Menschen aus Arzach berichten

Im Folgenden lesen Sie von Menschen, die seit Jahren in verschiedenen Regionen von Arzach/Bergkarabach ansässig waren. Sie wurden im September 2023 aus Arzach vertrieben, als Aserbaidschan einen Großangriff auf ihre Heimat startete. Jetzt leben diese Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Lager Siranusch in der Provinz Wajoz Dsor. Dr. Harutjun Harutjunjan, Leiter des Flüchtlingshilfsprojekts im Lager Siranusch, hat die Texte zusammengestellt, Dr. Tessa Hofmann hat sie übersetzt.

Foto: Die Stadt Schuscha in der Republik Armenien vor Ausbruch des Krieges 2023. Lily A, Flickr


Chaschatur Martirosjan, aus dem Dorf Tschankatach in der Region Martakert von Arzach, zog mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinen Brüdern nach Armenien. Er ist 13 Jahre alt.

„Als aserbaidschanische Soldaten zu schießen begannen und die Schule in Gefahr war, flohen wir. Alle Kinder rannten in ein Haus in der Nähe der Schule. Wir gingen in den Keller des Hauses, der sicherste Ort, der mit 3-4 Tonnen schweren Platten (Stahlbeton) abgedeckt war.

Wir blieben sieben bis acht Stunden lang im Keller. Danach half uns ein Mann namens Argam in das Dorf Porossagomer zu gelangen. Der Dorfvorsteher gab uns Treibstoff, damit wir Armenien erreichen konnten, und wir reisten drei Tage lang weiter. Wir waren 30 bis 40 Personen im Fahrzeug.

Als wir Arzach/Bergkarabach verließen, gaben mir Soldaten aus Aserbaidschan eine Schachtel mit Süßigkeiten und zwei Flaschen Wasser; ich warf alles ins Tal.

Im Jahr 2020, während des Krieges in Arzach, kamen meine Familie und ich in das Lager Siranusch in Wajots Dsor. Diesmal kamen wir wieder in dieses Lager, ohne zurückzublicken.

Jetzt gehe ich bereits in die Schule in der Siedlung Hermon, wo ich der Erste bin, der in der Klasse antwortet. Frau Wardanjan ist auch überrascht, dass ich der Erste bin, der einige Länder auf der Landkarte zeigen will.

Im Lager wachen wir morgens auf, frühstücken und gehen zur Schule. Nach dem Unterricht kommen wir nach Hause, essen zu Mittag, spielen, bereiten uns auf den Unterricht vor, essen zu Abend und gehen dann schlafen.“

Am Ende fügt Chaschatur hinzu: „Das Wichtigste ist, dass ich keine Angst hatte.“


Laura Martirosjan wurde aus dem Dorf Tschankatach in der Region Martakert in der Republik Arzach vertrieben. Sie ist 50 Jahre alt.

„Es war sehr schwer, in Arzach/Bergkarabach zu leben. Meine Kinder wuchsen heran, und meine Sorgen wurden immer größer. Ich bin seit fünf Jahren geschieden, was es sehr schwierig machte, für meine Kinder zu sorgen. Ich habe nirgendwo in Arzach gearbeitet; es gab keine Arbeitsmöglichkeiten im Dorf. Wir lebten vom Kindergeld und von der Krankenrente meiner ältesten Tochter. Das Geld reichte nicht für einen angemessenen Lebensunterhalt.

Neben dem Kindergeld ging ich einer landwirtschaftlichen Arbeit nach. Ich besaß Vieh: Kühe und Schweine, aber ich musste alles zurücklassen. Einige Leute konnten nicht einmal ihre Papiere mitnehmen; sie konnten gerade noch durch das Fenster entkommen, weil ständig geschossen und auf sie eingeschlagen wurde. Es war sehr schwierig, rauszukommen.

Wir blieben vier Tage lang unter Belagerung. Danach kamen wir in die Hauptstadt Stepanakert und blieben dort drei weitere Tage, bevor wir schließlich Armenien erreichten.

Seit dem 44-tägigen Krieg im Jahr 2020 hatten wir von dem Lager Siranusch gehört und beschlossen, hier zu bleiben und zu leben. Als wir uns in der Stadt Wajk in der Provinz Wajoz Dsor anmeldeten, gingen wir zunächst in das Dorf Armawir, aber die Einrichtungen des Hauses dort waren nicht gut. Ich beschloss, zurück ins Lager zu ziehen.

