Irina Scherbakowa erhält den Friedensnobelpreis und den Weimarer Menschenrechtspreis – Wir gratulieren!

Am 10. Dezember 2022, dem Tag der Menschenrechte, erhält Irina Scherbakowa, Gründungsmitglied der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL, den Weimarer Menschenrechtspreis und den Friedensnobelpreis. Wir möchten herzlich gratulieren! Ebenso gilt unsere Gratulation den anderen Preisträger*innen: Die Aktivistin Olga Karatch aus Belarus erhält den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar, der Friedensnobelpreis geht an den Rechtsanwalt Ales Bjaljazki (Belarus) und an das Zentrum für bürgerliche Freiheiten (Ukraine). Die Auszeichnung für Vorkämpfer*innen für Menschenrechte und Demokratie ist ein klares Signal für eine starke, resiliente Zivilgesellschaft, für Frieden in einem diktatorischen Gewaltregime.

Text von Pauline Hrubesch, Regina Sonk; Foto: Heinrich Böll Stiftung | Flickr

MEMORIAL und die GfbV haben eine lange gemeinsame Geschichte. Wir folgen denselben Werten: Die bedingungslose Achtung vor der Menschenwürde, die Anerkennung des Lebens und der Freiheit aller Menschen und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit treiben uns voran.

Bereits zweimal – in den Jahren 2005 und 2009 – haben wir den Victor-Gollancz-Preis für Menschenrechte an MEMORIAL verliehen. Die Menschenrechtler Sergej Kowaliow und Oleg Orlow waren die Preisträger. Sie bekamen den Preis für ihr „aufopferungsvolles Menschenrechtsengagement in einer feindlich gesinnten Umgebung“ verliehen, in der sie täglich ihr Leben riskierten.

Referentin Sarah Reinke mit Oleg Orlow auf der GfbV-Jahreshauptversammlung 2009

Oleg Orlow ist Leiter des Rechenzentrums von MEMORIAL. Er wurde im November 2007 gemeinsam mit drei Journalist*innen in Inguschetien entführt, geschlagen und mit dem Tode bedroht. Er setzte sich für die Aufklärung des Mordes an der Menschenrechtsaktivistin Anna Politowskaja und der MEMORIAL-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa ein.

Sergej Kowaljow war einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin und langjähriger Vorsitzender von MEMORIAL. 2005 sagte er bei der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker, das russische Regime sei „eine Bedrohung für die ganze Welt. Nicht durch Panzer oder Atomwaffen, sondern weil Lüge und Niedertracht durch dieses Land verbreitet wird.“

Die gemeinsame Geschichte aus Zusammenarbeit und Kampf für Gerechtigkeit und gegen die Verbrechen des Regimes unter Wladimir Putin müssen und möchten wir auch in Zukunft weiterführen – in diesen Zeiten mehr denn je.

Die russische Menschenrechtsorganisation MEMORIAL wurde 1988 in Moskau mit dem Ziel gegründet, an die Opfer des stalinistischen Gulag-Systems in der Sowjetunion zu erinnern. MEMORIALS erster Vorsitzender war Andrej Sacharow, der 1975 den Friedensnobelpreis erhielt. Nach ihm ist auch der Sacharow-Preis des EU-Parlaments benannt. MEMORIAL wurde Ende 2021 in Russland verboten. Heute widmet sich MEMORIAL der Bewältigung der stalinistischen Vergangenheit sowie der Recherche, Dokumentation und Veröffentlichung gegenwärtiger Menschenrechtsverletzungen. Immer wieder werden Mitarbeiter*innen deshalb mit dem Tod bedroht.


Quellen
Gesellschaft für bedrohte Völker, „Die diesjährigen Preisträger des Victor-Gollancz-Menschenrechtspreises“, 2009, Die diesjährigen Preisträger des Victor-Gollancz-Menschenrechtspreises (gfbv.de)

Gesellschaft für bedrohte Völker, „37. Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)“, 05.08.2005, 37. Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)

SWR2, „Friedensnobelpreis 2022 geht an Memorial, Center for Civil Liberties und Ales Bialiatski“, 07.10.2022, Friedensnobelpreis 2022 geht an Memorial, Center for Civil Liberties und Ales Bialiatski – SWR2

Taz, „Friedensnobelpreis 2022: Ein Zeichen gegen Krieg und Diktatur“, 07.10.2022, Friedensnobelpreis 2022: Ein Zeichen gegen Krieg und Diktatur – taz.de

Heinrich-Böll-Stiftung: Irina Scherbakowa; https://www.boell.de/de/person/irina-scherbakowa

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