„Keine Entscheidungen über uns – ohne uns“

Reisebericht Namibia

„Es ist Zeit, dass wir Nama für unsere Rechte einstehen!“ Der ältere Herr, der seinen Redebeitrag soeben mit dieser Forderung abgeschlossen hat, klappt seinen Konferenzstuhl wieder nach unten und setzt sich hin. Die anwesenden Nama-Vertreter*innen reagieren mit Applaus oder zustimmenden Rufen. Es ist Tag zwei des Workshops „Indigenous Reflections on Green Hydrogen Production in Southern Namibia“ (deutsch: Indigene Reflektionen über die Produktion von grünem Wasserstoff im südlichen Namibia) und wir sind mitten in den Diskussionen über das, was wir bisher gehört haben.

Text: Michaela Böttcher, stellv. Bundesvorsitzende der GfbV

Fotos: Michaela Böttcher, stellv. Bundesvorsitzende der GfbV

Das Auditorium ist gefüllt mit hochrangigen Nama-Vertreter*innen, die alle für diesen Workshop ins ehemalige Lüderitz (heute ǃNamiǂNûs, die Sonderzeichen stehen dabei für Klicklaute) im Süden Namibias an der Atlantikküste angereist sind. Während der Ausblick auf den Ozean durch schwarze Fenstervorhänge blockiert ist, wird hier drinnen im Auditorium heiß diskutiert.

„Es ist ein wichtiger und sehr entscheidender Workshop“, hatte Johannes Ortmann, Vorsitzender des technischen Organisationskomitees der NTLA, in seiner Begrüßungsrede am Dienstag, 9. April 2024, mitgeteilt. NTLA steht für Nama Traditional Leaders Association. Gemeinsam mit uns, der Gesellschaft für bedrohte Völker, und der Hering-Stiftung hat die NTLA den Workshop organisiert.

Intensive Vernetzung rechts und links

Drei Tage sind angesetzt für die Workshops. Drei Tage, in denen sich die Vertreter*innen und Oberhäupter der Nama mit Lokalpolitiker*innen, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen austauschen können. Drei Tage, in denen wir, der Direktor der GfbV Roman Kühn und ich, die stellvertretende Bundesvorsitzende Michaela Böttcher, mit im Auditorium sitzen und zuhören.

Sima Luipert, Sekretärin für internationale Angelegenheiten
der Nama Traditional Leaders Association hielt ein sehr
passioniertes Plädoyer.

Unsere Aufgabe: zuhören und unterstützen

Schließlich ist unsere Aufgabe vor Ort ganz klar: Hören, was die Nama-Gemeinschaft sich von Deutschland wünscht und überlegen, wie wir den Wünschen und Forderungen Gehör verschaffen. Unsere Arbeit beginnt also erst so richtig, wenn der Workshop vorbei ist. Das Ziel des Workshops für die Nama ist, dass sie Hintergrundinformationen zum Green-Hydrogen-Projekt bekommen und Lösungsstrategien für ihre Gemeinschaft entwickeln. Denn dieses Projekt hat es in sich.

Grüner Wasserstoff auf Namaqualand

Das Projekt, das auch von deutschen Steuergeldern mitfinanziert wird, soll auf dem sogenannten Namaqualand, also dem angestammten Gebiet der Nama, umgesetzt werden. Trotzdem wurden die Nama bisher nicht bei der Projektentwicklung berücksichtigt. Dabei sind die rechtlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen eines solchen Projekts auf indigene Gemeinschaften in Namibia weitgehend unbekannt. Umso wichtiger ist es, die Nama in alle Schritte der Projektentwicklung zu integrieren. Diese Forderung ist es auch, die immer wieder in den Diskussionen aufkommt und am Ende des Workshops klar formuliert wird.

Eine Nama-Angehörige erklärt für alle im Raum auf Nama, was Grüner Wasserstoff ist.

„Keine Entscheidung über uns – ohne uns“, so forderte Gaob Johannes Isaak bereits in seiner Eröffnungsansprache. Gaob ist das höchste Amt bei den Nama und mit einem König gleichzusetzen. „Wir fordern, als gleichberechtigte Partner angesehen zu werden“, fügte er hinzu. Dabei meint er nicht nur den Bau der Anlage für grünen Wasserstoff. Denn für das Green-Hydrogen-Projekt soll der Hafen im ehemaligen Lüderitz (heute ǃNamiǂNûs) ausgebaut werden.

