25 Jahre Arktischer Rat oder wem gehört die Arktis?

Autorin: Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker

Goldgräberstimmung in der Arktis: Das neue Gold heißt heute Kupfer, Nickel, Kohle, Erdöl, Erdgas, oder auch Mangan. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Rohstoffe befinden sich auf dem Festland, aber auch im Festlandsockel unter Wasser. Die Seewege bleiben immer länger eisfrei und wecken Begehrlichkeiten für Handelsschifffahrt, Kreuzfahrttourismus und die Militärstrategen der Arktisanrainerstaaten. Die Verteilungskämpfe haben längst begonnen. Auch China, das bereits an einer neuen Seidenstraße in der Arktis arbeitet, ist schon mit dabei. Doch wem gehört die Arktis eigentlich? Den Staaten, die sich die Territorien politisch aufgeteilt haben? Den Indigenen, die seit Menschengedenken die Region bewohnen? Und welche Rolle spielt der Arktische Rat?


Der Arktische Rat wurde 1996 von Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, der Russischen Föderation, Schweden und den USA gegründet. Damals standen durchaus ehrbare Absichten dahinter. Man wollte die Region vor rückhaltloser Ausbeutung schützen und erhob Umwelt- und Naturschutz sowie Nachhaltigkeit zu den Leitgedanken. Der Ratsvorsitz wechselt alle zwei Jahre. Zuletzt ging er am 20. Mai 2021 von Island auf Russland über. Die indigenen Dachverbände Aleut International Association, Arctic Athabaskan Council, Gwich’in Council International, Inuit Circumpolar Council, Russian Association of Indigenous Peoples of the North (RAIPON) und Saami Council vertreten als ständige Teilnehmer die indigenen Interessen im Arktischen Rat. Sie haben beratende Funktion und können sich mit Eingaben an den Diskussionen und der Entscheidungsfindung des Rates beteiligen. Stimmrecht haben sie jedoch nicht.

SIBIRIEN

• Sibirien ist eine Schatzkammer, reich gefüllt mit Öl, Gas, Kohle, Edelmetallen, Edelsteinen und anderen Schätzen. 
• Es umfasst den größten Teil des asiatischen Territoriums von Russland sowie den Norden von Kasachstan und ist mit seinen rund 16 Mio. Quadratkilometern Fläche größer als Europa. 
• Die indigenen Völker dieses größten Teils der Arktis leben traditionell mehrheitlich von der Rentierhaltung, der Jagd und dem Fischfang. 
• In Russland werden 40 Völker offiziell als indigene Minderheiten des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens anerkannt. Sie konnten ihre traditionelle Lebensweise teilweise beibehalten und siedeln in ihren Territorien im Norden und in den asiatischen Teilen des Landes. 
• Die Zahl ihrer Mitglieder liegt zwischen unter 200 (Orotschen) und 34.000 (Nenzen) Zusammen machen sie nach Angaben der dänischen NGO IWGIA 260.000 Menschen aus. 


Außerdem ist die indigene Bevölkerung viel zu vielfältig, um in diesen wenigen Dachverbänden angemessen vertreten zu sein. Die Nichtregierungsorganisation RAIPON zum Beispiel genießt nicht das Vertrauen der kritischen Indigenen, die ihre Gebiete nicht dem Rohstoffboom opfern und sich politisch nicht entmündigen lassen wollen. Die Organisation wurde 2012 wegen angeblicher Satzungsverstöße vom russischen Justizministerium mit einem sechsmonatigen Arbeitsverbot belegt und nach der Wiedereröffnung mit einer staatskonformen Führung besetzt. Die oppositionellen Indigenen finden sich heute bei ABORIGEN oder der Batani Foundation zusammen. Manche von ihnen mussten ins Exil gehen, da sie sich in Sibirien nicht mehr frei äußern können und in Gefahr sind. Konflikte wie derjenige um den künftigen Kupferbergbau von Nussir in Nordnorwegen mit den dort aktiven samischen Rentierhaltern vom Repparfjord oder mit den indigenen Nenzen, Dolganen und anderen, die auf der sibirischen Taimyr-Halbinsel verzweifelt ihre Lebensgrundlagen gegen großflächigen Rohstoffabbau durch Konzerne wie den russischen Nornickel-Konzern verteidigen müssen, stehen für viele andere. Sie zeigen, dass Naturschutz und Nachhaltigkeit wenig mehr sind, als Worte auf Papier.

25 Jahre
In diesem 25. Jahr seines Bestehens war der Arktische Rat geprägt von dem Wechsel der Ratspräsidentschaft von Island auf Russland (2021 – 2023) und der Kooperation zwischen Russland und den USA in der Arktis. Russland sieht die Vormachtstellung, die es in der Arktis für sich in Anspruch nimmt, spätestens seit der Absicht des ehemaligen Präsidenten Trump, Dänemark das autonome Grönland abzukaufen und durch das danach geschaffene US-Konsulat auf Grönland infrage gestellt. Hinzu kommen die deutlichen Versuche Chinas, sich in der Region zu etablieren. Die Delegation Russlands beim Arktischen Rat war entsprechend hochkarätig. Ihr gehörten laut Barents Observer Außenminister Lavrov, Arktisminister Korchunov sowie Vertretungen des Ministeriums des Fernen Ostens und der Arktis, des Ministeriums für Rohstoffe, der Föderalen Agentur für Atomenergie Russlands Rosatom und vermutlich auch des Sicherheitsrates Russlands an.


Arktisminister Korchunov wird für die russische Ratspräsidentschaft eine Schlüsselstellung beigemessen. Er nannte als deren Schwerpunkte den Umgang mit dem Klimawandel, Biodiversität, Rohstoffförderung und die Schifffahrtswege im arktischen Meer. Das Onlineportal Barents Observer zitiert Korchunov mit der Aussage, er wolle die Arktis „attraktiv für Investoren“ machen. Wie das zu dem Anspruch von Umweltschutz und Nachhaltigkeit passt, bleibt abzuwarten. Korchunov will außerdem die Jahreskonferenzen der militärischen Oberbefehlshaber für die Arktis wiedereinführen, die 2014 ausgesetzt worden waren. Er wertet diese Initiative als Zeichen für Vertrauensbildung und Sicherheit in der Region. Für die seiner Einschätzung zufolge zunehmend schwierige Sicherheitslage in der Arktis macht er die Marinemanöver der westlichen Staaten verantwortlich. Die Aufrüstung der Arktis durch Russland dagegen rechtfertigt er mit dem notwendigen Schutz russischer Wirtschaftsprojekte; sie sei keine Bedrohung anderer Staaten. Im August 2020 gründete der Sicherheitsrat Russlands eine Arktis-Kommission als neues Gremium. Damit unterstreicht Moskau einmal mehr die große Bedeutung, die dieser Region beigemessen wird.


Zum Weiterlesen:


Indigene Völker der Arktis zwischen Klimawandel und Rohstoffboom, GfbV-Report 2020
https://www.gfbv.de/de/informieren/veroeffentlichungen/detail/news/detail/News/gfbv-report-ueber-indigene-voelker-der-arktis-10088/

Barents Observer (in englisch)
https://thebarentsobserver.com/en

Autor: GfbV Online

Hinter GfbV Online versteckt sich das Onlineteam der international tätigen Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker e.V".

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