Olympische Spiele in einer Diktatur – Sponsored by Allianz Versicherungen

Winterspiele im Land der Lager

Autorin: Esther Lichtenfeld, Praktikantin

Bild: Hanno Schedler/ GfbV 2021

Mit Millionensummen wird sich von multinationalen Unternehmen das Recht erkauft, die Olympischen Spiele finanziell zu unterstützen. Das Sportevent zieht immerhin, wenn nicht gerade eine weltweite Pandemie ist, Millionen von Zuschauer*innen in die Austragungsländer und die Übertragung wird von hunderten Millionen Menschen vor den Bildschirmen verfolgt.

Seit diesem Jahr ist als einzig deutsches Unternehmen die Allianz AG Hauptsponsor der Olympischen Spiele. Sie unterstützen somit als nächstes die Winterspiele in Peking, die im Februar 2022 stattfinden. In einem Land, in dem systematisch die muslimische Bevölkerung diskriminiert, interniert und existenziell bedroht wird. Ein Land, in dem muslimische Frauen zwangssterilisiert und systematisch sexuell missbraucht werden. Will ein Unternehmen wirklich damit werben?

Dieses Jahr trug Tokyo die olympischen Sommerspiele aus. Aufgrund verschiedener Skandale auf Finanzierungsebene und wegen Sorgen um die Pandemiestrategie bei den Spielen unternahm der landeseigene Sponsor Toyota Schritte, um sein Image nicht durch die Werbung in Verbindung mit den Spielen zu bedrohen. Sie boykottierten die Eröffnungsfeier und ließen den Werbespot der Firma, in dem mit den Olympischen Spielen in Tokyo geworben wurde, nicht laufen.

Die Spiele in Peking in vier Monaten ist für die Pandemiebekämpfung sicherlich ebenso nicht förderlich. Außerdem kosten die Spiele den austragenden Staat viel Geld, die infolge dem Sozialsystem fehlen, was bereits in Tokyo dieses Jahr kritisiert wurde. Darüber hinaus befinden sich jedoch in der Provinz Xinjiang eine Million uigurische, kasachische und andere muslimische Menschen in Konzentrationslagern. Sie werden zwangssterilisiert, sexuell missbraucht oder leisten Zwangsarbeit. Außerdem erfahren Tibeter*innen und Mongol*innen schwerste Unterdrückung ihrer Freiheiten und in Hongkong baut die chinesische Regierung auf aggressive Weise den Rechtsstaat ab. Dennoch hat sich bis jetzt keiner der Hauptsponsoren der olympischen Spiele dazu geäußert oder irgendeine Form des Boykotts angekündigt.

Wie verhalten sich die Sponsoren dem gegenüber?

Im US-Kongress wurden die Hauptsponsoren der Spiele, die aus den USA kommen, wie Coca Cola und AirBnB unter die Lupe genommen. Dabei fragte ein Senator: Stellen Sie sich vor, in Kalifornien würden Mitglieder der LGBTIQ-Szene in Lagern gehalten wie die Uigur*innen. Würden Sie die Spiele in San Francisco unterstützen?

So müssen wir hierzulande an die Allianz-Versicherung herantreten. Sie ist momentan das einzige deutsche Unternehmen unter den Hauptsponsoren der Olympischen Spiele. Das Unternehmen, das sich, wie die anderen Sponsoren auch, für die Wahrung der Menschenrechte und gegen Diskriminierung ausspricht, wirbt mit dem Event, das einem Land nutzt, das eine Bevölkerungsgruppe systematisch bekämpft.

Die US-amerikanischen Unternehmen wichen den Vorwürfen aus und gaben sich handlungsunfähig in den Bedingungen ihres Sponsorenvertrages gefangen. Es gibt dennoch vielfältige Handlungsmöglichkeiten innerhalb des vertraglichen Rahmens, beispielsweise in der Ausgestaltung der eigenen Werbung für die Spiele oder des Verzichts auf Delegierte vor Ort. Deshalb fordern wir von der Gesellschaft für bedrohte Völker zusammen mit unseren Mitstreiter*innen der Tibet Initiative Deutschland, dem Weltkongress der Uiguren, der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, der Ostturkestanischen Union in Europa, der Ilham Tohti Initiative und dem Aktionsbündnis Ingolstadt für die Wahrung der Menschenrechte der Uiguren die Allianz auf, diese Möglichkeiten zu ergreifen.

Dazu haben wir am 4.10.2021, vier Monate vor der Eröffnung der Winterspiele eine Kundgebung vor dem Hauptsitz der Allianz in München veranstaltet.

Was fordern wir von der Allianz?

Die Allianz kann nicht tatenlos Millionen von Euro in diese „Genocide-Games“ stecken. Sie hat mit dem jetzigen Wissen, dass diese Spiele in China ausgetragen werden, die Möglichkeit, ihren Sponsorenvertrag aufzulösen.

Außerdem sehen wir die Allianz AG in der Pflicht, ihre Reichweite zu nutzen, um auf die Menschenrechtsverstöße in Xinjiang und anderen Regionen Chinas aufmerksam zu machen. Auch liegt es in der Hand der Unternehmen, wie sie bei und mit den Olympischen Spielen werben. Die Sponsoren der Spiele in China können es beispielsweise Toyota in Japan gleichtun und keine Spots in Verbindung mit den Spielen zeigen. Des Weiteren obliegt es den CEOs der Firmen, bei den Feierlichkeiten nicht zu erscheinen. Wir sehen es als notwendig an, mit einem solchen Boykott ein Zeichen zu setzen.

