„Wir müssen reden, auch wenn es keine Hoffnung mehr gibt“

Die neue Kolonisierung der sibirischen Arktis

Autorin: Tatjana Britskaya, übersetzt von Yvonne Bangert

Bild: Artur Tumasjan via Unsplash

Die Online-Zeitschrift The International Barents Observer dokumentiert zuverlässig und faktengenau in Russisch und Englisch Fragen zu Umwelt, Rohstoffförderung, Menschenrechte der Indigenen aber auch Militarisierung der sibirischen Arktis und anderer Regionen um die Barentssee. Häufiges Thema: der in den letzten Jahren rapide zunehmende Neo-Kolonialismus Russlands, das in immer größeren Gebieten gigantische Rohstoffvorkommen erschließt. Tatjana Britskaya vergleicht in ihrem Beitrag über „Die neue Kolonisierung der Arktis“ (25.11.2021) die damit einhergehenden Repressionen gegen die Indigenen in Sibirien mit der Anfangszeit der Industrialisierung des Nordens unter Stalin vor fast 100 Jahren, nur jetzt zu Gunsten der Privatwirtschaft und nicht der Staatswirtschaft. Wir veröffentlichen eine zusammenfassende Übersetzung der GfbV. Der Beitrag wurde im Original in Russisch verfasst und vom Barents Observer in eine englische Fassung gebracht, die uns als Vorlage diente. Diese kann hier nachgelesen werden.

Unlängst erhielten Präsident Putin und Außenminister Lavrov einen Offenen Brief, der von 116 internationalen Institutionen und Persönlichkeiten unterzeichnet ist und ein Ende der Unterdrückung indigener Menschenrechtsverteidigerinnen fordert. Auslöser war die kurz zuvor erfolgte Verhaftung von Andrei Danilov, des Direktors des Sami Heritage and Development Fund für die Region Murmansk. Danilov steht stellvertretend für zahlreiche weitere Indigene der Region, die verfolgt werden, weil sie sich für das Überleben ihrer kleinen Nationen einsetzen. „Wir, die Organisationen und Einzelpersonen, die diesen Brief unterzeichnet haben, sind in großer Sorge über die wachsende Bedrohung und Unterdrückung indigener Menschenrechtsverteidigerinnen und Aktivistinnen in der Russischen Föderation. Wir fordern das sofortige Ende dieser Einschüchterung und Verfolgung indigener Menschenrechtsverteidigerinnen aus Russland“, heißt es darin.


Zu diesen Maßnahmen gehört die Verfolgung der unabhängigen Presse und die Suche nach Extremisten sogar unter Schulkindern. Wie zum Beispiel kommt die Polizei von Yamal dazu, ein Meeting von Rentierhaltern mitten in der Tundra zu einer politischen Demonstration zu erklären? So geschehen im Fall von Eiko Sarotetto. Obwohl die Zusammenkunft nichts Politisches an sich hatte, wurde Eiko beschuldigt, einen Streit anzustiften und zu drei Monaten Haft verurteilt, obwohl es keine Beweise für die Anklage gab. Die Schorin Yana Tannagasheva aus dem Kuzbass, die ihr uraltes Dorf Kazas (vor dem Kohlebergbau, d.Ü.) retten wollte, musste in die Emigration gehen, nachdem ihr Elternhaus in Brand gesetzt worden war. Das Dorf Kazas gibt es nicht mehr.
Nach einem Jahr Hausarrest starb vor kurzem der Evenke Arseny Nikolaev, Abgeordneter im Parlament der Yakuten. Der gegen ihn gerichtete Haftbefehl war ausgestellt von Angestellten der Goldbergbaugesellschaft, die durch das Land seiner Gemeinschaft eine Straße baut. Nikolaev soll die Gesellschaft unter Druck gesetzt haben, dass sie evenkische Transportunternehmen einsetzen soll. Die Anklage schlug alle Klagen gegen die Goldgräber nieder, nicht aber diejenige gegen den Angeklagten im Fall Nikolaev.


