Live Bericht aus Kabul

Autor: Jan Jessen via facebook

Bild: Jan Jessen via facebook

Jan Jessen ist Reporter der Neuen Ruhr Zeitung. Er ist seit vergangener Woche in Kabul. Vor seiner Reise sprach er mit unserem Nahostreferenten Dr. Kamal Sido über die Situation vor Ort. Die beiden stehen nach wie vor in engem Kontakt und schreiben regelmäßig über die Lage in Afghanistan und die Machtübernahme durch die Taliban. Wir möchten Jan Jessen für seine mutigen Berichte danken. Aus diesem Grund wollten wir sie hier veröffentlichen. Alle Fotos gehören Jessen:

13. August 2021

„Gespräche mit Menschen in Kabul. Diese Leute kommen aus Herat, sie haben 22 Stunden bis in die afghanische Hauptstadt gebraucht. Auf dem Weg haben sie an einer Straße in Ghazni Dutzende Tote gesehen. Ich habe auch einen Vater aus Kunduz getroffen, der mit seinem Sohn nach Kabul gekommen ist. Vor zehn Tagen hat der Junge eine Kugel in den Kopf bekommen, jetzt ist er blind. Er ist 13. Das Bild erspare ich euch. In Kabul kursieren die wildesten Gerüchte. Die Taliban haben die Nachbarprovinz Logar eingenommen und bewegen sich jetzt Richtung Nordosten nach Nangarhar, Laghman und Kapisa. Es heißt, es gebe einen Deal über die kampflose Übergabe von Kabul und die Einsetzung einer Übergangsregierung unter Führung der Taliban.“

14. August 2021

„Es wird wieder Nacht in Kabul. Die Taliban stehen einige Kilometer vor der Stadt, aber das Leben geht weiter. Die Straßenshops sind gut besucht, die Chai-Verkäufer und die Geldwechsler warten wie immer auf dem Bürgersteig auf Kundschaft. Der Verkehr staut sich. Uns kommt eine Hochzeitsgesellschaft entgegen, laut hupend, jubelnd. Hinter ihnen fahren gepanzerte Fahrzeuge der afghanischen Armee. Im Schare-Nau-Park im 10. Distrikt sitzen die Menschen auf den Rasenflächen, Männer spielen Carambole, unterhalten sich. Frauen, die aus Kunduz geflüchtet sind, bitten um Geld, manche sitzen auf gespendeten Säcken voller Reis. In der Park Mall spielen junge Männer Billard und bowlen. Die Geschäfte mit der Damenbekleidung, die bald wahrscheinlich verboten sein wird, sind noch geöffnet. Es herrscht so etwas wie Schicksalsergebenheit. Im Radio unseres Taxis läuft eine afghanische Cover-Version von „Capri Fischer“.

15. August 2021

„In Kabul ist es gerade sehr still. Die Menschen haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, die Büros und Geschäfte sind geschlossen. Selbst die Hunde, die bei unserem Compound leben, bellen nicht mehr. Ab und an sind Flugzeuge zu hören. Es kommen viele Tanklaster in die Stadt. Nach vereinzelten Gefechten am Stadtrand haben sich die Taliban zurückgezogen und warten das Ende der Verhandlungen ab. Wenn sie sich auf einen friedlichen Machtwechsel einigen können, bliebe den Menschen wenigstens die Zerstörung Kabuls und das massenhafte Sterben der neunziger Jahre erspart.“

„Der zurückgetretene afghanische Präsident hat sich nach Tadschikistan abgesetzt. Die Taliban sind in Kabul unterwegs. Afghanistan ist wieder offiziell Islamisches Emirat. Sicherheitskräfte der alten Regierung schießen aufeinander, weil sie sich um Geld streiten. Ansonsten ist es in Kabul ruhig.“

16. August 2021

„Letzte Nacht: In einem abgedunkelten Zimmer unseres Gästehauses sitzen wir beim Schein der Lampe eines Smartphones um das Essen herum, das unser Koch irgendwie zusammengezaubert hat, es gibt Brot, Reis und Hühnchen. Die Stimmung ist angespannt. Kurz vorher wurde in der Nähe geschossen, es heißt, die Taliban suchten das Gelände ab, nachdem Sicherheitskräfte einer benachbarten Einrichtung des Geheimdienstes auf sie gefeuert hätten.

