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Diskriminierung per Gesetz – die Geschichte des kanadischen Indian Act (1/2)

Spätestens seit dem Sommer 2021 sind die finsteren Kapitel der kanadischen Kolonialgeschichte selbst einer breiteren deutschen Öffentlichkeit bekannt. Die Funde etlicher Kindergräber auf dem Gelände ehemaliger Residential Schools – Zwangsinternate für indigene Kinder – belegen die Misshandlungen, von denen Überlebende schon seit Jahren berichten. Die systematische Entfremdung der Kinder von ihren Familien und ihrer Identität diente dem kanadischen Staat als Werkzeug bei dem Projekt, die Kultur der First Nations auszulöschen. Das Gesetz, mit dessen Hilfe dieses Ziel erreicht werden sollte, existiert auch heute noch und prägt die Beziehungen zwischen First Nations und Staat maßgeblich: der Indian Act.

Von Theresa Luedtke und Maren Thiel, Recherche Dana Dramsch; Foto: Andrej Iwanow/ AFP

Unsere zweiteilige Blogreihe nimmt den Indian Act und seine Auswirkungen genauer unter die Lupe. Hier, im ersten Teil, geht es um die Geschichte des Indian Acts, von seiner Entstehung bis zum Wendepunkt hin zur seiner modernen Form. Teil zwei wird sich mit den gegenwärtigen Entwicklungen befassen, begonnen mit der kanadischen Unabhängigkeit 1982.

Aber was genau ist der Indian Act?

Der Indian Act ist ein nahezu allumfassendes Gesetz, mit dem der kanadische Staat das Leben der First Nations reguliert, von indigenem Status bis hin zu politischen Systemen auf Reservaten. „First Nations“ meint die Gesamtheit der verschiedenen indigenen Völker Kanadas, mit Ausnahme der Métis und der Inuit. Ihre Geschichte unterscheidet sich von jener der First Nations. Da sie nicht durch den Indian Act betroffen sind, können wir in diesem Artikel leider nicht genauer auf sie eingehen.

Verabschiedet wurde der Indian Act im Jahre 1876, doch um seine Hintergründe zu verstehen, bietet es sich an, gut 100 Jahre früher in die Ereignisgeschichte einzusteigen: mit der britischen Royal Proclamation von 1763, auf die sich heute noch viele Indigene berufen. Denn Großbritannien legt darin für die Nordamerika-Kolonien wichtige Regeln im Umgang mit Indigenen fest, behält etwa der Krone das alleinige Recht vor, Land von ihnen zu kaufen, und begrenzt die Kolonien nach Westen. Großbritannien hatte zu dieser Zeit Interesse an fairen Nation-to-Nation-Beziehungen, um Konflikte zu vermeiden, zudem galten First Nations ihnen als wichtige Handelspartner und militärische Verbündete. Im Gegensatz zu den späteren Gesetzen war dies nicht ausschließlich einseitig: im Vertrag von Niagara 1764 erkannten 24 First Nations die Royal Proclamation an. Sie werfen dem kanadischen Staat daher vor, mit seinen späteren Übergriffen geltendes Recht verletzt zu haben.

Doch mit steigender Zahl an Siedler*innen und ihrer Landnachfrage wuchs der Druck auf indigene Territorien. Immer mehr Verträge zur Landaufgabe wurden geschlossen. Militärbündnisse verloren spätestens mit Ende des Britisch-Amerikanischen Krieges 1812-1814 an Bedeutung. Nach Ansicht der Kolonialgesellschaft würde es allen besser gehen, wenn die First Nations ihre „barbarische“ Lebensweise ablegten und die europäische übernahmen: sesshaft, christlich, agrikulturell. Erste „Zivilisierungsprogramme“ starteten 1830, aber wegen mangelnden Erfolgs setzte sich die Sichtweise durch, dass vollständige Zivilisierung nur durch Assimilierung in die kanadische Kolonialgesellschaft erreicht werden könne. Indigene Kultur sollte ausgelöscht werden.

Die Zentralregierung der 1867 zum Dominion of Canada vereinigten Kolonien verabschiedete Gesetze, mit denen sie aggressiv in das Leben der First Nations eingreifte, um sie zu entrechten und zu entmündigen. Der 1876 verabschiedete Indian Act veränderte diese Vorgängerreglungen in ein Gesetz, das im Laufe der Zeit immer restriktiver und autoritärer wurde.

