Menschenrechtsverletzungen in der Fischfangindustrie

Die Todesopfer in der Fischfangindustrie gehen über Meereslebewesen hinaus. Auch Menschen werden in diesem Zusammenhang ermordet, unterdrückt und versklavt.

Von Nadja Grossenbacher, Referentin für Genozidprävention & Schutzverantwortung; Foto: Mumtahina01

Fisch zu essen mag uns manchmal als Selbstverständlichkeit erscheinen. Doch während wir genüsslich Meeresfrüchte verzehren, werden andere Menschen versklavt oder willkürlich ermordet, um Fische und andere Meerestiere auf unsere Teller zu bringen. Auch auf politischer Ebene ist der Fischfang ein heißes Eisen. Sowohl politische Unterdrückung als auch Korruption gehen mit dieser in jeglicher Hinsicht blutigen Industrie einher.

Der Korruptionsskandal um Samherji

Am 21. Oktober bekam der mittlerweile berühmte Jóhannes Stefánsson den „Sustainability Award“ bei einer offiziellen Zeremonie in Gothenborg verliehen. 2019 hat der Whistleblower den Korruptionsskandal zwischen der isländischen Firma Samherji und einigen Mitgliedern der namibischen Behörden offengelegt. Samherji hatte Beträge in Millionenhöhe an namibische Entscheidungsträger*innen gezahlt. Das Ziel? Fischgründe zu sichern und sich Fangrechte zu eigen zu machen. Der Weg zum Ziel? Korruption.

Die von Jóhannes Stefánsson zur Verfügung gestellten Dokumente wurden auf Wikileaks veröffentlicht. Al Jazeera hat zudem einen Film zum Thema publiziert, der große Wellen schlug: Anatomy of a bribe“. Laut dem Tagesanzeiger sei es der größte Korruptionsskandal in der Geschichte Namibias, ebenso wie in der Geschichte Islands. Jóhannes Stefánsson  möchte laut Eigenaussage Gerechtigkeit für die namibische Bevölkerung. Die Offenlegung des Skandals hat Auswirkungen bis heute. Erst im Februar dieses Jahres wurden laut der Tageszeitung „The Namibian“ Bankkonten der Firma „Fishcor“ eingefroren. Fishcor sei ebenfalls in den Samherji-Skandal verwickelt gewesen.

Mord auf hoher See

Jóhannes Stefánsson hat durch die Offenlegung des Skandals um Samherji sein Leben aufs Spiel gesetzt. Für andere Personen innerhalb der Fischindustrie kann die Involvierung jedoch den tatsächlichen Tod bedeuten. Wie Ian Urbina in seiner Artikel-Serie „The Outlaw Ocean“ und dem gleichnamigen Buch darstellt, werden Menschen auf See ermordet. Ein besonders erschreckendes Beispiel dafür ist die Ermordung mehrerer Personen, die sogar auf Video aufgezeichnet wurde. Jahrelang waren die Mörder auf freiem Fuß. Doch im Februar 2021 wurde jener Mann, der auf der Videoaufzeichnung schreiend Befehle gibt, zu 26 Jahren Haft verurteilt. Dennoch: während Sie diese Zeilen lesen, müssen Menschen auf Schiffen der Fischfangindustrie vielleicht gerade um ihr Leben fürchten.

Bild: jbdodane via flickr

Moderne Sklaverei in der Fischfangindustrie

Außerdem bestehen schwere Vorwürfe von Sklaverei, Zwangsarbeit, der Anwendung von physischer und sexualisierter Gewalt sowie Menschenhandel innerhalb der Fischfangindustrie. Das Tor zum Menschenhandel dürfte auch in der Fischfangindustrie der kapitalistisch motivierte Durst nach möglichst billiger Produktion und möglichst hohem Mehrwert öffnen. Die Fangfischerei hat laut der ILO eine der höchsten Berufstodesraten weltweit.

Vor allem in asiatischen Gewässern erscheint die Gefahr von Menschenhandel und ähnlichen Gefährdungen besonders hoch, aber auch der Hafen Kapstadts wurde mehrmals von Booten angefahren, auf denen Zwangsarbeit verrichtet wurde. Laut Hennie von As von Fish Force sind Schiffe jedoch nicht einmal auf Häfen angewiesen. Sie erledigen ihre Umladungen im Meer, so die Professorin. Besonders davon betroffen seien laut ihr die ostafrikanischen Gewässer sowie die Küste vor Namibia und Südafrika.

Fisch als Teil politischer Unterdrückung: Beispiel Westsahara

Auch auf politischer Ebene trägt die Fischfangindustrie zur Unterdrückung von Menschen bei. Fisch ist eine vielerorts gefragte Ressource, die dementsprechend auch kapitalistischen Profit mit sich bringt. Marokko schlug sich beispielsweise einen Deal mit der Europäischen Union heraus, um mitunter den in den vor der Westsahara gelegenen Gewässern gefangenen Fisch an die EU liefern zu können. Erst kürzlich hat der Europäische Gerichtshof das Fischereiabkommen zwischen Marokko und der EU für nichtig erklärt. Die marokkanische Regierung ist nicht dazu befugt, ohne Rücksprache mit den Sahauri über westsahaurische Gewässer zu verfügen. In der Vergangenheit wurde vor der westsahaurischen Küste entwendeter Fisch bzw. die daraus gewonnenen Produkte als „marokkanisch“ deklariert und so in die EU exportiert. Allein in Deutschland entstammten laut eines 2020  von der „Western Sahara Resource Watch“ veröffentlichten Reports die Hälfte des im Jahr 2019 „aus Marokko importierten“ Fischmehls tatsächlich der Westsahara.

Die Westsahara befindet sich auf der Liste der „non-self governing territories“ und wird seit 1975 von Marokko besetzt gehalten. Ein Referendum die von Marokko getätigte Besetzung der Westsahara betreffend wurde bis heute nicht abgehalten. 

Was tun?

Wie kann also gegen Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Fischindustrie vorgegangen werden? Jóhannes Stefánsson zeigt auf, dass jedes Individuum einen Unterschied erwirken kann. Einen Beitrag, den jede*r Einzelne*r täglich leisten kann, wäre es, keinen Fisch zu essen und so die Fischindustrie zu boykottieren. Auch Hersteller*innen von Fischmehl oder ähnlichen Produkten sind mitschuldig. Der Fisch auf europäischen Tellern bedeutet oft menschenrechtsverachtende Bedingungen für Personen in anderen Teilen der Welt.

Auf politischer Ebene wäre es empfehlenswert, das rechtliche Korsett rund um die Fischindustrie enger zu schnüren sowie mehr Monitoring auf den Gewässern zu etablieren. Im Blick zu behalten, was rechtlich und politisch passiert und dies zu hinterfragen, könnte ebenfalls ein wichtiger Schritt sein. Wenn wir zivilgesellschaftlichen Druck aufbauen und uns gegenseitig vermehrt für die Thematik sensibilisieren, kann Gerechtigkeit ebenso wie der Schutz der Meere hoffentlich vorangetrieben werden.  

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