Stepan Petrov aus Jakutien wurde schon zwei Mal zum „ausländischen Agent“ deklariert und in das „Verzeichnis der Massenmedien, welche die Funktion eines ausländischen Agenten ausüben“ aufgenommen. Die staatliche Aufsichtsbehörde Roskomnadzor beschuldigte ihn, 14 Facenbook-posts ohne die Kennzeichnung als „ausländischer Agent“ veröffentlicht zu haben. In seiner Verzweiflung bat er Mark Zuckerberg im Namen aller „ausländischen Agenten“ um einen Algorithmus, der ihre Veröffentlichungen automatisch kennzeichnet.
Wir erleben derzeit die zweite Welle der Unterdrückung indigener Völker in unserer Geschichte. Die erste gab es zu Beginn der Industrialisierung, als die Arktis und Sibirien kolonisiert und den Bedürfnissen des Riesenreiches durch die Sovjets unterworfen wurden. Karten samischer Friedhöfe aus jener Zeit belegen für das Gebiet von Murmansk die Vertreibung der Sami in das Zentrum der Kola-Halbinsel. Wer im Weg war, wurde ganz einfach umgesiedelt. In dieser Zeit des „Großen Terrors“ 1937/38 wurden 125 der damals etwa 2000 Kola-Sami festgenommen. Die meisten von ihnen wurden erschossen. 55 wurden in die Straflager des GULAG geschickt. Nur fünf von ihnen überlebten. Unter den Verhafteten war fast die gesamte samische Bildungsschicht. Die Sami waren zu wenige um zu kämpfen und unterwarfen sich demütig.


Doch es gab auch Aufstände. Die Yamal-Nenzen weigerten sich in einer als Mandalada bezeichneten Aktion, dem Staat ihre Rentiere zu übergeben. Ohne die Rentiere konnten sie in der Tundra nicht überleben. Für ihre Weigerung konnten sie zehn Jahre das Lager nicht verlassen. Das Urteil wurde noch am Tag der Verhandlung verkündet. Eine Untersuchung gab es nicht. Die Nenzen forderten die Wiedereinsetzung ihrer Schamanen, die Gleichstellung mit den wohlhabenden Kulaken und die vollständige Auslöschung der Sovjetmacht auf Yamal.


Auch die Dolganen rebellierten dagegen, in Bauern und Kulaken (kulaks and peasants) verwandelt zu werden. Auszug aus einem Appell der Anführer des Aufstandes von Taimyr: „Wir erkennen die Sovjet-Regierung als Macht der Arbeiter an und hegen keinerlei Umsturzbestrebungen, und doch machen wir, die ursprünglichen Einwohner des Taimyr Nationalen Distrikts, seit der Entstehung des Distrikts die Erfahrung einer nie zuvor erlebten Last von Steuern und Unterdrückung seitens der lokalen Behörden. Die Auferlegung dieser Steuern, Zahlungen, Abgaben auf Pelze, welche unsere tatsächlichen Möglichkeiten übersteigen, falsche Definitionen der Klassenzugehörigkeit, die Anwesenheit und Bewegungen bewaffneter Russen in unserem Land und die zahlreichen Exzesse der nationalen Politik der lokalen Behörden unter der einheimischen Bevölkerung haben zu totaler Empörung geführt.“ Der Taimyr-Aufstand wurde von den Gewehrsalven einer NKWD-Einheit weggefegt. (NKWD ist die Polizeitruppe des Innenministeriums).


Heute fast ein Jahrhundert später kolonisieren Russen die Arktis erneut. Doch anders als damals stehen heute ausschließlich Rohstoffe wie Öl, Gas und Platin im Vordergrund. Die Arktis ist eine Waffe. Die Arktis ist Macht. Die Kolonisierung ist in vollem Gang und nicht weniger hart als ein Jahrhundert zuvor. Aber während die damalige Kolonisierung den Interessen des Staates diente, geht es heute nur noch um die Bereicherung der Privatwirtschaft. Darin sieht der Menschenrechtsaktivist Rodion Sulyandziga die Grundursache für die Unterdrückungswelle gegen die Indigenen. Er ist Mitglied des UN Expert Mechanism on the Rights of Indigenous Peoples EMRIP und war bis zu deren Schließung durch das Stadtgericht von Moskau der Chef der Indigenen Selbstorganisation RAIPON.

„Die Arktis ist für Russland nur interessant um das Budget zu erfüllen und Rohstoffe zu erschließen. Die Indigenen sind gar nicht gegen wirtschaftliche Entwicklung, im Gegenteil. Aber wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaftsinteressen und den Rechten der Indigenen. Der Staat sollte dieses Gleichgewicht ebenso garantieren wie Rechtssicherheit in der Region. Stattdessen gibt er der Geschäftemacherei freie Fahrt und wer dagegen Einwände hat, wird von den Behörden drangsaliert.“

Rodion Sulyandziga


Andrei Danilov sagt es noch deutlicher. „Als ausländischer Agent bezeichnet zu werden, in einer psychiatrischen Klinik zu landen, Strafprozessen ausgesetzt zu sein –alles das erwartet einen Aktivisten in Russland.“ Die russischen Sami betrachten sich als die Hüter des Nordens. Sie glauben nicht daran, dass man Land besitzen kann. Wenn sie ein Stück Tundra oder einen See für eine Familie nutzen bedeutet das niemals, ein (Besitz)Recht darauf zu haben. Sie sehen es als ihre Pflicht an, ihren Platz zu schützen und zu pflegen.


Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: