Nach vielen Jahren bin ich heimlich zurückgekehrt – nach Afrîn, in meine Heimat in Nordsyrien. Aus Angst vor Verfolgung und Verhaftung konnte ich nur zwei Tage bleiben. In dieser Region, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo mich jeder Baum, jeder Stein, jedes Haus an meine Familie und meine Freunde erinnert, kann ich mich nicht mehr frei bewegen. Ich kann dort nicht alle Menschen treffen, die mir am Herzen liegen, weil ich sie dadurch zusätzlich in Gefahr bringen würde.
Text und Fotos: Kamal Sido, Referent für ethnische, religiöse, sprachliche Minderheiten und Nationalitäten
Redaktion: Inse Geismar, Stefanie Grolig und Myriam Givens, Kommunikation
Seit 2018 leiden die Menschen in Afrîn unter der brutalen türkischen Besatzung. Wer sich so wie ich seit Jahrzehnten hier im kurdischen Teil Nordsyriens für Minderheitenrechte einsetzt, ist vogelfrei. Deshalb musste ich meinen Besuch geheim halten. Als ich in die Stadt fuhr, sah ich rechts und links von der Straße die Dörfer, die ich seit langem kenne. Doch was mir die Menschen dann über das Leben unter der Besatzung erzählten, hat mich erschüttert.

Ganz offenbar will die türkische Regierung hier die kurdische Identität auslöschen. Und dieses Ziel verfolgt sie mit aller Härte. Kurdische Namen sind von den Straßenschildern verschwunden, die Menschen trauen sich nicht mehr, ihre kurdische Muttersprache zu sprechen, yezidische, aber auch muslimische Friedhöfe und Heiligtümer wurden geschändet, Olivenhaine, die für uns so wichtig sind, zerstört. Ich habe von Menschen gehört, die von einem Tag auf den anderen verschleppt wurden, niemand weiß, wo sie festgehalten werden. Auch heute, wo ich wieder im sicheren Deutschland bin, wandern meine Gedanken ständig zurück nach Afrîn. Wie geht es dort den Menschen, auch meinen engsten Verwandten? Ihr Schicksal, das schwere Leben der Kurd*innen in Afrîn lässt mir keine Ruhe.
Für diese Menschenrechtsarbeit spende ich!
Mit dem Überlandbus, in Taxis und privaten PKWs war ich im April in Syrien, Jordanien und Israel unterwegs. Diese Reise war nur möglich, weil ich überall Menschen kenne, die mich aufnahmen, mich begleiteten und denen ich zuhörte. In Syrien traf ich Angehörige fast aller ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes: Drus*innen im Süden, Alawit*innen im Westen, Ismailit*innen im Zentrum, Yezid*innen, Kurd*innen, Christ*innen, Armenier*innen und Assyrer*innen/Chaldäer*innen/Aramäer*innen im Norden. Freund*innen, neue Bekanntschaften, Verfolgte und Überlebende teilten ihre Geschichten mit mir. Ich versprach, sie nicht zu vergessen, sondern ihre Botschaft weiterzutragen. Nach Jahrzehnten unter der Assad-Diktatur hätten die Menschen in Syrien, Frauen und Angehörige der Minderheiten endlich ein Leben in Freiheit, Würde, Sicherheit und ohne wirtschaftliche Not verdient.

An der Küste im Westen war ich zu Gast bei Fateh Jamous (s. Foto), einem alawitischen Regimekritiker, der fast 20 Jahre unter Assad im Gefängnis saß. Ich traf auch den Dichter Mohammed Isa. Auch er saß zehn Jahre im Gefängnis. Seine Tochter lebt in Deutschland. Sie hatte mir empfohlen, mich mit ihrem Vater und Fateh zu treffen. Die Haft konnte die beiden nicht brechen. Aus ihren Worten sprechen Kraft und Würde und sie warnen: Wir dürfen den heutigen Machthabenden nicht trauen. Während sie das alte Regime kritisiert haben und dafür ins Gefängnis geworfen wurden, waren viele der heute Mächtigen Kompliz*innen Assads.
Auch Christ*innen aus der Region haben mir berichtet, dass sie zwischen die Fronten geraten. In Aleppo traf ich Vertreter*innen der armenischen und anderer christlicher Gemeinden. Sie suchen einen Weg, sich mit der neuen Regierung in Damaskus so zu arrangieren, dass sie sicher sind und ihren Glauben leben können. Ob das gelingt, ist noch ganz offen. Sie fürchten Verfolgung und die Willkür des Regimes. Sie appellieren an uns: Vergesst uns nicht! Wir brauchen eure Aufmerksamkeit, denn sie kann zu unserer Sicherheit beitragen!