Das alltägliche Leben im Lager Siranusch ist gut. Die Kinder gehen zur Schule, und wir arbeiten in der Küche und auf dem Hof. Im Lager werden wir mit allem versorgt, was wir brauchen, und wir können so lange bleiben, wie es nötig ist.“


Frau Arina, geboren im Dorf Tumi in der Region Hadrut, zog nach ihrer Heirat nach Stepanakert. Sie ist 63 Jahre alt.

Sie hat einen Sohn und eine Tochter. Zuvor arbeitete sie als Köchin und Konditorin in Stepanakert. Am 19. September 2023 wurden Frau Arina und ihre Familie aus Arzach/Bergkarabach vertrieben. Derzeit wohnt sie im Lager Siranusch, wo sie als Köchin arbeitet, ein Beruf, den sie liebt. Ihre Kochkünste und köstlichen Rezepte hat sie von ihrer Mutter geerbt. Frau Arina bereut ihre Berufswahl nicht, denn alle sind mit ihrer Arbeit zufrieden und loben sie.


Anusch Sargsjan aus dem Dorf Tschldran in der Region Martakert, Arzach/Bergkarabach, 27 Jahre alt.

Anusch ist von Beruf Krankenschwester, obwohl sie nie in diesem Bereich gearbeitet hat. In ihrer Freizeit in Arzach schrieb sie oft Gedichte.

In Arzach war ihre Familie hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig. Leider mussten sie am 20. September 2023 ihr Heimatland verlassen. Zunächst blieben sie sieben Tage lang auf dem Flughafen von Arzach/Bergkarabach, bevor sie schließlich nach Armenien übersiedelten.

In den ersten zehn Tagen in Armenien wohnten Anusch und ihre Familie in der Stadt Hrasdan. Später beschlossen sie jedoch, in das Lager Siranusch in Wajoz Dsor umzuziehen und dort Schutz zu suchen. In den vergangenen drei Monaten teilten Anusch und ihre Familie ihren Alltag mit anderen Bewohnern aus Arzach, die jetzt in dem Lager leben.


Ab dem 1. Januar 2024 wird die Republik Arzach/Bergkarabach „aufhören zu existieren“. So steht es in einem Ende September 2023 unterzeichneten Dokument. Danach sollen „alle staatlichen Institutionen und Organisationen“ aufgelöst werden. Dieses Dokument war Bestandteil der Kapitulationsbedingungen, die Aserbaidschan den Armeniern in Arzach/Bergkarabach gestellt hatte. Die Selbstverteidigungskräfte der Republik konnten der militärischen Übermacht Aserbaidschans nicht trotzen. Nach zehn Monaten der Blockade des Latschin-Korridors, des einzigen Zugangs zu Arzach/Bergkarabach, war die Bevölkerung ausgehungert und verzweifelt. Als Aserbaidschan dann massiv militärisch angriff, blieb kein anderer Weg als die Kapitulation. Darauf folgte der Massenexodus, die Vertreibung von 120.000 Arzach-Armenier*innen.

Diese Vertreibung war möglich, weil sowohl Russland, das sich verpflichtet hatte, Bergkarabach zu schützen, als auch die EU und ihre westlichen Partner versagten. So hatte Aserbaidschan freie Hand und verfuhr nach dem „Gesetz des Stärkeren“ auf dem Rücken der Zivilbevölkerung in Arzach/Bergkarabach. Das Selbstbestimmungsrecht dieser Menschen wurde damit völlig ignoriert.

Heute leben die Vertriebenen vielfach ohne Hilfe und ohne Perspektive. Es gab keine Kompensation für das verlorene mobile und immobile Gut der Betroffenen. Wichtige politische Persönlichkeiten der Arzach-Armenier*innen wurden willkürlich von Aserbaidschan inhaftiert und sitzen in Baku ein. Nach diesem brutalen, international jedoch folgenlosen Vorgehen Aserbaidschans ist die Sicherheit und Einheit Armeniens, insbesondere der Südwestprovinz Sjunik, akut gefährdet.

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