„Nicht wegschauen, nicht weghören“ – Proteste im Iran

Im September wurde die junge Kurdin Jina „Mahsa“ Amini in Teheran von der sogenannten „Sittenpolizei“ wegen eines angeblich falsch getragenenen Hijabs verhaftet. Wenige Tage später war sie tot. Seitdem erfasst eine große Protestwelle den Iran, welche einer Revolution gleicht. Dr. Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker sprach mit Frauenrechtlerin Parvaneh Ghorishi über die Lage in ihrem Herkunftsland und die Forderungen der Demonstrierenden.

Gebürtig kommen Sie aus dem Iran. Von wo genau und haben Sie dort noch Verwandtschaft?

Ich bin in Sardascht in Ost-Kurdistan geboren. Das liegt im Nordwesten der Islamischen Republik Iran (IRI). Aufgewachsen bin ich aber in Sanandadsch, wo meine Familie noch immer lebt. Es geht ihnen hoffentlich gut, denn es ist erschreckend zu hören oder auch zu sehen, was in den vergangenen Nächten in Sanandadsch, der Provinzhauptstadt Kurdistans, los war: Es ist wie im Krieg.

Jina Mahsa Amini ist ein Symbol des aktuellen Aufstandes geworden. Wo wurde sie geboren und wissen Sie, wie es ihrer Familie geht?

Mahsa Amini ist in Saqqez, einem Landkreis der Provinz Kurdistan, geboren. Ich habe keine Informationen darüber, wie es der Familie der jungen Frau geht. Sicherlich stehen sie sehr stark unter Druck. Ich habe gehört, dass Fernseh- und Radiostationen der iranischen Regierung versucht haben, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Ihr Vater hat das aber abgelehnt.

Wer geht im Iran im Moment auf die Straße?

Junge Frauen, junge Männer, Schülerinnen, Studentinnen, aber auch Eltern, die ihre Kinder in den letzten Protesten verloren haben oder Eltern, deren Kinder durch staatliche Gewalt umgebracht worden sind.

Aus welchen Gründen protestieren diese Leute?

Die Protestierenden rufen: „Jin, Jiyan, Azadî“. Aus dem Kurdischen übersetzt heißt das: „Frau, Leben, Freiheit“. Sie demonstrieren gegen die täglichen Benachteiligungen, Repressionen, Unfreiheiten, Schikanen und die praktische Geschlechter-Apartheid durch die Machthaber der IRI. Männer und Frauen erheben sich gegen Entmündigung und Verblödung. Jung und Alt, alle fordern Freiheit und das Ende des radikalislamischen Staatssystems: Frauenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit sowie demokratische Rechte für alle Menschen im Iran. Diese Forderungen kollidieren mit den Interessen der autoritär regierenden Mullahs der IRI.

Was bedeutet es, im Iran Kurdin und Frau zu sein?

Es bedeutet, mindestens doppelt unterdrückt zu sein: Einmal wegen der ethnischen Zugehörigkeit und einmal wegen des Geschlechts. Bei den Ahl-e Haqq- oder Bahá’í-Kurd*innen kommt noch die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer anderen Religion dazu. (Die Religion der Ahl-e Haqq weist neben schiitischen Facetten vor allem deutliche Elemente des Yezidentums und Alevitentums auf. Ihre Mitgliederzahl wird weltweit auf eine Million geschätzt. Das Hauptsiedlungsgebiet der Ahl-e Haqq liegt in Ost- und Südkurdistan, im Grenzgebiet Iran und Irak; Anm. d. Red.)

Was erwarten die Menschen, die im Iran auf die Straße gehen, vom Ausland?

Sie wünschen sich vom Ausland politische Unterstützung: Nicht wegschauen, nicht weghören. Sie wünschen sich, nicht im Stich gelassen zu werden und nicht verraten zu werden. Seit 43 Jahren hat die iranische Regierung tausende unschuldige Menschen ermordet. Haft, Folter, Vergewaltigungen und Entführungen gehören zum Alltag der Männer, Frauen und Kinder im Iran. Genug ist genug!

Was ist bei den aktuellen Protesten anders als 2009? (Nach der Präsidentschaftswahl 2009 kam es in größeren Städten zu Protesten. Sie wurden die „Grüne Revolution“ genannt. Die Opposition warf dem bisherigen Amtsinhaber und Wahlsieger Mahmud Ahmadineschād Wahlbetrug vor. Die Proteste wurden brutal niedergeschlagen; Anm. d. Red.)

Aus meiner Sicht ist anders, dass die Menschen im ganzen Land auf die Straße gehen. In mehr als 62 Städten gibt es Proteste gegen die Machthaber. Mutige Frauen verbrennen ihren Hijab, ihre Kopftuchbedeckung. Sie sehen ihn das Symbol ihrer Unterdrückung und Bevormundung. Und auch in mehr als 160 Städten im Ausland gab es Demonstrationen. Besonders die Iranerinnen und Iraner, die im Ausland leben, haben sich mit den Aufständischen im Iran solidarisiert. Sie sind auf die Straße gegangen, um die Demonstrationen im Iran zu unterstützen.

Was bedeutet dieser Moment für Kurd*innen, Bahá’í und andere ethnische und religiöse Minderheiten?

Ich denke, es ist ein Moment, der Hoffnung macht. Sie hoffen, dass dieser Zustand der Entrechtung ein Ende findet. Dass die Repressalien wegen ethnischer und religiöser Zugehörigkeit aufhören. Es besteht die Hoffnung auf Freiheit, auf ein Ende der Unterdrückung und auf Gleichberechtigung in allen Belangen des Lebens.

Die Iraner*innen haben 1979 während der „Islamischen Revolution“ einen Diktator gestürzt. Welche Fehler wurden dabei gemacht? Was kann man daraus lernen?

Wenn eine Diktatur wegfällt, hinterlässt das natürlich eine große Lücke, ein Machtvakuum. Deshalb ist die Gefahr sehr groß, sich schnell hinter die nächste Diktatur zu stellen. Und Demokratie muss die Bevölkerung erstmal üben. Daher müssen die Iraner*innen heute vorsichtig sein. Sie dürfen nicht zulassen, dass ihre Revolution, ihre Bewegung, wie 1979 von Radikalen gestohlen wird.

Kurdische Parteien fordern für den Iran ein demokratisches System und für Kurdistan einen föderalen Status – also im Prinzip Selbstständigkeit. Was wünschen Sie sich?

Ja, die kurdischen Parteien fordern ein föderales System für Kurdistan und den gesamten Iran. Ich wünsche mir ein Ende der Bevormundung, ich wünsche mir Selbstbestimmung für alle. Bei einer Scheidung, in deren Vorfeld der Ehemann die Ehefrau schlecht behandelt hat und schlägt, sie bevormundet und einsperrt, will diese Frau weg. Sie will nicht bei ihrem Mann bleiben! Ich denke, das ist dasselbe bei Völkern, Ethnien und Ländern. Wenn wir, ich meine wir Kurd*innen und andere Volksgruppen, gut behandelt werden, wenn wir alle Freiheiten haben, dann müssen wir nicht weg, oder?

Dr. Kamal Sido führte das Interview am 10. Oktober 2022 per Sprachnachrichten. Annika Kriegbaum transkribierte es. Johanna Fischotter passte das Interview anschließend sprachlich leicht an.

Die kurdische Frauenrechtlerin Parvaneh Ghorishi ist im Iran geboren. Nach ihrem Studium floh sie nach Deutschland. Sie ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin und lebt in der Nähe von Frankfurt am Main.

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