aktiv werden?
• Informiere dich weiter über die Situation im Sudan. Sieh dir beispielsweise den Film der Bana Group „Forgotten Voices“ an, mit dem die Organisation über die Geschehnisse aufklären will. Unsere Filmvorstellungen findest du hier.
• Sprich mit Freund*innen und Familie. Leite diesen Blogartikel an mindestens eine Person weiter. Wenn du in Kontakt bleiben willst: abonniere unseren Newsletter oder folge uns auf Social Media.
• Schau hier nach, ob gerade eine Unterschriftaktion für den Sudan läuft. Schick sie auch an eine andere Person weiter.
• Setze dich für politische Aufmerksamkeit ein: Schreibe an deine politischen Vertreter*innen, um sie auf die Lage im Sudan aufmerksam zu machen.

Saida Mohamed Hussein Ibrahim stammt aus der Region West-Kordofan im Sudan und ist eines der Gründungsmitglieder der sudanesischen Organisation Bana Group for Peace and Development. Vor Ausbruch des Kriegs hat sie in Khartum gelebt und gearbeitet. Nachdem durch den Krieg auch das Büro der Bana Group zerstört wurde, floh sie gemeinsam mit ihrer Familie in einen anderen Bundesstaat Aktuell lebt und arbeitet Saida in Uganda.
Quellen
[1] IOM UN Migration. (2024). Deplacement Tracking Matrix (DTM) (2024). Sudan Mobility Overview (3). Bi-Montly Report September-Oktober 2024.
[2] IOM UN Migration. (2024). Deplacement Tracking Matrix (DTM) (2024). Sudan Mobility Overview (3). Bi-Montly Report September-Oktober 2024.
[3] https://www.unhcr.org/news/stories/sudanese-refugee-foster-families-offer-hope-and-home-lone-children
[4] https://reporting.unhcr.org/operational/operations/sudan?_gl=1*7vgfoq*_gcl_au*NDAwNjQ1NTQxLjE3MzIyMDM1Mjc.*_rup_ga*MjEyNzgzMzc1MS4xNzMyMjAzNTI4*_rup_ga_EVDQTJ4LMY*MTczMjI2MTc5MS4yLjAuMTczMjI2MTc5MS42MC4wLjA.*_ga*MjEyNzgzMzc1MS4xNzMyMjAzNTI4*_ga_X2YZPJ1XWR*MTczMjIwMzUyNy4xLjAuMTczMjIwMzUyNy42MC4wLjA.&year=2022
[5] Interview mit Saida, Gesprächsführung Paula Fischer, 18.11.2024, Göttingen.
[6] IOM UN Migration. (2024). Sudan Crisis: Regional Response
[7] the-regional-displacement-crisis-triggered-by-the-sudan-conflict.pdf
[8] https://www.nrc.no/globalassets/pdf/reports/the-state-of-shelter-in-conflict-affected-countries/the-state-of-shelter_nrc.pdf
[9] https://www.nrc.no/globalassets/pdf/reports/the-state-of-shelter-in-conflict-affected-countries/the-state-of-shelter_nrc.pdf
[10] United Nations Women. (2024). Sudan crisis: In-depth gender assessment report.
[11] United Nations Women. (2024). Sudan crisis: In-depth gender assessment report.
[12] United Nations Women. (2024). Sudan crisis: In-depth gender assessment report.