Fehlalarm. Wie sich herausstellt, hatten die Sicherheitskräfte aufeinander geschossen, offensichtlich, weil sie sich um Geld stritten. Im Minutentakt ploppen auf den Telefonen die Nachrichten von besorgten Freunden und Verwandten aus Deutschland auf. Wir rauchen viele Zigaretten. Die Nacht bleibt unruhig. Immer wieder hallt das Geräusch von Schüssen durch die Dunkelheit, manche in direkter Nachbarschaft. Unser Doc erzählt am nächsten Tag, es seien Plünderer unterwegs gewesen, manche verkleidet als Taliban. Einige hätten versucht, auf unserem Gelände ein Auto zu stehlen. Mehrere Plünderer seien gestellt worden. Drei sollen erschossen worden sein. Den Festgenommenen droht unter dem neuen Regime jetzt die Amputation einer Hand. Der Flughafen wird in der Nacht von Menschen überrannt, die aus Kabul rauswollen. Hunderte dringen auf das Vorfeld vor, es gehen aber keine zivilen Maschinen raus. Am Morgen ist es in der Stadt ruhig. Um den Flughafen herum bleibt die Lage unübersichtlich. Mal schauen, ob wir heute rauskommen.“

17. August 2021

„Die Situation in Kabul: Am Flughafen herrscht noch immer Chaos. Tausende wollen irgendwie raus. US-Soldaten haben zehn Menschen erschossen und zwanzig verletzt. Drei Menschen, die sich an ein Flugzeug geklammert hatten, sind abgestürzt und gestorben. Wegen des Verkehrschaos kommen wir nicht zum Flughafen. In der Stadt treffen immer mehr Taliban ein. Zu größeren Übergriffen scheint es noch nicht gekommen zu sein. Einige Leute plündern leere Militäreinrichtungen, wie die auf dem Berg hinter unserem Compound. Ansonsten ist es vergleichsweise ruhig. Uns geht es gut, unsere afghanischen Freunde kümmern sich rührend um uns. Danke für all eure guten Wünsche und euren Zuspruch.“

Ein kurzes Update von Jan Jessen via facebook

17. August 2021

„Wir verlassen Afghanistan, und natürlich bin ich froh, dass wir es herausgeschafft haben. Mein Dank geht an die Botschaftsmitarbeiter in Kabul, das Auswärtige Amt, die Bundeswehr und all die anderen, die an der Evakuierung mitgewirkt haben.

Ich danke auch euch allen. Wir haben so viel mutmachenden Zuspruch und Segenswünsche bekommen, das hat uns aufgebaut, es war wunderschön zu sehen und zu spüren, wie viele Menschen an uns denken. Es waren aufreibende Tage und schlaflose Nächte. Im Dunkeln darauf zu warten, dass Fäuste an die Tür hämmern, zehrt an den Nerven. Im Hellen darauf zu warten, dass Bewaffnete auftauchen, um dich mitzunehmen, zehrt genauso an den Nerven. Zum Glück haben wir uns die ganze Zeit über unseren Humor bewahrt, der allerdings immer schwärzer wurde. Wir hatten vor allem unsere afghanischen Freunde um uns, die sich liebevoll um uns gekümmert haben, die nie von unserer Seite gegangen sind.

Sie sind der Grund, warum sich in die Freude unendliche Trauer mischt. Wir konnten raus. Unsere Freunde und so viele andere wundervolle Menschen nicht.

Ein Mensch wird zum schwarzen Punkt am Himmel von Kabul. Einem Punkt, der unter dem Rumpf einer Galaxy kreiselnd in die Tiefe fällt. Auf dem Boden schlägt der Mensch auf. Ein Mensch, der sich voller Panik an dem Flugzeug festgekrallt hat, das die Ausländer in Sicherheit bringt. Es ist für mich das Bild, das wie kein anderes die fürchterliche Lage beschreibt, in der die Menschen sind. Diejenigen, die sich für Menschenrechte eingesetzt haben. Die stolzen, selbstbewussten Frauen. Die Journalistinnen und Journalisten. Diejenigen, die für die Ausländer gearbeitet haben. All die, die so viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft hatten.

Karima, die sich als Streetworkerin um Kinder und alleinerziehende Frauen gekümmert und als Journalistin gearbeitet hat und jetzt weinend in ihrer Wohnung sitzt. Pere, die ihre farbenfrohe Kleidung gegen das blaue Stoffgefängnis tauschen muss. Ahmad, der Dolmetscher bei der Bundeswehr war, und jetzt mit seiner Frau und den sechs wundervollen Kindern im Land bleiben muss, weil seine Dokumente in den Trümmern seines Hauses verbrannt sind. Abdullah, der heute Morgen vom Flughafen zurückgekommen ist, enttäuscht und traurig. sein Hemd zerfetzt vom Stacheldraht. Die Kinder, die dich mit ihren großen Augen anschauen und lächeln, weil sie noch nicht wissen, was gerade geschieht. Sie alle müssen jetzt jede Nacht damit rechnen, dass Fäuste an die Tür hämmern. Sie alle müssen jetzt immer damit rechnen, dass am Tag Bewaffnete auftauchen, um sie mitzunehmen. Die Taliban wollen, dass in zwei Wochen alle Ausländer aus westlichen Staaten herausgebracht worden sind. Sie wollen keine Zeugen.

Vor unserem Abflug zieht ein Sandsturm auf.

In tiefer Trauer um die Menschen in Afghanistan.“


Unsere Gedanken sind bei den Menschen in Afghanistan, die an diesen Tagen in höchster Gefahr sind. Dr. Kamal Sido, Nahostreferent, fordert sofortige Unterstützung!:

Mehr zu der Situation in Afghanistan und unsere Forderungen findet ihr hier: https://www.gfbv.de/de/news/afghanistan0-10596/

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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