An vielen Stellen des Gesetzestextes ist dies sichtbar: Bis heute nimmt sich der Kanadische Staat heraus, zu definieren, was ein indigener Status. Statuslose haben keinen Anspruch auf indigene Rechte, so dürfen sie etwa nicht auf Reservaten leben. Eine andere Assimilationsstrategie des Indian Act besteht darin, systematisch indigenen Status abzuerkennen, indem Individuen die kanadische Staatsbürgerschaft erhalten. Dieser Prozess wird als Enfrachisement bezeichnet. Wer bestimmte Bedingungen erfüllt, wurde automatisch und ohne Zustimmung enfranchised, beispielsweise bei Erwerb eines Universitätsabschlusses. Besonders Frauen waren und sind gefährdet, ihren Status zu verlieren. Durch die Heirat von Nicht-Indigenen würde eine Frau ihren Status verlieren, ein Mann hingegen nicht.

Auch die traditionelle Selbstverwaltung entmachtete und regulierte der Staat. Frauen wurden entrechtet – nur Männer waren wahlberechtigt. Durch den Wegfall direktdemokratischer Elemente, die bei vielen First Nations üblich sind, wurde die Position der Bandmitglieder geschwächt. Zudem entstand ein Machtungleichgewicht zu Lasten kleinerer Clans. Die Macht der neuen Band Councils war so gering, dass von Selbstverwaltung keine Rede mehr sein kann. Die wahre Macht lag bei der zuständigen Behörde, dem Department of Indian Affairs. In den einzelnen Reservaten hatten die Indian Agents, von der Regierung entsandte Beamte, fast absolute Kontrolle.

Weitere Aspekte des Indian Acts zielen auf die Zerstörung indigener Kultur und die Unterdrückung jeglichen Widerstands ab. Das berüchtigte System der Residential Schools wurde insbesondere ab 1883 forciert. Religiöse Zeremonien und Feste wurden 1885 verboten. 1927 wurde es ihnen faktisch unmöglich gemacht, Landansprüche gegen die Regierung vorzubringen. Auch das Gründen politischer Organisationen wurde ihnen untersagt. Die Verwaltung von Reservatland, Naturressourcen und Etats unterlagen dem Staat.

Erst nach Ende des 2. Weltkriegs veränderte sich allmählich die Haltung gegenüber den First Nations. Soziale und politische Veränderungen führten dazu, dass die Politik gegenüber den Indigenen allmählich an Legitimität verlor, und trotz der Barrieren organisierten sich Indigene vermehrt zum Widerstand. Dazu trugen auch indigene Veteran*innen aus den beiden Weltkriegen bei, von denen viele nach ihrer Heimkehr wichtige Stimmen des indigenen Aktivismus wurden. Es wurden kleine Verbesserungen erzielt, zum Beispiel wurde 1951 das Verbot religiöser Zeremonien aufgehoben und 1960 erhielten First Nations das Wahlrecht. Der Fortschritt blieb jedoch zäh. Als ein Wendepunkt gilt das Jahr 1969.

In diesem Jahr schlug die Regierung einen Gesetzentwurf vor, der heute gemeinhin als White Paper bekannt ist und die bisherige Politik überwinden sollte. Allerdings folgte er der ursprünglichen Idee der Assimilierung. Der Indian Act und jegliche Verträge mit den First Nations sollten ersatzlos abgeschafft werden. Für die First Nations hätte das bedeutet, alle indigenen Rechte zu verlieren. Und so stieß das White Paper bei ihnen auf überwältigende Kritik, denn konsultiert worden waren sie nicht. Sie wünschten sich zwar die Abschaffung des übergriffigen Indian Act – aber nicht auf Kosten der wenigen indigenen Rechte, die sie sich bewahren konnten. Angesichts der massiven Kritik, auch von Nicht-Indigenen, zog die Regierung das White Paper zurück. First Nations hatten sich diesmal erfolgreich gegen die Übergriffe des Staates gewehrt. In den folgenden Jahrzehnten wurden die autoritären Eingriffe immer weiter zurückgefahren. Doch auch heute ist die Situation alles andere als optimal. Der Indian Act existiert nach wie vor. Doch Reformen bleiben schwierig, und der Fall des White Papers zeigt ein zentrales Problem auf. Wie kann der Indian Act abgeschafft werden, ohne die rechtliche Lage der First Nations zu verschlimmern? Was soll nach ihm kommen?

Wie kompliziert die Antworten darauf sind, erfahren Sie im zweiten Teil dieser Blogreihe, die sich mit den aktuellen Auswirkungen des Indian Acts auf die First Nations beschäftigt.

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