Wenn tibetische Dörfer zugunsten einer Staudamm-Flutung umgesiedelt werden, ist oft unklar, ob ihre Bewohner im Gegenzug ein Gebiet erhalten, auf dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Foto: Tenace10/Wikipedia CC BY-SA 4.0

„Wer auch nur ein Foto vom Inneren Tibets rausschickt, riskiert Freiheit und Leben“

Besuch des Präsidenten der tibetischen Exilregierung in Berlin

Zurzeit weilt Sikyong Penpa Tsering, Vorsitzender der tibetischen Exilregierung [1], in Europa. Er wurde 2021 von den Tibeter*innen im Exil demokratisch zu ihrem Präsidenten gewählt. Im Rahmen seines Besuchs empfingen er und sein Team in Berlin Vertreter*innen unserer Organisation. Während des Treffens berichtete Sikyong Penpa Tsering über die tibetischen Proteste im Bezirk Derge im Februar sowie darüber, welche Auswirkungen diese auf die Meinungsfreiheit haben könnten.

Text: Salome Müller, Mitarbeiterin bei der Zeitschrift „Für Vielfalt“

Foto: Wenn tibetische Dörfer zugunsten einer Staudamm-Flutung umgesiedelt werden, ist oft unklar, ob ihre Bewohner im Gegenzug ein Gebiet erhalten, auf dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Tenace10/Wikipedia CC BY-SA 4.0

Mitte Februar kam es im Bezirk Derge (Kardze, Sichuan) zu größeren Demonstrationen. Die lokale Bevölkerung protestierte gegen den Bau eines Staudamms zur Stromproduktion am Drichu-Fluss (chin. Name Jangtse). Weshalb?

Für den Damm sollen Klöster geflutet werden, die mehr als 600 Jahre alt sind. Dies bedeutet die Zerstörung eines sehr wichtigen kulturellen Erbes. Beispielsweise gibt es in den Klöstern Wandmalereien, die nicht an einen anderen Ort mitgenommen werden können. Auch sollen flussaufwärts Dörfer zugunsten der Flutung umgesiedelt werden. Doch hier stellt sich die Frage, ob ihre Bewohner*innen im Gegenzug ein Gebiet erhalten, auf dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Bislang ist unklar, wohin die Menschen umziehen sollen; Das Bauvorhaben birgt für sie viele Unsicherheiten.

Beim Bau des Staudamms am Drichu-Fluss würden sechs buddhistische Klöster zerstört:
Yena, Wonto, Khardho, Rabten, Gonsar und Tashi. (Symbolbild)
Foto: ottmarliebert.com/Wikipedia (CC) BY-SA 2.0

Bei solchen Erschließungsprojekten der chinesischen Behörden wird die lokale Bevölkerung nicht einbezogen oder angestellt. Sie profitiert also nicht von der Entwicklung, sondern die Projekte führen zu sozialen Problemen. Die Behörden unternehmen vor derartigen Bauvorhaben auch keinerlei Prüfungen der Umweltauswirkungen und es gibt keine Rechenschaftspflicht.

Ist es der tibetischen Bevölkerung unter dem Joch des chinesischen Sicherheitsapparats möglich, sich gegen solche Staudammprojekte auszusprechen?

Wenn eure Häuser unter Wasser stehen, wenn eure Klöster unter Wasser stehen und eure gesamte Lebensgrundlage auf dem Spiel steht, dann habt ihr keine andere Wahl, als zu protestieren. Doch dafür ist kein Raum: Unmittelbar nach den Protesten hat die chinesische Regierung herausgefunden, wer Bilder davon in den sozialen Medien verbreitet hatte. Die chinesische Regierung ist sehr wachsam.

Ich denke, dass es auch im restlichen China viele Proteste gibt. Die Frage ist jedoch, ob es die internationale Gemeinschaft mitbekommt. Die Kontrolle durch China ist so streng, dass keine Belege dafür zu westlichen Medien dringen können: Wer auch nur ein Foto vom Inneren Tibets rausschickt, riskiert Freiheit und Leben. Um Absender*innen zu finden, suchen die Sicherheitsbehörden nicht nur in der Region, sondern sogar in den umliegenden Regionen. Journalist*innen und Diplomat*innen ist es nicht erlaubt, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen.

Sikyong Penpa Tsering (2.v.l.) trifft in Berlin mit der Repräsentantin des Dalai Lama
bei den Vereinten Nationen in Genf, Thinlay Chukki (4.v.l.), Vertreter*innen der Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker: Jasna Causevic,
Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung, Roman Kühn, Direktor,
Salome Müller, Mitarbeiterin bei der Zeitschrift „Für Vielfalt“ und Hanno Schedler,
Referent für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung (v.l.n.r.).
Foto: © GfbV

Was bedeutet dies in Zukunft in Bezug auf die Meinungsfreiheit? Werden solche Proteste in Tibet noch möglich sein? Werden Bilder davon nach außen gelangen können?

Solange die chinesische Regierung ihre Politik nicht ändert, wird dies meiner Meinung nach so bleiben. Die ganze Welt entwickelt sich in Richtung Multikulturalismus, nur China unter Präsident Xi Jinping verfolgt einen Kurs des Unikulturalismus. Dieser geht auf Kosten der Identität aller Nationalitäten – einschließlich der der Tibeter, Uiguren und Mongolen. Wir sind im 21. Jahrhundert und doch haben wir noch Länder wie China, die sehr undurchsichtig sind und sich dem uneingeschränkten Blick von außen versperren. Ständig verkündet die chinesische Regierung, dass Tibet ein sozialistisches Paradies sei. Warum erlaubt sie es Menschen von außerhalb denn nicht, dieses Paradies in Augenschein zu nehmen?

Aber wir sind Buddhist*innen. Wir glauben, dass nichts für immer ist. Die westliche Psychologie sagt auch: Der Wandel ist die einzige Konstante. Hier in Deutschland haben Sie den Fall der Berliner Mauer erlebt: Wandel muss kommen. Und der Weg, den Xi Jinping beschreitet, beschleunigt diesen Wandel nur.

[1] Diese wird im englischsprachigen Original als Central Tibetan Administration (CTA) bezeichnet. Penpa Tsering ist in seiner Funktion als der Vorsitzende (Sikyong) des Ministerrats (Kashag) der CTA mit Sitz im indischen Dharamshala. Die Amtszeit des Sikyong und des siebenköpfigen Kashags beträgt fünf Jahre. Das Amt des Sikyong als politischer Führer der Exiltibeter*innen wurde geschaffen, als der 14. Dalai Lama 2011 diese Rolle an ihn abgab. Seither ist der Dalai Lama nur noch das geistliche Oberhaupt im tibetischen Buddhismus.

[Info]
Salome Müller führte das Interview am 6. Mai 2024 bei einem Treffen mit Sikyong Penpa Tsering. Anschließend übersetzte sie es vom Englischen ins Deutsche. Dabei wurde es sprachlich leicht angepasst und gekürzt.

Mehr von Sikyong Penpa Tsering erfahren Sie in der 4/2024-Ausgabe der Zeitschrift „Für Vielfalt“ zum Thema „Rohstoffe“. Er erzählt in einem längeren Interview von einer kostbaren natürlichen Ressource Tibets: Wasser. Die Ausgabe erscheint im September 2024.

Weiterführend: In der Ausgabe „Politische Gefangene: Jeder Tag in Haft“ handelt folgender Artikel von der Haft einer tibetischen Nonne in einem chinesischen Gefängnis.

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