Hafenausbau am ehemaligen Konzentrationslager Shark Island

Der Hafen grenzt aktuell bereits an die Halbinsel Shark Island. Dort befand sich unter deutscher Kolonialherrschaft ein Konzentrationslager, in dem 1.000 bis 3.000 Nama und Herero ums Leben kamen. Recherchen des Forschungskollektivs Forensic Architecture, die am ersten Tag des Workshops vorgestellt wurden, legen nahe, dass Überreste von verstorbenen Nama und Ovaherero vor Shark Island auf dem Meeresboden liegen könnten – genau dort, wo der Ausbau des Hafens sein soll.

Gebet bei Sonnenaufgang

Die Tragweite des Projekts wird mir erst so richtig bei meinen Besuchen von Shark Island und dem Hafengelände bewusst. Donnerstagmorgen, am dritten Workshoptag, begleiten wir hochrangige Nama-Vertreter*innen zu einem Gebet bei Sonnenaufgang auf Shark Island. Der Wind trägt die Stimme von Gaob Cornelius Fredericks zum Meer hinaus. Er spricht mit den Vorfahren – unter anderem seinem Großvater, der 1907 im Konzentrationslager auf Shark Island enthauptet und dessen Schädel anschließend nach Deutschland geschickt wurde.

Nach dem Gebet ruht mein Blick auf dem Meer, am Horizont sind Dünen der Sandwüste und Lichter von Häusern zu sehen. Dieser Ausblick, so erfahre ich später am Tag bei der Hafenbegehung, wird zum Teil versperrt werden, wenn die aktuellen Pläne des staatlichen Hafenbetriebs Namport umgesetzt werden.


Ein neuer Hafen und der Ort des Genozids an Herero und Nama: Seite an Seite?

Die Vorstellung, dass ein Hafen direkt an den Gedenkort grenzt, wird am Samstag noch unerträglicher. An dem Tag findet der Genocide Memorial Walk statt und ein neuer Gedenkstein, der an den Völkermord erinnert und auf Wunsch der Betroffenen von der GfbV finanziert wurde, wird auf Shark Island eingeweiht. Die bedrückende Stimmung wird durch den eisigen Wind verstärkt, der über die Insel peitscht. Die Sonne ist von einer Nebelwolke bedeckt. Nichts erinnert daran, dass rings um uns herum Wüste ist. Im Gegenteil: Es ist, als ob das Wetter uns mahnt, dass die meisten Gefangenen im Konzentrationslager an Mangelernährung und Auszehrung gestorben sind.

Die Nama und wir: Erst zuhören, dann unterstützen

Durch die Produktion von grünem Wasserstoff darf den Nama kein Nachteil entstehen. Deutschland muss seiner besonderer Verantwortung gerecht werden und dafür sorgen, dass die Nachfahren der Ermordeten in die Planung einbezogen werden, dafür werden wir uns von der Gesellschaft für bedrohte Völker weiter einsetzen. „Wir fordern deutsche Unternehmen und die Bundesregierung dazu auf, die Rechte indigener Völker zu achten und die Nama in Pläne zur Nutzung ihres angestammten Gebiets einzubeziehen“, sagt unser Direktor Roman Kühn.

Shark Island ist eine Halbinsel vor Lüderitz, auf der das Konzentrationslager für die Herero und Nama war. Heute steht hier ein Gedenkstein.

Vom Überleben

Am Nachmittag, als die Sonne rauskommt, die Nama-Hymne voller Inbrunst gesungen wird und Gelächter das Auditorium beschallt, wird die Gedenkveranstaltung zur Überlebensfeier. Es zeigt welche Resilienz die Nama in ihrer Geschichte immer wieder aufbringen mussten. Es wäre zu hoffen, dass sie diese nicht auch beim Green Hydrogen-Projekt brauchen werden.

Michaela Böttcher studierte Mittlere und Neuere Geschichte und Englische Philologie in Göttingen und Istanbul. Zur GfbV kam sie über ihre Magisterarbeit, in der sie sich mit sexualisierter Gewalt im Bosnienkrieg beschäftigte. Als Historikerin liegt ihr besonders die Aufarbeitung und Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama am Herzen. Seit Oktober 2023 ist sie ehrenamtlich im Vorstand der GfbV tätig.

Kommentar verfassen