In Verbindung mit Absagen, zum Beispiel der Teilnahme an der Eröffnungsfeier, hat die Allianz die Möglichkeit, Statements zu veröffentlichen, die auf die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in Xinjiang passieren, hinweisen.

Dafür standen wir an diesem Montag vor der Allianz in München.

Wie verlief die Kundgebung?

Mit einem Bündnis der verschiedenen Vertreter*innen der unterdrückten Gruppen in China wurden die Forderungen lautstark auf die Straße gebracht. Einerseits waren viele uigurische Menschen vor Ort, die in München ihre deutschlandweit größte Community haben. Ein Sprecher einer lokalen Gruppe hielt einen Redebeitrag, genau wie eine Sprecherin des World Uyghur Congress und schließlich Qelbinur Sidik, eine Überlebende der Camps.

Sie klärten über die aktuelle Lage in Ostturkestan auf und sahen in den olympischen Spielen eine Legitimation des Westens gegenüber dem chinesischen Regime. Die Austragung der Spiele in einem Land wird gemeinhin als eine Ehre des Gastgebers gesehen und sollte in den Augen vieler keiner Diktatur wie China zuteilwerden. Sie forderten daher die Allianz auf, ihre Macht zu nutzen, um auf die Verbrechen gegen die Uigur*innen aufmerksam zu machen.

Teilnehmende aus Gruppen, die sich für Tibeter*innen einsetzen waren ebenso zahlreich vertreten. So sprach eine Sprecherin der Tibetinitiative Deutschland und Golog Jigme, ein tibetischer Mönch, der im Exil lebt. Er hat selbst die diabolische Repression des chinesischen Regimes erfahren und forderte die Allianz insbesondere mit Blick auf die letzten Olympischen Spiele 2008 auf, von einem Sponsoring abzusehen.

Ebenso war eine Person von der Gruppe Hongkonger in Deutschland vertreten, die darauf hinwies, dass die Menschen in Hongkong auch unter der extremer Repression des chinesischen Regimes leiden, das spätestens seit letztem Jahr den Rechtsstaat und die Meinungsfreiheit  abgebaut hat.

Die Kundgebung war gesäumt von Ostturkestan- und Tibetflaggen und jenen der Revolution in Hongkong. Es ergab sich ein buntes Bild diverser Menschen mit kreativen Transparenten vor dem grauen Gebäude der Allianz-Versicherung. Es war eine starke Solidarisierung und Freundschaftlichkeit unter den verschiedenen Communities zu spüren. Diese „Allianz für die Menschenrechte“ trat gemeinsam für ihre Forderungen ein, wenn auch ihre Gründe verschieden sind. Keine Redner*in vergaß eine der betroffenen Gruppen, stets wurden alle Betroffenen in die Beiträge mit einbezogen.

Unter Sprachchören wie „Allianz do the right thing, no games in Beijing” und “Schließt die Camps“ wurde die Kundgebung von der Pressesprecherin der Allianz in München besucht. Diese bat eine Delegation von Augenzeug*innen zu einem Gespräch ein. Gespannt warteten die Teilnehmenden der Kundgebung auf das Ergebnis des Gesprächs.

Werden unsere Forderungen umgesetzt?

Zwar hat die Pressesprecherin der Allianz in München Delegierte unseres Bündnisses offen und freundlich empfangen, dennoch war das Ergebnis erwartungsgemäß ernüchternd. Zwar wurde getuschelt, ob die Allianz eventuell ihr Sponsoring sogar aufgeben würde, doch hat sie von solch einem Schritt eindeutig Abstand genommen.

Die Delegierten waren erfreut über die Gesprächsbereitschaft der Allianz AG, doch mussten sie sich damit zufriedengeben, dass die Augenzeug*innenberichte von Frau Sidik und Golog Jigme lediglich in einer Sponsorensitzung berücksichtig werden. Desweiteren hat sich die Allianz, wie erwartet, darauf berufen, dass sie bei der Entscheidung für China bereits in dem Sponsorenvertrag gewesen seien.

Sie sehen sich auf einer Seite mit den Opfern der Repression und des Genozids und leugnen in keinem Fall ihre Erfahrungen. Dennoch sah die Pressesprecherin davon ab, eine Auflösung des Vertrags mit dem IOC in Erwägung zu ziehen.

Wir werden nicht aufhören!

Insgesamt hat die Kundgebung für viel Aufmerksamkeit gesorgt: Verschiedene Medien, unter anderem auch die ARD waren vor Ort. Passant*innen waren interessiert, was vor dem Gebäude der Allianz geschah und die Betroffenen aus der uigurischen, tibetischen und Hongkonger Diaspora bekamen Zuspruch und Solidarität zu spüren.

Es bleiben vier Monate, bis die olympischen Winterspiele in Peking starten. Es werden Spiele, die das chinesische Regime in seinen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestätigen –  unter den Augen der ganzen Welt. Es gilt, die Spiele weiter zu stören soweit wir können, Druck auf die Sponsoren und das IOC auszuüben und – sobald sie losgehen – sie zu boykottieren. Denn Olympische Spiele in Peking sind Olympische Spiele in einer Diktatur, es sind Spiele unter einem Regime, das einen Völkermord verübt.

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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