Diese Bitte klang noch in meinen Ohren, als ich wenig später einen Ort betrat, der einst vom Leben einer anderen bedrohten Gemeinschaft erfüllt war: Die alte Tür ließ sich nur mit Mühe aufdrücken. Als ich eintrat, öffnete sich mir der Raum der verlassenen Synagoge in Qamischli. Ich hielt inne: Hier hatte einst das jüdische Leben geblüht, hier hatten Menschen die uralten Lieder gesungen, Kerzen hatten gebrannt, Licht und Duft verströmt. Leise nahm ich einen Thora-Behälter und kündigte den Beginn des Schabbats an. Ganz in Gedanken bei den Jüd*innen, die aus Qamischli fliehen mussten. Einen von ihnen rief ich an. Er lebt heute in Israel. Ich erzählte ihm, wo ich gerade war, und wir mussten beide mit den Tränen kämpfen. Israelische und arabische Medien strahlten das kurze Video von meinem Besuch in der Synagoge aus. Ich bin dankbar, dass ich das Gotteshaus besuchen und ausdrücken konnte: Ihr seid nicht vergessen!
Für diese Menschenrechtsarbeit spende ich!
Ich wollte mit eigenen Augen dieses Syrien nach der Assad-Diktatur sehen, ich wollte mit eigenen Ohren hören, wie es den Menschen, besonders den Minderheiten geht. Ich wollte die Orte meiner Kindheit und Jugend besuchen und ein Gespür für das Leben dort heute bekommen. Denn hier in Deutschland ist es meine Aufgabe, Politik und Medien zu informieren. Allzu schnell ist die Politik bereit, sich mit den neuen Machthabenden in ein Boot zu setzen. Nach meiner Reise kann ich mit Sicherheit sagen: Die islamistischen Banden haben die Macht an sich gerissen. Sie sorgen nicht für Demokratie und Frieden. Im Gegenteil: Sie töten, vertreiben und entrechten. Und das im Namen einer Ideologie, die keinerlei Toleranz kennt. Wer das verharmlost, macht sich mitschuldig.
Noch entschiedener werden wir deutsche Politiker*innen auffordern: Hören Sie auf, den politischen Islam zu relativieren! Er ist keine Kraft der Befreiung, sondern eine Bedrohung für alle Minderheiten im Nahen Osten – und darüber hinaus. Beenden Sie die Zusammenarbeit mit Regimen und Gruppierungen, die religiösen Fanatismus fördern. Menschenrechte dürfen nicht dem geopolitischen Kalkül geopfert werden. Und verschließen Sie nicht länger die Augen vor ethnischer Säuberung – nur weil sie nicht in Ihre diplomatische Strategie passt. Wer schweigt, macht sich mitschuldig.
Mit Ihrer Unterstützung können wir diese Forderungen laut, sichtbar und wirkungsvoll vertreten – in Berlin, in Brüssel, in den Medien. Wir sorgen dafür, dass die Stimme der Menschen in Syrien gehört wird. Aber wir brauchen Ihre Hilfe, um gehört zu werden.
Bitte ermöglichen Sie mit Ihrer Spende, dass wir uns weiterhin kraftvoll für bedrohte Minderheiten und ihre Rechte einsetzen können.

An diesen Abenden möchte ich meine Erfahrungen persönlich mit Ihnen teilen und ins Gespräch kommen. Ich werde über die wichtigsten Stationen meiner Reise mit vielen Bildern erzählen. Auch die Frage der Rückkehr von Geflüchteten in Deutschland nach Syrien werde ich thematisieren. Im Anschluss möchte ich mit Ihnen diskutieren, wie wir den Menschen in Syrien helfen können, damit sie nach Jahrzehnten unter Assads Diktatur endlich in Freiheit leben können.

